Schwimmend über die Grenze

Baden im Alten Rhein

Christina Vaccaro
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In die Schweiz schwimmen kann man von der Liegewiese im österreichischen Lustenau aus. (Bild: Christina Vaccaro)

In die Schweiz schwimmen kann man von der Liegewiese im österreichischen Lustenau aus. (Bild: Christina Vaccaro)

Auf der Lustenauer Liegewiese, der beliebtesten Badestelle zwischen Hohenems und Lusten­au, tummeln sich die Besucher des Szene-Open-Airs am Alten Rhein. Dem Vorhaben, schwimmend die Staatsgrenze zwischen Österreich und der Schweiz zu überqueren, tut das keinen Abbruch.

Über 100 Meter Wasser trennen das österreichische und das schweizerische Ufer an dieser und an vielen anderen Stellen am Alten Rhein. Manchmal sind es auch deutlich weniger. Grenzübertritte über die blaugrüne Wassergrenze in die Schweiz sind erlaubt – zumindest für EU-­Bürger. In grenznahen Badis wie etwa dem Bad Rheinauen in Hohenems oder dem Schwimmbad Diepoldsau werden Grenzübertritte mit mannshohen Zäunen unterbunden. In freier Natur ist das anders. Als Österreicherin kann ich hier guten Gewissens in die Schweiz schwimmen, sofern ich die erforderlichen Einreisedokumente dabeihabe und keine Gefahr darstelle.

«Grenzkontrollen erfolgen nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit», erklärt Silvan Lieberherr vom Grenzwachtkommando in Chur. «Wir beurteilen situativ und geben einer offenkundig badenden Person die Möglichkeit, auch nachträglich Einreisedokumente vorzuweisen.» Eine Busse gebe es bei fehlenden Dokumenten laut Lieberherr nicht.

Dass sich der Reisepass nicht im Baderucksack befindet, sondern zu Hause ist, macht also nichts. Ab in den Alten Rhein, vorbei an lauten Teenagern, Stockenten und Haubentauchern, zwischen Teichrosen und Algenwäldern hindurch, aufs offene Wasser hinaus. Der Schweizer Seite näherkommend sinkt die Wassertemperatur. Ob sich das angeblich unterkühlte Naturell der Schweizer auch in ihren Gewässern bemerkbar macht? Der Alte Rhein belehrt die Schwimmerin eines Besseren: Die zeitweilige Abkühlung hatte mehr mit einer Strömung in der Mitte des Flusses zu tun.

Das Ufer naht. Noch drei lange Brustzüge und die Füsse finden dankend Steine anstatt Schlamm als Untergrund. Ich steige aus dem Wasser und betrete Schweizer Boden – mit einem leichten Gefühl des Triumphs. Dabei ist der Übertritt der Wassergrenze hier ja eigentlich nichts Aussergewöhnliches. Vermutlich haben sie die meisten Badenden im ­Alten Rhein schon einmal überquert – denn sie liegt irgendwo im Fluss. Ist doch irgendwie schön, wenn Grenzen verschwimmen.

Christina Vaccaro

christina.vaccaro@tagblatt.ch