Schuften statt schlemmen: Wenn das Fest warten muss

Hebammen, Piloten, Casino-Mitarbeiter und Sozialpädagogen arbeiten auch an Weihnachten. So empfinden sie es, an den Festtagen zu arbeiten.

Notiert: Janina Gehrig
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Roulette, Poker und Schnitzel

Patrik Jurala (33), Teamleiter Tischspiel, Casino St.Gallen: Meine Schicht beginnt an Heiligabend um 19.30 Uhr und dauert bis um 4 Uhr. Ich arbeite auch am 25. und 26. Dezember und an Silvester. Ich finde das nicht schlimm. Schliesslich bin ich lieber mit meinen Arbeitskollegen zusammen als alleine zu Hause zu sitzen. Meine Familie lebt in Tschechien, und ausserhalb des Casinos habe ich nicht viele Bekannte.

Patrik Jurala arbeitet seit 13 Jahren im Casino.

Patrik Jurala arbeitet seit 13 Jahren im Casino.

(Bild: Michel Canonica)

An den Feiertagen hat das Casino bis 4 statt nur bis 3 Uhr geöffnet. Das ist anstrengend. Dafür offeriert uns das Casino ein feines Essen, und wir sitzen zusammen. Wenn ich wählen könnte, dann würde ich Schnitzel mit Kartoffelsalat nehmen – das, was meine Mutter in Tschechien immer an Weihnachten gekocht hat. Die Leute wünschen sich gegenseitig frohe Weihnachten, ansonsten ist es ein gewöhnlicher Arbeitstag. An Silvester werden die Spiele 10 Minuten vor Mitternacht gestoppt, damit die Mitarbeiter miteinander anstossen können.

An den Festtagen kommen eher jene Gäste, die keine christlichen Weihnachten feiern, und sehr selten Erstkunden. Wenn die Leute nicht im Spielrausch sind, reden wir mit ihnen ein paar Worte. In früheren Jahren stand in der Mitte des Casinos ein riesiger Weihnachtsbaum – dieses Jahr nicht, das ist schade.

Meist laufen die Tischspiele sehr gut, Roulette, Blackjack, Poker. Ich selber würde mich als vernünftigen Spieler bezeichnen. Ich spiele nur etwa alle zwei Monate Blackjack und Roulette. Einmal habe ich in Las Vegas 6000 Dollar gewonnen.

Für Weihnachten habe ich keine Wünsche, ich war gerade in Singapur und Australien in den Ferien.

Zimtduft im Gebärsaal

Michela Orlando (29), stellvertretende leitende Hebamme, Kantonsspital St.Gallen: Es ist keine Tragödie, dass ich an Weihnachten arbeiten muss. Das ist in der Gesundheitsbranche halt so. Auf der Gebärabteilung herrscht an den Festtagen eine spezielle Stimmung. Die Räume sind dekoriert. Schwangere, die wegen einer drohenden Frühgeburt liegen müssen, bekommen ein spezielles Weihnachtsmenu, auch ihre Partner dürfen mitessen.

Michela Orlando hilft an Weihnachten, Babys auf die Welt zu bringen.

Michela Orlando hilft an Weihnachten, Babys auf die Welt zu bringen.

(Bild: Michel Canonica)

Wenn wenig läuft, sitzen wir Hebammen und Ärztinnen zusammen, das ist schön und festlich. Wir haben uns unter den Arbeitskolleginnen Wichtelgeschenke gemacht. Ich habe einen Stern aus Glas bekommen.

Meine Schicht beginnt um 23 Uhr und endet morgens um 7.30 Uhr. Es gibt hier aber eigentlich keinen Tag- und Nachtrhythmus. Die Babys kommen wann sie wollen. Normalerweise bringen wir zwei bis drei Kinder pro Dienst auf die Welt, manchmal sind es auch fünf. Die Gebärenden wünschen in dieser speziellen Zeit manchmal einen Weihnachtsduft im Gebärsaal, dann riecht es ausnahmsweise nach Zimt. Aber im Moment der Geburt verliert alles Drumherum sowieso seine Bedeutung. Für mich ist jede Geburt emotional.

Da meine Schicht spät beginnt, kann ich mit meinen Eltern, meiner Schwester und deren Familie noch abendessen. Es kommen alle zu mir und es gibt ein Fischgericht, das ist in Italien üblich. Für die Kinder, die am 24. oder 25. Dezember auf die Welt kommen, ist das Datum wohl am wenigsten lustig – sie müssen ihren Geburtstag immer mit den Weihnachtsfeierlichkeiten «teilen». Für 2020 wünsche ich mir viele Geburten ohne Notfallsituationen.

Eistee statt Wein zum Fondue

Frank Hönemann (52), Sozialpädagoge Mühlhof, Zentrum für Suchttherapie und Rehabilitation, Tübach: Ich bin ein Weihnachtsmuffel, deshalb habe ich mich selber für die Festtage eingetragen. Ich übernachte in der Institution, gebe Medikamente ab. Weihnachten sind schön für die Kinder, mir ist das aber alles zu kommerzialisiert.

Frank Hönemann feiert am liebsten mit jenen, die sonst allein wären.

Frank Hönemann feiert am liebsten mit jenen, die sonst allein wären.

(Bild: Michel Canonica)

Ich bin an diesem Abend lieber mit Leuten zusammen, die kein Zuhause haben oder nicht allein sein wollen. Es sind interessante Persönlichkeiten, und der Abend verläuft nicht so erwartungsgedrängt. Zudem gerät das Thema Sucht in den Hintergrund, wir reden über Persönliches, das ist schön. Wenns nicht regnet oder schneit, zünden wir draussen einen Funken an. Es gibt Fondue Chinoise und Geschenke für die Kinder, die kommen, um mit ihren Angehörigen zu feiern.

Die Weihnachtszeit ist für unsere Klienten oft schwierig. Das liegt an den Erwartungen, die auf ihnen lasten. Sie glauben, sie hätten versagt. Dabei ist die Abhängigkeit eine schwere Krankheit. Wenn man sich ihr stellt, ist das ein Zeichen für Stärke. Da bei uns primär Leute mit einer Alkoholabhängigkeit sind, gilt auf dem Areal Konsumverbot – auch an den Feiertagen. Ich selber trinke seit 15 Jahren keinen Alkohol mehr. Wir haben gute Alternativen, etwa Eistee oder Cola. Alkohol muss nicht grundsätzlich zum Feiern dazugehören. Er wird bagatellisiert.

Auch früher, als ich noch im Massnahmenzentrum Kalchrain arbeitete, war ich oft an Weihnachten eingeteilt. Einmal haben die jungen Herren Forellen aus dem Teich gefischt und gekocht. Erst nach dem Essen erfuhr ich, dass der Fisch eigentlich geklaut war. Er schmeckte super.

Ein Gedicht aus dem Cockpit

André Abderhalden (43), Pilot, Helvetic Airways, Kloten: Eigentlich hätte ich am 24. Dezember frei gehabt. Einem Arbeitskollegen zuliebe habe ich die Schicht abgetauscht. Ich fliege heute zweimal Zürich–Stuttgart und zurück. Wenn ich hätte wählen können, wäre ich lieber nach London City geflogen, das ist mein Lieblingsflughafen.

Der Flughafen liegt mitten in der Stadt, hat eine sehr kurze Piste mit einem aussergewöhnlich steilen Anflug und bietet vor allem eine sehr schöne Kulisse. Dafür braucht man aber extra Training im Flugsimulator. Stuttgart ist dafür lässig, weil der Flug kurz ist. So bin ich gegen Mittag fertig und schaff es noch aufs Abendessen heim zu meiner Familie nach Müllheim in den Thurgau.

Pilot André Abderhalden fliegt am liebsten nach London City.

Pilot André Abderhalden fliegt am liebsten nach London City.

(Bild: Michel Canonica)

An Bord der Embraer E190 sind maximal 112 Passagiere, ich denke, es wird noch freie Plätze haben. Solche Strecken fliegen oft Geschäftsreisende, heute wohl auch viele, die nach Hause fliegen zu ihren Familien.

An Weihnachten gibt es immer jemanden aus der Crew, der Guezli verteilt. Einmal haben wir den Passagieren über die Ansage ein Gedicht mit Glückwünschen vorgetragen. Ein andermal haben wir sogar eines selbst gedichtet zusammen mit einer lustigen Co-Pilotin.

Ich mag es zu fliegen, wenn es richtig stürmt und schneit. Und bestimmt hätten alle Freude, wenn am Weihnachtstag ein halber Meter Schnee liegen würde. Dann müssten wir aber das Flugzeug enteisen und das würde zu Verspätungen führen.

Bei längeren Aufenthalten gehen viele von der Crew im Duty Free einkaufen. Zum Glück haben meine Frau und ich die Weihnachtsgeschenke aber schon besorgt.

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