Schwarzer Peter für grüne Nationalrätin

Acht Jahre ist es her, dass Karin Keller-Sutter das erste Mal Anlauf für den Bundesrat nahm – und scheiterte. Als eine der wenigen machte Yvonne Gilli am Tag der Bundesratswahl kein Geheimnis daraus, nicht für Keller-Sutter gestimmt zu haben. Diese Ehrlichkeit wurde der damaligen grünen Nationalrätin übel ausgelegt.

Regula Weik
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Yvonne Gilli. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Yvonne Gilli. (Bild: KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Karin Keller-Sutter war 2010 an jenem Mann gescheitert, dessen Sitz in der Landesregierung sie nächste Woche beerben dürfte, nämlich an Johann Schneider-Ammann. Es sei ihr damals klar gewesen, dass sie nicht gewählt werde, sagt sie heute. Das dürfte nur die halbe Wahrheit sein. Wer die Wilerin kennt, der kann sich lebhaft vorstellen, wie enttäuscht sie war. Wohl weniger über die SVP, die ihren eigenen Sprengkandidaten Jean-François Rime gewählt hatte, als vielmehr über die eigene Parteileitung. Präsident Fulvio Pelli hatte Keller-Sutter zur Kandidatur ermuntert, doch eigentlich wollte die Parteispitze lieber Schneider-Ammann im Bundesrat. Auch die Ostschweizer Vertreterinnen und Vertreter standen nicht geschlossen hinter der damaligen St. Galler Regierungsrätin.

Als eine der wenigen machte Yvonne Gilli am Tag der Bundesratswahl kein Geheimnis daraus, nicht für Keller-Sutter gestimmt zu haben. Diese Ehrlichkeit wurde der damaligen grünen Nationalrätin übel ausgelegt. Am Tag danach erklärte sie: «Ich spiele nicht auf die Person. Ich respektiere sie als freisinnige Politikerin. Ich könnte mir auch jederzeit vorstellen, mit ihr zusammenzuarbeiten.» Bloss: «Ich politisiere anders. In den Kernanliegen teilt die FDP meine Haltung nicht.» In ihrer Heimatstadt – Gilli ist wie Keller-Sutter Wilerin – wurde der Ärztin diese Haltung übel genommen. Das Gratisblatt «Wiler Nachrichten» verlieh ihr den «Kaktus des Jahrhunderts». Auf der Frontseite hiess es «Scha(n)de!». Und weiter: «Enttäuschend zu sehen, wie sich eine nach ihrer Wahl dem eigenen Stimmvolk nicht mehr verpflichtet fühlt.» Auf die Frage, ob sie nun für ihre Ehrlichkeit büssen müsse, antwortete Gilli damals: «Die Bevölkerung soll ihre Vertreterinnen und Vertreter einschätzen können. Diese sollen Farbe bekennen – auch dann, wenn ein Thema bewegt oder ein Entscheid schwierig und nicht mehrheitsfähig ist.»

Rechsteiner damals und heute

Mit der Nichtwahl von Keller-Sutter war die Ostschweiz im Bundesrat weg vom Fenster. Ist diese Vertretung Gilli unwichtig? Die Ostschweiz könne sich nicht nur über den Bundesrat in Bern bemerkbar machen. Auch die Ostschweizerinnen und Ostschweizer in National- und Ständerat würden die Region und ihre Anliegen vertreten. Und: «Die Deutschschweiz ist als ein Raum zu betrachten – und da geht die Sachpolitik vor.»

So offen wie die grüne Nationalrätin sprach damals kaum jemand über sein Wahlverhalten. Hildegard Fässler und Paul Rechsteiner, die damalige St. Galler SP-Abordnung im Nationalrat, hielt sich bedeckt. Heute ist Rechsteiner Ständeratsgspänli von Keller-Sutter; er hat schon länger signalisiert, dass sie «eine ideale Vertreterin» der Ostschweiz im Bundesrat wäre. Für die SVP dürfte die Ostschweiz-Überlegung kaum mitgespielt haben; ihr ging es um Grundsätzliches. Oder um das Geschlecht? Der damalige, inzwischen abgewählte SVP-Nationalrat Elmar Bigger sagte jedenfalls: «Vier Frauen sind viel, fünf wären definitiv zu viele.» Neben Micheline Calmy-Rey, Doris Leuthard, Eveline Widmer-Schlumpf und der frisch gewählten Simonetta Sommaruga wäre Keller-Sutter die fünfte Bundesrätin gewesen. Diese Gefahr besteht aktuell nicht.