Schule für Gestaltung mit Chefin

ST. GALLEN. An der Schule für Gestaltung am GBS St. Gallen wirkt als Abteilungsleiterin Weiterbildung erstmals eine Frau: Die norddeutsche Kommunikationsdesignerin und Erwachsenenbildnerin Kathrin Lettner ist im Sommer als Nachfolgerin von Thomas Gerig gewählt worden.

Marcel Elsener
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Begeistert von der Gestaltung – und von der Jugendstilstadt St. Gallen: Kathrin Lettner. (Bild: Hanspeter Schiess)

Begeistert von der Gestaltung – und von der Jugendstilstadt St. Gallen: Kathrin Lettner. (Bild: Hanspeter Schiess)

In anderen Jahren hätte man es am Berufsschulzentrum an die grosse Glocke gehängt: Eine Frau! Eine grossartige Frau, die vieles kann und schon vieles gemacht hat, eine Norddeutsche mit mehreren Berufen und viel Team- und Führungserfahrung…

So oder ähnlich hätte man es verkündet, laut und mit Ausrufezeichen. Aber in diesem Sommer war niemandem nach Ausrufezeichen zumute am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen (GBS). Nach den negativen Schlagzeilen vom vergangenen Winter, als die Schule für Gestaltung aufgrund der umstrittenen Entlassung des Abteilungsleiters Weiterbildung lange nicht mehr zur Ruhe kam.

Als Beraterin tätig

Nun läuft der Schulbetrieb wieder ruhig. GBS-Prorektorin Monica Sittaro-Hartmann konnte als interimistische Abteilungsleiterin «Boden an Vertrauen gewinnen», wie sie uns Ende April sagte; zahlreiche Bewerbungen waren bis dahin für die Leitungsstelle eingegangen. Einen Monat später ging die Wahl über die Bühne: Am 27. Mai informierte Rektor Lukas Reichle intern, und tatsächlich drang der Name über drei Monate lang nicht an die Öffentlichkeit – den Schulverantwortlichen war die Ruhe recht. Dabei war die gewählte Abteilungsleiterin Kathrin Lettner, 1961 in Celle geboren, seit 2007 in St. Gallen, bereits von Juni an punktuell an der Schule anzutreffen, zum Einleben; am 1. September übernahm sie die operative Leitung, im 70-Prozent-Pensum.

Höchste Zeit also, die erste Frau auf dieser Position an der Schule für Gestaltung vorzustellen. Und schnell zu merken, dass sie vor Jahresfrist in den St. Galler Medien präsent war: Kathrin Lettner ist die Herausgeberin von «Avantgarde und Sonnenschein – Wohnbauten in St. Gallen», einer Buchhommage an die Jugendstilvillen der Textilhochburg. Ihre Homepage jedoch gilt ihrer Berufstätigkeit der letzten Jahre: Da empfiehlt sie sich als systemischer Coach, «gemeinsam harte Nüsse zu knacken» – etwa in der Erwachsenenbildung oder Organisationsplanung.

«Begeistert vom Potenzial»

Daneben war sie als Projektmanagerin und Seminarleiterin tätig und baute einen Vorbereitungslehrgang für die Berufsprüfung Teamleiter in sozialen Institutionen auf. Und nun findet die «gelernte Mutter» (Eigenbeschrieb), die Kinder mittlerweile im Teeniealter (19 und 17), also noch einmal zu ihrem studierten Beruf zurück: «Es war immer mein Wunsch, in die Gestaltung zurückzugehen», sagt sie und schwärmt von «diesem unvergleichlich tollen Gebiet». In Essen erlangte Kathrin Lettner einst das Diplom als Kommunikationsdesignerin, leitete ein Atelier für Gestaltung und arbeitete mit Agentur unter anderem in Berlin und Stuttgart. «Das Sichtbarmachen von Inhalt, im Zusammenspiel von Kundenbedürfnis und Gestaltungswille, mit den Mitteln der Typographie, der Fotografie und der Visuellen Gestaltung, gehört für mich zum Spannendsten», erklärt sie. «Die Gesellschaft hat ein grosses Gestaltungsbedürfnis, und das wird wichtig bleiben, auch wenn Buch oder Schrift immer wieder mal totgesagt werden.» Wie die Gestaltungschefin in ihrem noch eher leeren Büro im Riethüsli von ihrem bio- und geographisch reichhaltigen Werdegang mit Stationen wie Hilversum und der Türkei erzählt, glaubt man den hiesigen Berufsschullehrerinnen und -lehrern gern, die ihre Vorstellung vor dem Konvent als «sympathisch» und «energievoll» erlebten. Lettner wiederum zeigt sich «begeistert vom Potenzial» der St. Galler Schule und ihren Lehrpersonen. Welche Schwerpunkte sie setzen wird, welche Verbesserungen vonnöten sind, darüber möchte sie allerdings noch nichts sagen: «Es wäre unseriös und arrogant, heute schon solche Aussagen aus dem Ärmel zu schütteln», sagt sie und lacht: «Da müsste man mir schon die berühmten hundert Tage einräumen.» Noch weniger möchte Lettner über die jüngsten Probleme der Abteilung und die vier Leitungswechsel seit 2007 eingehen. «<Jeder meiner Vorgänger hat etwas Gutes hinterlassen, von dem ich nun profitieren kann.»

Hang zur Typographie

Dass sie bei einer Schweizer Schule für Gestaltung gelandet ist, sei «kein Zufall», meint sie. Sie habe schon immer «einen Hang zur Typographie» gehabt und schon in Studienjahren Schweizer Designer als Vorbilder und Antriebsfiguren gesehen, so beispielsweise Hans Rudolf Lutz und seine Band Unknownmix.

Begeistert seinerseits ist auch Rektor Lukas Reichle, der im internen Schreiben von einem «anspruchsvollen und herausfordernden Bewerbungsverfahren» sprach. Auf die Frage, was letztlich den Ausschlag gab für die Wahl Lettners, sagt er: «Wir wollten aus dem Kreise der Bewerberinnen und Bewerber die beste Person für diese Führungsaufgabe – und sie war es.»