Schule braucht Besinnung

Dieses Podium ist eine Replik auf den Text «Schule braucht Entwicklung» vom 25. Januar. Goethe hat einmal gesagt: «Alles Gescheite ist schon einmal gedacht worden. Es kommt nur darauf an, es noch einmal zu denken.

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Peter Schmid ist ehemaliger Primarlehrer, Schulpsychologe und Dozent am Heilpädagogischen Seminar Zürich. (Bild: Quelle)

Peter Schmid ist ehemaliger Primarlehrer, Schulpsychologe und Dozent am Heilpädagogischen Seminar Zürich. (Bild: Quelle)

Schule braucht Besinnung

Dieses Podium ist eine Replik auf den Text «Schule braucht Entwicklung» vom 25. Januar.

Goethe hat einmal gesagt: «Alles Gescheite ist schon einmal gedacht worden. Es kommt nur darauf an, es noch einmal zu denken.» Daran sollte man sich erinnern, wenn es um Erziehungs- und Bildungsfragen geht. Ruedi Stambach (der Autor des Textes «Schule braucht Entwicklung», die Red.) ist gewiss kein Reform-euphoriker.

Er versteht den Unmut gegenüber der reformerischen Betriebsamkeit in der Pädagogik und der Bildungspolitik und ist lediglich vorsichtig optimistisch, was zurzeit gerade als Fortschritt im Schulwesen gepriesen wird. Dennoch möchte ich seinen Ausführungen noch ein paar Antithesen zum Nachdenken anfügen.

Schule ist keine Firma

Ein Merkmal jeder Geisteswissenschaft ist das historische Bewusstsein, das in der heutigen Erziehungswissenschaft immer mehr verloren geht.

In Anlehnung an betriebsökonomisches und naturwissenschaftliches Denken, wo Entwicklung und Forschung gefragt sind, wird auch in Angelegenheiten von Bildung und Unterricht mit diesen Denkschemen gearbeitet. Aber die Schule ist kein Unternehmen, und die ihr zugrunde liegende Pädagogik keine Naturwissenschaft. Was wir aber heute vorfinden mit Basisstufe, durchlässiger Oberstufe und Abschaffung der Sonderklassen und Sonderschulen trägt betriebsökonomische Züge, mit welchen

eine pädagogische Atmosphäre, die für alle Unterrichtserfolge unabdingbar ist, mehr und mehr verloren geht. Verschwindend wenig aus der Geschichte der Pädagogik und den Erkenntnissen der Kinderpsychologie wird in den heutigen Bestrebungen der Schulreform noch bedacht, geschweige denn berücksichtigt. Die heutigen Erziehungswissenschafter mit ihren mathematisch-statistischen Erhebungen und Vergleichen von Kontrollgruppen tun so, als müsste das Rad neu erfunden werden.

Sie kennen Pestalozzi nur noch vom Hörensagen und schlagen die bahnbrechenden Einsichten der Entwicklungspsychologie und die Pionierarbeit der bekannten schweizerischen Heilpädagogen in den Wind.

Die unerwünschten Nebenwirkungen einer Veränderung um jeden Preis unter Missachtung längst bekannter pädagogischer Grundtatsachen macht den Lehrkräften arg zu schaffen, aber die offizielle Bildungspolitik ignoriert sie und reagiert auf Misserfolge mit dem Rezept: mehr desselben.

Das ist wie wenn man eine Medizin, die nicht hilft oder schadet, in immer grösseren Dosen verabreicht.

Zur Basisstufe: Es soll künftig weder Kindergarten noch Unterstufe geben. Man spricht von Basisstufe und will damit eine gewisse Flexibilität der Einschulung erwirken. Der Übergang soll schleichend und unmerklich erfolgen. Man will den Kindern keine Zäsuren zumuten.

Nur: eine klare Stufeneinteilung hat nach wie vor den Vorteil, dass die Kinder auch wissen, woran sie sind und wohin sie gehören. Ein Kind hat auch seinen Stolz, zu wissen, dass mit der Schule etwas Neues beginnt und dass hier andere Akzente gesetzt werden als im Kindergarten.

Versetzung bringt Unruhe

Zur Oberstufengestaltung: Die Zusammenlegung von Realschule und Sekundarschule zu einer Oberstufe mit Fähigkeitsstufen in allen Hauptfächern mag vordergründig die Begabungsunterschiede besser berücksichtigen.

Wenn man aber bedenkt, was die periodische Versetzung der Schüler innerhalb einer Klasse nach oben oder unten für Unruhe auslöst, dann verkennt man auch hier die wahren Bedürfnisse der Schüler. Sie wollen in Ruhe und Sicherheit zu Erkenntnissen gelangen ohne immer das Damoklesschwert der Versetzung über sich zu spüren. Schüler wie auch Eltern möchten wissen, woran sie sind, und dass in jenem Schultypus, den ihre Kinder besuchen, auch solid gearbeitet und die Voraussetzungen für eine Berufslehre oder weiterführende Schulen geschaffen werden.

Basisstufe wie durchlässige Oberstufe sind ausserdem von einer Integrations-Ideologie infiziert, die möglichst die Begabungsunterschiede verwischt und bagatellisiert, woraus auch der Ruf nach Abschaffung von Sonderklassen und Sonderschulen ergeht. Das Begabungsspektrum der Volksschule, das sehr aufgeweckte, lernschwache und verhaltensschwierige Schüler umfassen soll, ist eine Überforderung der Schule und der Lehrkräfte.

Diese breite Streuung individueller Lernvoraussetzungen kann auch durch noch so viele heilpädagogisch ausgebildete Hilfskräfte nicht wettgemacht werden. Den häufigen Wechsel von Bezugspersonen vertragen gerade jene Kinder schlecht, die Lernschwächen und Erziehungsdefizite aufweisen. Kein Wunder, dass heute der Ruf nach freier Schulwahl immer mehr Anhänger findet und der gute Ruf der Volksschulstufe in der Schweiz beträchtlichen Schaden nimmt.

Der langen Rede kurzer Sinn: Es gibt in den wesentlichen Fragen der Erziehung und des Unterrichts keine umwerfend neuen Erkenntnisse. Aber die alten Wahrheiten sind einer ahistorischen Reformeuphorie zum Opfer gefallen. Auf sie sollten wir uns wieder besinnen und einstweilen den unaufhaltsamen Reformdampfer zum Stillstand bringen.

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