Glosse
Schräge Scheinscharmützel im virtuellen Wahlkampf: So füttern die St.Galler Regierungsratskandidaten die sozialen Medien

Beat Tinner (FDP) wirbt als Hobbygärtner um die Gunst der Gartenbaubranche, Oberstleutnant Michael Götte (SVP) präsentiert sich auf Instagram als strammer Soldat, und Laura Bucher (SP) erhält auf Facebook Support von freisinniger Seite.

Marcel Elsener
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«Packt an, setzt um»: FDP-Gärtner Beat Tinner mit Setzlingen in Corona-Wahlzeiten.

«Packt an, setzt um»: FDP-Gärtner Beat Tinner mit Setzlingen in Corona-Wahlzeiten.

Bild: PD

Andauernd nur Homeoffice ohne direkten Schlagabtausch und Publikumskontakt: Sie tun einem leid, die Regierungskandidaten für den zweiten Wahlgang im Sozialsperrzustand. Umso aktiver schreiben sie Postkarten, verschicken Mails, füttern die sozialen Medien. Wo kein Nahkampf sein darf, spielt alles in der Vorstellung. Prompt liegen im virtuellen Schattenboxen die Nerven blank und haben Hirngespinste leichtes Spiel.

Aufregung verursachte ein Hirngespinst um die Zustellung der Wahlunterlagen an die 320 000 Stimmberechtigten in den 77 Gemeinden. Die war laut Staatskanzlei für den 3. bis 6. April datiert, sicher vor dem letztmöglichen Termin vom 9. April (zehn Tage vor Wahldatum). Die Parteien hatten ihren Versand entsprechend terminiert, im Wissen, dass ihre Werbung keinesfalls zu früh und nicht zu spät kommen darf. Nun preschte die Post in ihrer lockdownbedingten Ressourcennot vor und bat den Kanton und Informatik-Dienstleister Abraxas um frühere Lieferung des Materials. So kam es, dass die Unterlagen mancherorts am 27. März zugestellt wurden – flugs darauf informierte die Staatskanzlei alle Parteien.

Beat Tinner mit teuflisch gutem Timing

Die Terminänderung nervte alle, aber SP und SVP heulten aus speziellem Grund auf: Just gleichentags traf in Haushalten einzelner Gemeinden, namentlich Zuzwil, eine Wahlwerbung von FDP-Kandidat Beat Tinner ein. Sofort kam ein ungeheuerlicher Verdacht auf: War er als Verwaltungsrat der Abraxas informiert worden? Die Empörung legte sich, als in der folgenden Woche die Unterlagen nach und nach in den Briefkästen eintrudelten: Der Fall Zuzwil traf nirgendwo mehr ein. War also ein böser – für die FDP teuflisch lieber – Zufall. Tatsächlich hätte es, um die Miniverschwörungstheorie zu nähren, nebst dem finsteren Gespann Abraxas-Tinner Informanten bei der Post benötigt. In jedem Kaff! Aufgrund der flächendeckend zufälligen Zustellung ein Fall für die CIA.

Tinner von jedem Verdacht befreit, jedoch weiterhin unter argwöhnischer Beobachtung. Die galt nun seinen Krisenvorstössen. Am 18. März rief er blitzschnell nach – inzwischen gewährten – Überbrückungshilfen für KMU. Dass er gleichzeitig im Grossversand ans gebeutelte Gewerbe keck mitsamt Einzahlungsschein um Wahlspenden bat, war, naja, ein anderer böser Coronazufall. In der zweiten Anfrage bat Tinner um eine Lockerung der Verkaufsbeschränkung von Setzlingen und Blumenpflanzen. Der freisinnige Gärtner in der Wahlschürze (Slogan «Hört zu. Packt an. Setzt um.») pochte dabei auf gesunde Ernährung aus dem eigenen Garten. Tinners Setzlinge sassen – und der Konkurrenz blieb nur der Spott: «Wetten, dass er bald als Spargelerntehelfer posiert.»

Götte posiert auf Instagram in Militäruniform

Derweil geriet SVP-Mann Michael Götte anderweitig unter Beschuss: Seine Instagram-Postings mit Fotos in Militäruniform, eines davon mit Töchterchen, brachten Militärköpfe der FDP in Rage. Oberstleutnant Götte missbrauche seine Funktion für den Wahlkampf, der Verstoss gegen das Dienstreglement rufe nach Disziplinarmassnahmen. Auf dass dem flotten Tübacher sein Grinsen vergehe! Abgesehen davon, dass Arrest in Quarantänezeiten keine Strafe ist, hielt sich der Aufschrei seitens der Armee in Grenzen. Göttes militärischer Chef winkte gnädig ab: er sehe kein Problem.

Unbehelligt bisher nur Laura Bucher. Kein Fehltritt, der sich ausschlachten liesse. Im Gegenteil: Zu reden gab ihre gemäss WWF-Rating fast hundertprozentige Umweltfreundlichkeit, die wohl gar ihre zähneknirschend auf die Seite getretene grüne Konkurrentin Rahel Würmli alt aussehen liesse. Eine Twitterschlacht verursachte der Support Buchers seitens der FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher. Ihr «forzalaura» auf Facebook brachte einen sozialistenfressenden Luzerner Jungfreisinnigen dermassen in Rage, dass er einen Parteiausschluss forderte – was wiederum die St.Galler Juso auf die Palme brachte. Schattenboxen at its best! Ansonsten wunderte man sich leise über Buchers Wahlplakate mit einem pikanten Schuss Pink im Sozi-Rot, aber ohne SP-Logo. Damit befindet sie sich allerdings in respektabler Gesellschaft der St.Galler Ständeräte, die ebenfalls je auf ihr Parteilogo (SP, CVP) verzichteten.

Nun lauern zu Ostern alle in sicherer Deckung auf Hasen und Eier der Konkurrenz. Vorher kommt es aber noch zum Schlagabtausch – heute Abend im «ersten Homeoffice-Wahlpodium der Schweiz» auf dem Palace-Youtube-Kanal, morgen Abend auf TVO. Da geht’s zur Sache, so nah und direkt wie derzeit halt möglich.