Der Thurgauer Andreas Linsbauer reist bis zum Ende der Eiszeit

Der Forscher und Dozent aus Matzingen untersucht, wie schnell die Schweizer Gletscher schmelzen. Mit einem 3-D-Erlebnis will er die Menschen aufrütteln.

Hana Mauder Wick
Drucken
Teilen
Der Gletscherforscher Andreas Linsbauer aus dem Thurgau an der Uni Irchel in Zürich. (Bild: Andrea Stalder)

Der Gletscherforscher Andreas Linsbauer aus dem Thurgau an der Uni Irchel in Zürich. (Bild: Andrea Stalder)

Eine Schachtel Thurgauer Erdbeeren auf einem Tisch an der Universität Zürich entlockt ihm ein Lächeln. «Die bekommt meine Tochter von ihren Grosseltern jeweils zum Geburtstag geschenkt», sagt Andreas Linsbauer. Seit rund zehn Jahren lebt der Gletscherforscher und Dozent für angehend Sekundarlehrer in Zürich. Beruflich pendelt er zwischen den Universitäten Freiburg und Zürich hin und her. Aber seine Wurzeln, die hat der Glaziologe (Wissenschaftler Gletscherkunde) im Thurgau.«Ich bin in Matzingen aufgewachsen.» Derzeit macht der Forscher als Leiter eines Projektes von sich reden: Es heisst «Expedition 2 Grad» und ist derzeit im Nationalparkzentrum Zernez stationiert. Das soll die nächste Generation ansprechen Die Idee dazu klingt einleuchtend. Der 42-Jährige erklärt:

«Der Mensch begreift, was er mit eigenen Augen sieht.»

Das Projekt schickt die Besucher auf eine Reise durch Zeit und Raum. Mit Hilfe einer 3-D-Brille lässt sich erleben, wie die Eismassen des Aletschgletschers in den nächsten 50 Jahren schmelzen. «Als Erklärer und Begleiter führt der Naturwissenschaftler John Tyndall durch die Expedition», sagt Linsbauer. Dessen Stimme begleitet die einzelnen Etappen der Zeitreise zwischen Gestern, Heute und Morgen. Zum Abschluss bietet sich ein Ausblick auf das Ende der «Eis-Zeit»: Was bleibt ist Geröll, der eine oder andere See und eine Szenerie in braungrauen Schattierungen. Ein Bild, das den Betrachter emotional abholt und die Gedanken in Gang setzt. Linsbauer sagt:

«Wir möchten vor allem die nächste Generation ansprechen.»

«Mehr als 30 Schulklassen haben die Ausstellung bisher besucht. Die Reaktionen waren sehr positiv.» Seine beruflichen Weichen neu gestellt Für den Gletscherforscher schliesst sich mit diesem Projekt ein Kreis. «Meine Mutter ist Walliserin. Bergwanderungen gehörten zu meiner Kindheit dazu.» Die tiefe Faszination für Alpen hat ihn aber während seiner Ausbildung am Lehrerseminar in Kreuzlingen gepackt.

«Ein Flötenlehrer nahm eine Gruppe Schüler mit auf eine Skitour», erinnert er sich. Der Funke sprang sofort über. Seinen ersten Lohn als Lehrer investierte Linsbauer in eine eigene Ausrüstung. Seine weiteren Ausflüge im Hochgebirge liessen ihn ein neues Kapitel aufschlagen: Er stellte seine beruflichen Weichen neu. Nach einem Auslandsjahr studierte er Geografie an der Universität Zürich, absolvierte die Ausbildung für das höhere Lehramt und verschrieb sich der Glaziologie.

Auf Gletschermessung mit Sonden und Schaufeln

Andreas Linsbauer gehört unter anderem zum Team der Glamos-Experten. Das Schweizerische Gletschermesswerk beobachtet und dokumentiert die langfristigen Gletscherveränderungen in den Schweizer Alpen. Dafür ist der Gletscherforscher zweimal pro Jahr mit einer Gruppe für Messungen auf den Gletschern unterwegs. Im Winter mit Ski, im Sommer mit Steigeisen. Zur Ausrüstung gehören Messgeräte, Sonden, Bohrer, Schaufeln und Pickel. «Wir messen die Massenbilanzen der Gletscher», erklärt er.

Gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen dokumentiert er im Frühling mit Sonden und Schneeschächten, wie viel Schnee auf den Gletschern liegt. Im Herbst wird an Stangen, die das Jahr zuvor in den Gletscher gebohrt wurden, das Schmelzen der Gletscher gemessen. «Meine erste Feldarbeit führte mich vor zehn Jahren auf den Findelgletscher», sagt Linsbauer. Den Temperaturanstieg begrenzen Die so gesammelten Daten sprechen eine, für Experten deutliche, Sprache. Der Klimawandel hat einen grossen Einfluss auf die Gletscher. «Er soll aber durch globale Anstrengungen auf einen Temperaturanstieg deutlich unter zwei Grad begrenzt werden. Dafür steht das Pariser Abkommen.»

Und zwar um eben jene zwei Grad, die in der Simulation einer möglichen Zukunft der Gletscher eine grosse Rolle spielen. Es ist ein Balanceakt auf einem schmalen Grat. «Wenn wir die Hand in warmes Wasser halten, können wir kaum zwischen 36 oder 38 Grad unterscheiden», erklärt Andreas Linsbauer. Aber auf der globalen Skala der Erderwärmung sind zwei Grad weit mehr, als nur die Spitze eines Eisbergs. «Für meine Doktorarbeit habe ich gesammelte Daten über den Gletscherschwund in ein Modell verpackt», erzählt er.

Das tun, was möglich ist

Die filmische Visualisierung von Resultaten aus dieser Arbeit, gefilmt von einer Studentin der Zürcher Hochschule der Künste, dient als Grundlage für das Projekt «Expedition 2 Grad». Andreas Linsbauer betont: «So etwas kann man nicht alleine machen. Es ist das Produkt einer ausgezeichneten Zusammenarbeit.» Der Gletscherforscher sieht sich auch nicht als Prophet der Apokalypse. Er glaubt an die grosse Wirkung der kleinen Dinge.

«In den Ferien nehmen wir als Familie lieber den Nachtzug als das Flugzeug.» Jetzt will er die nächste Generation an Bord holen. «Ich wünsche mir, dass der Klimawandel als Fakt in den Köpfen der Menschen ankommt.» Nicht, um bei der jungen Generation ein schlechtes Gewissen zu schüren. «Sondern damit jeder Einzelne für unsere Welt tut, was ihm möglich ist.»