SCHWANGERSCHAFT: Ostschweizer Abtreibungsgegner wirken im Verborgenen

Viele private Beratungsstellen werben um Frauen, die ungewollt schwanger sind. Nicht immer ist jedoch klar, wofür die Ratgeber stehen. Trotzdem erwähnt der Kanton St.Gallen sie im offiziellen Leitfaden.

Michael Genova
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Private Beratungsstellen für Schwangere brauchen keine Betriebsbewilligung, um im Kanton St. Gallen tätig zu werden. (Bild: Getty)

Private Beratungsstellen für Schwangere brauchen keine Betriebsbewilligung, um im Kanton St. Gallen tätig zu werden. (Bild: Getty)

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Eine dunkelhaarige Schönheit mit traurigen Augen schaut ins Leere. Daneben der Schriftzug: «Maria isch schwanger. Alli lönnd sie im Stich. Mir hälfed.» So wirbt der Verein Schwanger-Hilfe.ch für sein Beratungsangebot. Seit Anfang Jahr berät die Organisation mit Sitz in Weinfelden in den Kantonen Thurgau und St.Gallen Frauen, die unge­wollt schwanger geworden sind. Diese können sich per Telefon oder E-Mail melden, in St.Gallen betreibt der Verein zudem ein Büro. «Seit unserem Start haben wir jede Woche durchschnittlich fünf neue Anfragen», sagt Medienbeauftragter Pirmin Müller. Die Nachfrage zeige, dass ein Bedürfnis nach Beratung bestehe.

Auch wenn Schwanger-Hilfe.ch seine Beratung als «ergebnisoffen» bezeichnet: Klar ist, dass einzelne Vereinsmitglieder sich in der Vergangenheit gegen Abtreibungen ausgesprochen haben. So lehnte Pirmin Müller 2002 als Präsident der Jungen SVP Luzern die Fristenlösung ab, und 2014 befürwortete er die Initiative «Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache». Der ehemalige Thurgauer FDP-Nationalrat Werner Messmer engagiert sich als «Botschafter» für den Verein – auch er war ein Gegner der Fristenregelung.

Verein weicht aus

Auf die Frage, ob die Vertreter von Schwanger-Hilfe.ch Abtreibungsgegner sind, antwortet Müller: «Der Verein ist weder für noch gegen die Fristenregelung, weil die Beratung keine ­Entscheidung vorwegnimmt.» Die Verantwortung dafür könnten nur die Frauen selbst übernehmen. «Wir wollen lediglich die Grundlage für eine echte Wahlfreiheit schaffen.»

Die Beratung von Schwangeren ist ein umkämpftes Feld. Neben einer wachsenden Zahl privater Anbieter gibt es ­ im Kanton St.Gallen die offiziellen Beratungsstellen für Familienplanung, Schwangerschaft und Sexualität (Fapla) mit Niederlassungen in St.Gallen, Wattwil, Rapperswil-Jona und Sargans. «Mit vier Beratungsstellen ist der Kanton gut abgedeckt», findet Sylvia Sturzenegger, Leiterin der Beratungsstelle St.Gallen. Trägerin des Angebots ist die Frauenzentrale des Kantons St.Gallen, die öffentliche Hand beteiligt sich im Rahmen eines Leistungsauftrags finanziell.

«Lebensbejahende Ausrichtung»

Im Gegensatz zu vielen privaten Organisationen haben die offiziellen Beratungsstellen keine parteipolitische oder konfessionelle Ausrichtung. «Wir sind einer neutralen Beratung verpflichtet», sagt Sylvia Sturzenegger. Grundsätzlich spreche nichts gegen private Anbieter. Zu Schwanger-Hilfe.ch sagt sie jedoch: «Mich stört, dass sie ihre Haltung nicht deutlich genug deklarieren.» Nur wenn der Absender klar sei, könne eine Frau entscheiden, welches Beratungsangebot sie bevorzuge.

Dieser Darstellung widerspricht Pirmin Müller. Der Vorstand von Schwanger-Hilfe.ch präsentiere sich auf der Website mit vollem Namen und Bild. «Transparenter kann man nicht sein.» Die Mehrheit der Vorstandsmitglieder sind Privatpersonen aus dem Kanton Thurgau. Neben Müller, der für die SVP im Luzerner Kantonsrat sitzt, ist alt FDP-Nationalrat Werner Messmer der prominenteste Unterstützer. Der Verein sei konfessionell und politisch neutral, betont Müller. Auf ihrer Website schreibt die Institution, sie wolle «Beratung und Hilfe für ungewollt schwangere Frauen (...) mit einer lebensbejahenden Ausrichtung» anbieten. Müller ergänzt: «Wir stehen für eine menschenzentrierte Wertvorstellung.» Das bedeute, dass man sich Zeit nehme für Frauen, die in Notsituationen teilweise unter grossem Druck stünden.

Schwanger-Hilfe.ch fällt mit einer modernen Website auf, die für mobile Geräte optimiert ist. «Wir sind über das Internet leicht zu finden», bestätigt Pirmin Müller. Dadurch sei besonders für junge Frauen die Hürde tief, auch anonym mit der Beratungsstelle in Kontakt zu treten. Auch andere private Beratungsangebote tauchen in den Suchergebnissen von Google weit vorne auf. Derweil müssen die offiziellen Beratungsstellen des Kantons St.Gallen sparen. «Eine neue Website wäre schon lange ein grosser Wunsch von uns», sagt Sylvia Sturzenegger.

Wer Geld gibt, wird erwähnt

Mit dem Leitfaden «Ungewollt schwanger?» bietet das St.Galler Gesundheitsdepartement einen Überblick über Familienplanungs- und Beratungsstellen, bei denen sich Frauen Hilfe holen können. Im Zentrum stehen die vier offiziellen Schwangerschaftsberatungsstellen. Zusätzlich listet der Kanton auch private Organisationen auf. Darunter befinden sich die Beratungsstellen der Landeskirchen, aber auch Angebote christlich-konservativer Kreise. So zum Beispiel jenes der Vereinigung «Ja zum Leben», die explizit Frauen unterstützt, die sich für das Austragen der Schwangerschaft entscheiden. Vertreten ist auch die Beratungsstelle Schwanger.li mit Ablegern in Schaan, Feldkirch und Buchs. Finanziert wird die Institution vom katholischen Fürstenhaus Liechtenstein. Im Fürstentum bleibt die Abtreibung bis heute verboten. Als die Liechtensteiner 2011 über eine liberale Fristenlösung abstimmten, drohte der Erbprinz offiziell mit seinem Veto, sollte die Bevölkerung die Vorlage annehmen.

Warum nimmt der Kanton auch private Angebote in seinen Leitfaden auf? Donat Ledergerber, Generalsekretär des St.Galler Gesundheitsdepartements, verweist auf die Bestimmungen im Strafgesetzbuch. Demzufolge müssen Ärztinnen und Ärzte Frauen einen Leitfaden mit Stellen aushändigen, welche materielle und moralische Hilfe anbieten. «Wir führen diejenigen privaten Beratungsstellen aus, die auch materielle Hilfe anbieten», so Ledergerber. Dabei trete die weltanschauliche Ausrichtung in den Hintergrund. Die ratsuchenden Frauen sollten letztlich selber entscheiden, von wem sie sich beraten lassen wollen. «Im Sinne der Transparenz sollten die Institutionen aber offenlegen, welchen Hintergrund sie haben.»

Private brauchen keine Bewilligung

Der Departementssekretär verweist auch darauf, dass private Schwangerschaftsberatungsstellen keine Betriebsbewilligung brauchen, um im Kanton tätig zu werden. Zudem habe das Gesundheitsdepartement keine Aufsichtspflicht über diese Institutionen. Zurzeit ist das neue Angebot von Schwanger-Hilfe.ch im St.Galler Leitfaden noch nicht aufgeführt. Der Verein ist beim Kanton allerdings bereits vorstellig geworden. Das Gesundheitsdepartement werde den ersten Tätigkeitsbericht abwarten und danach über eine Aufnahme entscheiden, sagt Ledergeber.