Schweizer Autoposer
«Die fanden es legitim, in unseren Garten einzudringen und dort zu urinieren»: 500 Autoposer waren in Konstanz unterwegs – und die Schweiz kriegt nichts mit

Die Polizei Konstanz war am Samstagabend wegen bis zu 500 Autoposern im Einsatz. Der Grossteil davon hatte Schweizer Kennzeichen.

Alain Rutishauser, Claudia Rindt
Merken
Drucken
Teilen
Am Wochenende waren rund 500 Autoposer in Konstanz unterwegs.

Am Wochenende waren rund 500 Autoposer in Konstanz unterwegs.

Symbolbild: Roland Schmid

Es hat gelärmt am Samstagabend. Laut Angaben der örtlichen Polizei haben sich rund 500 sogenannte Autoposer auf den Strassen von Konstanz herumgetrieben. Der grösste Teil davon hatte ein Schweizer Kennzeichen montiert.

Zahlreiche Einsatzkräfte standen an drei Orten im Einsatz. Sie stellten mehrere Verstösse gegen die Strassenverkehrsordnung sowie die örtliche Coronaverordnung fest. Ausserdem habe es Anzeigen wegen Lärmbelästigung sowie fehlender Autokennzeichen gegeben.

Erster Treffpunkt um 20.15 Uhr war der Parkplatz eines Einkaufszentrums in Singen. Über 300 Fahrzeuge versperrten die Parkplätze für zahlende Kundschaft. Sie hätten Shisha-Pfeifen und Campinggrills dabei gehabt. Der Aufforderung, den Parkplatz zu räumen, sei nur zögerlich Folge geleistet worden.

Autoposer pinkelt in Garten von Anwohnern

Nachdem die Autoposer die B33 und die A98 nach Stockach verstopfen und das dortige Industriegebiet blockieren, ziehen sie ab 23 Uhr weiter in die Konstanzer Innenstadt. Zu dieser Zeit wurden ganze 500 Fahrzeuge gesichtet. Zunächst sei der Parkplatz der Universität Konstanz besetzt worden, danach hätten die getunten Fahrzeuge die Strassen der Stadtteile Wollmatingen und Fürstenberg besetzt.

Zahlreiche verärgerte Anwohner meldeten sich bei der Polizei. «Das war an der Grenze zum Terror», sagt Petra Geusch-Leuthe, eine Anwohnerin, im «Südkurier». Die Autoposer seien in Schlangenlinien gefahren, Reifen hätten gequietscht und Auspuffe geknallt. Die Luft habe nach Abgas gestunken. Die Polizei sagte ihr, sie solle wieder auflegen, denn man habe in Stockach und Singen ebenfalls mit Posern zu kämpfen. «Die Polizei war überfordert», sagt Geusch-Leuthe.

Michaela Tartsch, die in der Friedrichsstrasse wohnt, erzählt, dass eines der Poserautos vor ihrem Haus hielt und vier Männer ausstiegen. «Die fanden es offenbar völlig legitim, in unseren Garten einzudringen und dort zu urinieren», empört sich Tartsch. Bei den Posern habe es sich um aufgestylte Männer mit fein rasierten Bärten gehandelt.

Konstanzer Politiker fordern zum Handeln auf

Nach dem Vorfall äusserten sich auch mehrere Politiker zu dem Vorfall. «Es herrscht grosse Einigkeit, dass etwas getan werden muss», sagt Jürgen Ruff, Stadtrat der SPD in Konstanz. Man müsse zeigen, dass Poser nicht willkommen sind. «So kann es nicht bleiben», findet auch Wolfgang Müller-Fehrenbach, Stadtrat der CDU.

Normen Küttner, Stadtrat der Freien Grünen Liste, fordert von der Stadt, sich gemeinsam mit der Polizei dafür einzusetzen, dass sich solch «unzumutbaren Szenen in Zukunft nicht wiederholen».

Die Stadt Konstanz sei vom Auftritt der Poser völlig überrascht worden. Man hoffe nun, dass sich solche Posertreffen nicht wiederholen würden. «Die Stadt hat leider keine Möglichkeit, im fliessenden Verkehr Kontrollen durchzuführen. Dies ist Sache der Polizei», sagt Stadtsprecher Walter Rügert.

Schweizer Zoll und Polizei beobachtete nichts Ungewöhnliches

In der Schweiz blieb der Vorfall vom Samstag – immerhin machten sich Hunderte Autos auf dem Weg nach Deutschland – grösstenteils unbemerkt.

«Wir haben weder im Raum Schaffhausen noch im Raum Thurgau am vergangenen Samstag vermehrt getunte Autos festgestellt», sagt Simon Erny, Mediensprecher der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV). Die meisten entsprechenden Grenzübergänge seien in der Nacht nicht besetzt und würden nur mobil überwacht. «Mobile Einheiten der EZV haben entsprechende Fahrzeuge auf dem Stadtgebiet von Kreuzlingen angetroffen. Es wurden aber keine Gesetzeswidrigkeiten festgestellt», fügt Erny an. Grundsätzlich sei festzuhalten, dass an den meisten Wochenenden Fahrzeuge die Grenze passieren würden, welche in die Kategorie «getunte Autos» fallen können.

Die Kantonspolizeien Thurgau und Schaffhausen haben in diesem Zusammenhang am vergangenen Samstag nichts Ungewöhnliches beobachtet. «Die Schaffhauser Polizei ist in stetigem Austausch mit den deutschen Kollegen und hat auch schon gemeinsame Präventionsaktionen in diesem Zusammenhang durchgeführt», sagt Patrick Caprez, Sprecher der Schaffhauser Polizei.

Auch die angrenzenden Kantonspolizeien St.Gallen und Zürich haben keine Autoposer beobachten können, die am Samstagabend in Richtung Deutschland unterwegs gewesen seien.

Um halb 1 Uhr war der Spuk wieder vorbei und der Grossteil der Fahrzeuge über die städtischen Grenzen in die Schweiz verschwunden. Bis 2 Uhr habe sich die Lage in Konstanz beruhigt.