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SCHULE: Mit Windeln in den Kindergarten

Die einen basteln virtuos mit Schere und Leim, andere können noch nicht alleine aufs WC. Die Unterschiede zwischen Vierjährigen werden immer grösser. Der St. Galler Bildungsdirektor sieht ein wachsendes Problem. Andere warnen vor Frühstigmatisierungen.
Im Kindergarten treffen kleine Genies auf Kinder, die noch nie einen Wald aus der Nähe gesehen haben. Wieder andere kommen nicht von den Eltern los. Illustration: Patric Sandri

Im Kindergarten treffen kleine Genies auf Kinder, die noch nie einen Wald aus der Nähe gesehen haben. Wieder andere kommen nicht von den Eltern los. Illustration: Patric Sandri

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:www.tagblatt.ch/epaper

Janina Gehrig
Der St.Galler Bildungsdirektor Stefan Kölliker spricht von einer "geballten Ladung an Meldungen", die er von Schulleitern, Lehrern oder dem Beratungsdienst im Amt für Volksschule erhalten habe. Meldungen über Kinder, die ungenügend sozialisiert seien, wenn sie eingeschult werden. Kinder, die mit ungeputzten Zähnen in den Kindergarten kommen, teils noch nicht trocken sind, kaum soziale Kontakte mit Gleichaltrigen hatten oder nicht deutsch sprechen, obwohl deren Eltern der Sprache mächtig wären. Zwar, relativiert Kölliker, handle es sich insgesamt um Einzelfälle. "Aber diese nehmen zu."

So hat der Bildungsdirektor das Amt für Volksschule damit beauftragt, eine Arbeitsgruppe zu starten. Sie soll sich Gedanken machen, wie Eltern im vorschulischen Bereich vermehrt in die Pflicht genommen werden könnten. Denn diese, sagt Kölliker, seien immer häufiger der Ansicht, die Schule "richte es dann schon".

Schulleiter aus der Region bestätigen, dass die Heterogenität unter den Kindern gross ist. "Gewisse Kinder zeigen Schwierigkeiten im sozialen Verhalten oder haben Mühe, sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Manche können schon mit einer Schere umgehen, andere sind noch ganz in grobmotorischen Bewegungsabläufen verhaftet", sagt etwa Monika Dorner, Schulleiterin in St.Gallen-Rotmonten.

Hanspeter Krüsi, Schulleiter der St.Galler Schule Heimat-Buchwald, spricht von "grossen Herausforderungen für die Kindergartenlehrpersonen". Die Heterogenität habe markant zugenommen. "Die Selbstständigkeit und der Spracherwerb der Kinder, die unterschiedlich weit entwickelt sind, stellen die grössten Herausforderungen dar."

Schuhe binden, Nase putzen, klettern, balancieren

Etwas dramatischer klingen die Ausführungen von Michel Bawidamann, Schulleiter der Schule Wiesenau in St.Margrethen und Vorstandsmitglied des St.Galler Schulleiter-Verbands. Er spricht von "Brüelikindern", die sich nicht von den Eltern trennen können. Und gar von einem Fall, da ein Kind wieder ausgeschult werden musste, weil es noch nicht trocken war. Es könne nicht sein, dass die Kindergartenlehrpersonen Windeln wechseln oder "Fudi putzen" müssten.

Auch Bawidamann ist der Meinung, die Eltern müssten in die Pflicht genommen werden. Oft fehle diesen die Zeit, um mit ihren Kindern etwa das Trockenwerden zu üben. Auch wenn es sich hier um seltene Fälle handelt – ein bis zwei Kinder pro Schuljahr – möchte Bawidamann nun reagieren. Neu lege man den Eltern im Februar bei der Schulanmeldung eine Checkliste mit "Empfehlungen zur Vorbereitung des Kindergarteneintritts" bei. "Ich kann selbstständig auf die Toilette gehen", steht da, oder "Ich kann mir selber meine Hände waschen und mir die Nase putzen" sowie "Ich kann mich einen halben Tag von den Eltern trennen". Auch erste Erfahrungen mit Schere, Leim und Farbstiften werden idealerweise vorausgesetzt sowie Bewegung an der frischen Luft, Klettern und Balancieren.

Dorner und Krüsi reagieren mit individuellen Lösungen. In St.Gallen-Rotmonten komme es vor, dass man Kinder langsam an den Kindergarten gewöhne und gewisse Lektionen aus dem Stundenplan streiche, um Eltern, Kinder, aber auch Lehrkräfte zu entlasten. Viele Kindergärtnerinnen lassen sich von Fachpersonen wie Heilpädagogen oder Logopäden unterstützen, um die ersten Schulwochen über die Runden zu bringen. Krüsi ist es ein grosses Anliegen, dass Kinder vorgängig Spielgruppen besuchen, um Deutsch und den Umgang mit anderen Kindern zu lernen. Dennoch: "Wir müssen die Kinder so nehmen, wie sie sind." In St.Margrethen verschiebt man den Kindergarteneintritt bei rund vier von 70 Kindern in Absprache mit Eltern und Kinderärzten um ein Jahr.

Selbst Kinderärzte haben nichts mehr zu sagen

Nicht überall im Kanton ist diese Praxis verbreitet. Sarah Bassoumi, Kindergärtnerin und Heilpädagogin, kann Köllikers Aussage, die Eltern kümmerten sich zu wenig um die Entwicklung ihrer Kinder, nur bedingt nachvollziehen. Gerade beim Thema Einschulung in den Kindergarten beobachtet Bassoumi in der Stadt St.Gallen eher das Gegenteil. Nämlich, dass "zu wenig auf das Bauchgefühl der Eltern" geachtet wird.

Bassoumi, selber Mutter von drei Kindern, hat dies bei ihren Zwillingen erlebt, die zum Zeitpunkt der Einschulung gerade erst vierjährig geworden waren und ihrer Ansicht nach "emotional und sozial noch nicht bereit" für den Kindergarten waren und noch Windeln trugen. Um ihre Einschulung um ein Jahr zu verschieben, habe selbst die Meinung des Kinderarztes und der Spielgruppenleiterin keine Rolle gespielt. "Wir mussten die Kinder vom schulpsychologischen Dienst abklären lassen, bis wir bestätigt bekamen, dass sie tatsächlich besser erst in einem Jahr eingeschult werden." Bassoumi versteht diese intransparente Praxis nicht. "Man gewinnt nichts, wenn man gewissen Kindern diese Zeit nicht gibt", sagt sie.

Für Markus Hartmeier, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt St. Gallen, ist die Rückstellung eines Kindes aufgrund fehlender Reife aber ein mittlerweile überholter Ansatz. Hartmeier spricht von einem "Paradigmenwechsel", den Eltern, aber auch Kinderärzte oft noch nicht vollzogen hätten: "Es geht heute vielmehr darum, die Schule ‹kindreif› zu machen anstatt die Kinder schulreif." Die Schule müsse sich veränderten Rahmenbedingungen anpassen, die Kindergartenlehrpersonen flexibel auf Kinder mit unterschiedlichem Entwicklungsstand eingehen und für jene mit Defiziten einen sanften Einstieg schaffen. Dafür seien sie ausge­bildet.

Hartmeier sagt, diese Praxis sei nur zum Wohle des Kindes. "Nur so kann frühzeitig ein sozialer Ausgleich stattfinden, eine Chancengleichheit garantiert werden." Je früher etwa Probleme beim Spracherwerb erfasst würden, umso einfacher und kostengünstiger könnten diese etwa mit logopädischer Begleitung korrigiert werden.

Soll also doch die Schule ausbaden, was Eltern versäumen oder Kinder nicht schaffen?

Frühförderung heisst das Zauberwort

Hier knüpft man im Kanton St.Gallen wie auch im Thurgau, in Zürich oder im Tessin mit der Frühförderung an. Diese beginne jedoch nicht erst mit dem Besuch einer Spielgruppe, sondern bereits nach der Geburt, sagt Andrea Lanfranchi, Dozent an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik.

"Es gibt Eltern, die es nicht für nötig halten, mit ihrem einjährigen Kind zu sprechen, weil sie glauben, es verstehe ja eh nichts. Bereits als Zweijährige haben solche Kinder Sprachdefizite." Lanfranchi nennt in diesem Zusammenhang etwa das Programm Pat (Mit Eltern lernen) – ein Hausbesuchsprogramm zur Elternbildung und frühkindlichen Förderung. "Eltern, die sozial belastet sind, müssen in ihrer Erziehungskompetenz gestärkt werden." Es gehe darum, dass Kinder im Alltag Anregungen erhielten, Kontakt zu anderen Kindern hätten, Zeit in der Natur, im Wald verbrächten. Der Frühförderungsbegriff sei dabei jedoch überdehnt worden. "Eltern aus der Mittel- und Oberschicht, die ihre Kinder mit Sprachkursen und Hobbys überversorgen, machen das Problem heterogener Klassen nur noch grösser."

"Der Weg, einem Kind mehr Zeit zu geben, ist der freundlichere"

Doch auch dieser Ansatz ruft Kritiker auf den Plan, greifen solche Programme doch in die Privatsphäre von Familien ein. Thomas Rüegg, Schulratspräsident Rapperswil-Jona und Präsident des Verbands St.Galler Volksschulträger, warnt vor einer "Retro-Pädagogik", nach der die Kinder "vermessen" und nach Altersstufen gleichgeschaltet werden müssen. Ein Berner Sprichwort besage: "Teil Lüt sy uglych." So sei es wichtig, dass keine Frühstigmatisierungen vorgenommen würden bei Kindern, die etwas langsamer unterwegs seien.

Frühförderung sei zwar gut, und dass die Schule sich anpasse, ein hehrer Grundsatz. "Er ist aber nicht immer zu leisten und für gewisse Kinder nicht haltbar." So plädiert Rüegg dafür, dass man die Eltern weiterhin sehr ernst nehme und Ausnahmen zulassen müsse. Rüegg, der früher als Kinderpsychologe beratend tätig war, sagt auch: "Der Weg, einem Kind etwas mehr Zeit zu geben, ist halt oft der freundlichere Weg."

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