Schweizer Nati
«Wir wollen nicht unnötig reingrätschen»: Die Ostschweizer Polizeikorps reagieren mit Kulanz auf die Siegesfeiern von Fussballfans

St.Gallen, Kreuzlingen, Frauenfeld: Die Strassen wurden am späten Montagabend von feiernden Fussballfans in Beschlag genommen. Dies sorgt auch für Stau und Lärm. Für die Ostschweizer Polizistinnen und Polizisten stellen sich zwei Fragen: Was dulden? Wann eingreifen?

David Grob
Merken
Drucken
Teilen

Feiernde Fans in der Stadt St.Gallen.

Raphael Rohner

Montagabend, 23.45 Uhr: Yann Sommer hält den letzten Penalty des französischen Superstars Kylian Mbappé und bringt die Schweizer Nationalmannschaft in den Viertelfinal. Er versetzt damit Fussballfans landesweit in kollektive Euphorie und treibt sie aus den wenigen Public Viewings, aus den heimischen Stuben, aus den Restaurants auf die Strassen. Von Frauenfeld bis Buchs, von Kreuzlingen bis Rapperswil gleichen sich die Bilder: Fans im Freudentaumel und hupende Autokorsos nehmen die Ostschweizer Kreisel und Strassen in Beschlag.

Die Siegesfeiern bedeuten aber auch: Es kommt zu einem erhöhten Verkehrsaufkommen in den Innenstädten, zu Staus, zu Strassensperrungen. Und nicht zuletzt zu Lärm und Nachtruhestörungen. Damit stellen sich der Polizei zwei Fragen: Was dulden? Wann einschreiten? Michael Roth, Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau, bemüht eine Fussballmetapher:

«In solchen Situationen wollen wir nicht unnötig reingrätschen.»

Man interveniere, wenn notwendig – stets mit dem nötigen Augenmass. Roth verweist auf das Konzept, welches die Kantonspolizei bereits vor der Europameisterschaft erstellt und öffentlich kommuniziert hat. Die Vorgehen der Ostschweizer Polizeikorps – Stadtpolizei St.Gallen, Thurgauer und St.Galler Kantonspolizei – gleichen sich, wie sich auf Nachfrage zeigt. Die Kurzform: Toleriert wird, was nicht stört.

46 Bilder

Bild: Ralph Ribi

Florian Schneider, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen, konkretisiert auf Nachfrage: «Autokorsos, Verkehrsbelästigungen oder Hupen werden toleriert.»

Klar ist: Überall wird eingeschritten bei Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Was darunter fällt, ist dem Thurgauer Konzept zu entnehmen: «Gewalttätigkeiten wie Körperverletzungen, Tätlichkeiten, Sachbeschädigungen oder das Zünden von pyrotechnischen Gegenständen in Menschenmengen werden geahndet.» Auch das Schwenken von Fahnen aus fahrenden Autos, das Mitfahren auf Motorhauben oder Autodächern fallen in den Kantonen St.Gallen und Thurgau darunter. Florian Schneider: «Hier gilt eine Nulltoleranz.»

Friedliche Stimmung bei den Siegesfeiern auf Ostschweizer Strassen

Drei solche Zwischenfälle nach dem Natispiel vom Montagabend kann Schneider benennen, bei denen drei Personen bei der Staatsanwaltschaft St.Gallen verzeigt worden sind: eine Person, wegen eines Kavaliersstarts mit durchdrehenden Reifen in Rapperswil, zwei Personen, weil sie in Buchs aus dem fahrenden Auto gelehnt sind. Vereinzelt sei es zu Streitereien zwischen Fans gekommen. Ansonsten heisst es aus den Ostschweizer Polizeistationen unisono:

«Die Stimmung war friedlich. Es gab kaum Zwischenfälle.»

Eigentlich sehen die Kantonspolizeien Thurgau und St.Gallen sowie die Stadtpolizei St.Gallen Feiern im öffentlichen Raum bis eine Stunde nach Spielende oder bis Mitternacht vor. Bei einem Schlusspfiff mit dem letzten Penalty um 23.45 Uhr ist klar: Diese Regel durchzusetzen, war am späten Montagabend nicht möglich. Florian Schneider: «Hier müssen wir kulant und der Situation angemessen reagieren.» Erst gegen 1.30 Uhr, als der eintretende Regen auch die letzten Feierwütigen ins Bett getrieben hat, waren die Strassen wieder frei.