SCHULWEG: Eine Haltestelle für das Mama-Taxi

Unzählige Eltern fahren ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Und etliche Schulen und Gemeinden kämpfen dagegen an. So auch die Schule Klosterguet in Rorschacherberg – aber jetzt sind dort Plätze für Elterntaxis vorgesehen.

Martin Rechsteiner
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Die Primarschule Klosterguet in Rorschacherberg: Pfosten markieren den geplanten Umbau des Wegs. (Bild: Ralph Ribi (3. April 2018)i)

Die Primarschule Klosterguet in Rorschacherberg: Pfosten markieren den geplanten Umbau des Wegs. (Bild: Ralph Ribi (3. April 2018)i)

Martin Rechsteiner

martin.rechsteiner@tagblatt.ch

Mit einem emotionalen Appell hat sich Matthias Haas, Leiter der Primarschule Klosterguet in Rorschacherberg, vor drei Jahren im Mitteilungsblatt der Gemeinde an die Eltern gewandt. Der Grund: Elterntaxis, die für ein grosses Verkehrsaufkommen vor dem Schulhaus sorgten. «Als Schulleiter beobachte ich regelmässig, wie sich unsere Kinder – einem Spiessrutenlauf gleich – zwischen den stehenden Fahrzeugen hindurch einen Weg bahnen und teilweise auf die Strasse ausweichen müssen», schrieb er. Und beendete seine Mitteilung mit einem Aufruf an die Eltern, ihre Kinder nicht mehr zur Schule zu fahren: «Gönnen Sie Ihren Kindern einen spannenden und abwechslungsreichen Schulweg.»

Von dieser Haltung scheint auf den ersten Blick nicht mehr viel übrig zu sein. Im Gegenteil. In ihrem Mitteilungsblatt hat die Gemeinde Rorschacherberg Ende März Pläne für den Ausbau einer Kreuzung gleich beim Schulhaus Klosterguet bekannt gegeben. Und diese sehen nebst einem Kreisel eine Haltestelle für den Schulbus vor – und explizit auch für Elterntaxis.

«Wir können es den Eltern nicht verbieten»

Jetzt betont Matthias Haas, dass er bezüglich Elterntaxis immer noch der gleichen Meinung sei. «Allerdings können wir den Eltern nicht verbieten, ihre Kinder zur Schule zu fahren», sagt er. Und diese seien regelmässig bis auf das Klosterguet-Gelände gefahren. Dabei habe es für die Kinder manchmal gefährliche Situationen gegeben. «Die geplante Haltestelle wird etwas entfernt vom Schulhaus sein und in erster Linie für den Bus reserviert.» Die Massnahme soll den Verkehr vom Schulgelände fernhalten. Dort werde es ein Fahrverbot geben; die Eltern, die ihre Kinder zur Schule bringen, müssen in neu gebauten Kreiseln wenden. Dass eine Haltestelle Eltern dazu ermutigen könnte, Ihre Kinder in die Schule zu fahren, glaubt er nicht. «Es sind immer die gleichen, die das tun.» Auch der Rorschacherberger Gemeindepräsident Beat Hirs bekräftigt, dass sich die Meinung der Gemeinde gegenüber Elterntaxis keinesfalls geändert habe: «Wir wollen sie nicht, sie sind eine Unsitte. Aber wir sind, wie alle anderen Gemeinden auch, mit der Realität konfrontiert, in der es Elterntaxis eben trotzdem gibt.» Also wolle man die Situation wenigstens sicherer machen, sagt er. Dies sei auf Wunsch des Elternrats und des Kantons geschehen. Denn nebst auf dem Schulgelände halten Eltern mit ihren Autos auch an der Kantonsstrasse in der Nähe, was dort zeitweise für Chaos und Gefahr sorge.

Dass eine solche Haltestelle von Eltern als Einladung aufgefasst und das «Taxi-Problem» verschärfen könnte, glaubt auch Hirs nicht. «In der Haltebucht für den Bus wird es nicht viel Platz für Autos haben. Das Abladen von Kindern ist dort nicht besonders angenehm», ist er überzeugt. Dass die Strasse auf dem Schulweg vieler Kinder liegt, sei ihm bewusst. «Es gibt aber ein Trottoir, die Strasse wird eine freiwillige Tempo-30-Zone sein und beruhigende Massnahmen für den Verkehr haben. Zudem wird der geplante Kreisel in der Nähe sehr übersichtlich gestaltet», verspricht er. Einzig einen Fussgängerstreifen über die Strasse werde es nicht geben, weil er vom Kanton nicht bewilligt würde. Und auch obligatorisches Tempo 30 sei höchstens in der Not eine Option, sagt Hirs.

Vom Projekt überzeugt ist Madeleine Hilfiker, Präsidentin des Elternrates Klosterguet. «Aktuell herrscht oft ein Durcheinander aus Autos der Eltern und Kindern auf dem Schulweg», sagt sie. «Der Ausbau der Strasse mit Haltebucht, Trottoir und Wendekreisel wird zur Sicherheit der Schüler beitragen.»

Psychologen sind gegen Elterntaxis

Experten der Kantonspolizei St. Gallen haben das Projekt überprüft, es sei damals aber vor allem um die Bushaltestelle gegangen, wie Sprecher Florian Schneider sagt. Er erklärt, dass die Polizei es aber per se nicht begrüsse, wenn Eltern ihre Kinder zur Schule fahren. «Auf dem Schulweg machen die Kinder erste wichtige Erfahrungen im Umgang mit dem Verkehr, wenn sie etwa selbstständig Strassen überqueren müssen.»

Und auch der Schulpsychologische Dienst des Kantons St. Gallen rät Eltern davon ab, Kinder regelmässig zur Schule zu fahren. «Der Weg ist wichtig für ein Kind», sagt Schulpsychologe Ralph Wettach. Unterwegs lerne es Selbstständigkeit und es könne sich mit Mitschülern austauschen sowie viele Erfahrungen und Erlebnisse sammeln. «Das verpasst es auf dem Rücksitz.» Für den Fachmann ist daher klar: Jedes Kind sollte, wenn keine triftigen Gründe wie körperliche Einschränkungen oder der Entwicklungsstand dagegensprechen, selbstständig zur Schule gehen. Für Eltern gilt, das Kind gut in den Schulweg einzuführen und gegen die Gefahren des Strassenverkehrs zu wappnen.

«Dito», sagt Schulleiter Haas. Er will auch in Zukunft und trotz Haltestelle an die Eltern appellieren, ihre Kinder nicht mit dem Auto in die Schule zu fahren.