Schwule Spender unerwünscht

Für homosexuelle Männer gilt ein Blutspende-Verbot. Eine Lockerung der Bestimmungen zieht Swissmedic derzeit nicht in Betracht – entgegen der Meinung von Experten. Regionale Homosexuellen-Organisationen sind empört.

Rahel Haag
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Für homosexuelle Männer gilt in der Schweiz seit den 1980er-Jahren ein lebenslanges Blutspende-Verbot. (Bild: ky/Michael Reichel)

Für homosexuelle Männer gilt in der Schweiz seit den 1980er-Jahren ein lebenslanges Blutspende-Verbot. (Bild: ky/Michael Reichel)

ST. GALLEN. Nicht jeder darf Blut spenden. Vor einer Spende muss man zuerst einen Fragebogen ausfüllen und unter anderem über seine sexuelle Orientierung Auskunft geben. Wer als Mann angibt, seit 1977 sexuelle Kontakte mit anderen Männern gepflegt zu haben, geht ohne Blutverlust nach Hause. «Ich kann das Verbot nicht nachvollziehen», sagt Roger Lienheer, Präsident der Homosexuellen Organisation Thurgau. Das Thema sorge in seinem Bekanntenkreis immer wieder für Diskussionen. «Es gibt genügend Hetero-Männer, die ungeschützten Verkehr haben – auch sie gehören zur Risikogruppe.»

Ein zu hohes Infektionsrisiko

«Es geht nicht um die sexuelle Orientierung, sondern um den Schutz des Empfängers einer Bluttransfusion vor gefährlichen Krankheiten», sagt Thomas Bart, stellvertretender Direktor der Blutspende SRK Schweiz AG. Das Blutspende-Verbot für homosexuelle Männer basiert auf einer Empfehlung des Europarates. Demnach sollen Personen von der Blutspende ausgeschlossen werden, wenn ihr Sexualverhalten ein hohes Infektionsrisiko birgt – und das, obwohl das Blut jeder Spende unter anderem auf das HI-Virus untersucht wird. «Trotz hochsensibler Tests bleibt ein Ansteckungsrisiko mit HIV während den ersten zwölf Tagen nach erfolgter Infektion», sagt Bart. Spende also jemand kurz nach einer HIV-Ansteckung Blut, werde der Empfänger vermutlich mit Aids angesteckt.

Auch bei heterosexuellen Blutspendern wird nach deren sexuellen Kontakten gefragt – allerdings spezifischer. Sexuelle Kontakte mit einer neuen Partnerin oder einem neuen Partner innerhalb der vergangenen vier Monate oder sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnerinnen oder Partnern innerhalb des vergangenen Jahres – geschützt oder ungeschützt – führen zu einem vorübergehenden Spenden-Ausschluss. Ein Modell, das sich auch auf homosexuelle Männer anwenden liesse, wie es in diversen Ländern der Fall ist (siehe Kasten).

«Ich würde wieder spenden»

«Ich habe früher – vor allem in der Zeit beim Militär – regelmässig Blut gespendet», sagt Martin Nitecki, Präsident des Vereins Gay Ostschweiz. Seine sexuelle Orientierung spielte nie eine Rolle. Umso erstaunter war er, als er vor gut 20 Jahren abgelehnt wurde. «Es wurde neu nach sexuellen Kontakten mit Männern gefragt und ich habe Ja angekreuzt.» Damals habe er die Ablehnung als diskriminierend empfunden. Einen Groll hegt Nitecki aber nicht: «Ich würde wieder Blut spenden, wenn die Bestimmungen gelockert würden.» Er sei oft mit dem Motorrad unterwegs. «Wer weiss, vielleicht bin ich selber mal auf Spenderblut angewiesen.»

Das lebenslange Blutspende-Verbot für homosexuelle Männer wurde in den 80er-Jahren eingeführt. «Damals war HIV ein grosses Problem und die Diagnostik im Blutspenden schwierig», sagt Pietro Vernazza, Leiter des Fachbereichs Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen. In der Zwischenzeit habe sich vieles verändert. Die Virus-Untersuchung im Blut zusammen mit dem normalen HIV-Antikörpertest sollten gemäss Vernazza als Sicherheitsmassnahme genügen. «Dazu kommt, dass heute viele Männer Sex mit Männern haben, ohne dies offen zu sagen oder sich gar als homosexuell zu bezeichnen.» Nach Vernazza müsste deshalb die entscheidende Frage für männliche Spender wie folgt umformuliert werden: Hatten Sie in den letzten sechs Monaten Sex mit einem oder mehreren Männern? «Damit beschreibt man das Verhalten, das mit einem gewissen Risiko einhergeht, ohne zu diskriminieren.»

Swissmedic als Aufsichtsbehörde über das Blutspendewesen ist da anderer Meinung. Das Schweizerische Heilmittelinstitut hat die Ausschlusskriterien überprüft und kam 2013 zum Schluss, dass eine Lockerung nicht angebracht sei.

Der Entscheid ist bindend

Die Blutspende SRK Schweiz AG hätte sich dagegen ebenfalls eine Lockerung der Vorschriften vorstellen können. «Wir haben das mehrfach öffentlich sowie gegenüber den Bundesbehörden signalisiert», sagt Bart. Der Entscheid von Swissmedic ist jedoch bindend. Ein Verstoss würde von den Aufsichtsbehörden als Nichteinhaltung des Sicherheitsgebotes interpretiert. «Als Konsequenz würde der Verlust der Betriebszulassung drohen.»