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Schmugglerpfade neu entdeckt

Die Ostschweiz unterstützt ein grenzüberschreitendes Interreg-Projekt, das die 40 Jahre alte Madrisa-Rundtour neu erfindet. Auf der «Schnitzeljagd» mit GPS-Geräten müssen Zollhütten und Schmugglerverstecke gesucht werden.
Christoph Zweili
Die Zöllner Walther Hermann (69) und Helmut Dobler (72) auf dem Schlappinerjoch. (Bild: Christoph Zweili)

Die Zöllner Walther Hermann (69) und Helmut Dobler (72) auf dem Schlappinerjoch. (Bild: Christoph Zweili)

Für Walther Hermann ist es eine Wanderung in die Vergangenheit. 30 Jahre lang kontrollierte der Schweizer Zöllner die 65 Kilometer lange grüne Grenze zwischen dem Prättigau und Vorarlberg. Auch das Schlappinerjoch auf 2202 Metern Höhe in Gargellen gehörte zu seinem Einzugsgebiet. In einer Stunde ist der 69-Jährige von Klosters heraufgestiegen. Hier – auf dem seit Tausenden von Jahren benutzten Joch, das im Frühjahr jeweils als erstes schnee- und eisfrei und damit sicher begehbar war – trifft er Helmut Dobler (72) wieder, den letzten Zöllner in Gargellen – zum erstenmal seit 40 Jahren. Beide sind im «alta Hees» – die alten Uniformen passen noch immer.

Nach dem ausgetauschten «Grüezi» und «Servus» sprudeln die Geschichten nur so aus den beiden raus. Vom königlich-kaiserlichen Zollamt zweiter Klasse in Gargellen und von der Zollstrasse, die das Schlappinerjoch mit dem Dorf verband, wo die Waren verzollt werden mussten. Es war per Gesetz verboten, vom Weg abzuweichen. Die Zöllner besassen mehr Befugnisse als Polizisten, durften sogar von der Schusswaffe Gebrauch machen oder Verdächtige drei Tage arrestieren. «Das passierte allerdings kaum», erinnert sich Helmut Dobler. Die Zeiten waren andere. Man drückte amtlicherseits öfter mal ein Auge zu.

Es kam allerdings auch vor, dass Leute zurückgeschickt werden mussten. Walther Hermann erinnert sich an eine Mutter mit Kindern, die über das Schlappinerjoch einreisen wollte. «Sie damals von diesem Schlupfloch in die Freiheit wegzuweisen, ist mich hart angekommen», erinnert er sich. «Als Österreich dann die Visumspflicht eingeführt hat, war es mit den Schlepperbanden und den polnischen und jugoslawischen Asylanten vorbei, die hier über die grüne Grenze wollten.» – Wie hätte er damals ahnen können, dass die österreichische Zollhütte am Schlappinerjoch einst für Wanderer auf der Suche nach Schmugglerverstecken offenstehen würde?

Zwei Jahre Vorbereitung

Eineinhalb Jahrhunderte lang, vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, war das Schmuggeln eine wichtige Erwerbsquelle für die meist arme Bevölkerung in den Bergtälern, speziell im Montafon.

Im Rahmen des Interreg-IV-Förderprogramms Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein haben Touristiker aus dem Montafon und dem Prättigau während zwei Jahren das Projekt «Auf Schmugglerpfaden» entwickelt. Das grenzüberschreitende Wander- und Bergerlebnis rund um die Madrisa basiert auf authentischen Geschichten, die durch Literatur und Zeitzeugengespräche belegt sind. Die Rundtour auf historischen Pfaden in Höhen zwischen 1900 und 2600 Metern Höhe ist auf vier Stunden Wanderzeit pro Tag ausgelegt und für Kinder ab neun Jahren geeignet. Wer zusätzlich das Rätschenhorn (2703 Meter über Meer) besteigt, wird mit einem eindrucksvollen 360-Grad-Panorama belohnt.

Start in Klosters und Gargellen

Am Startpunkt bei der Schafbergbahn Gargellen oder bei der Madrisa-Bahn in Klosters erhalten die Familien ein GPS-Gerät und alle Informationen für ihre Schmugglertour – dazu gehören auch die Koordinaten für das erste Versteck. Die Schmugglertour ist deckungsgleich mit der Madrisa-Rundtour: Wer in Klosters startet, wandert übers Schlappinerjoch nach Gargellen, wo am Schafberg übernachtet wird. Am nächsten Tag geht es weiter über das Gafier- und Rätschenjoch zurück zum Madrisa-Land in Klosters.

Entlang der Route sind im Gegenuhrzeigersinn neun Schmugglerverstecke, sogenannte «Kaffeelöcher», zu finden – drei auf der Montafoner-, sechs auf der Prättigauerseite. Alle «Kaffeelöcher» enthalten Wissenswertes über die Welt der Schmuggler sowie ein Rätsel, mit dessen Lösung das nächste Versteck auf der Route zu finden ist. Als Depots für die Schmugglerware dienten unter anderem Höhlen im zerklüfteten Kalkstein des Rätikons. Berühmt geworden ist zum Beispiel das «Gaffiloch» (Kaffeeloch) nahe der Tilisuna- Hütte. Die Ware wurde hier auf Schweizer Seite deponiert und von den Österreichern abgeholt. Damit ist auch erklärt, warum an der Grenze mehr Montafoner als Prättigauer erwischt wurden.

Schmuggel in beide Richtungen

Friedrich Juen stammt aus Vergalden, dem hintersten Weiler im Gargellental. Keiner kann authentischer Geschichten aus der Blütezeit des Schmuggelns erzählen als der Ortschronist, selber Nachfahre von Schmugglern. Mit ein paar Handgriffen macht er aus dem mitgebrachten Jute- einen Schmugglersack, einen Zipfel stülpt er sich über den Kopf.

Bis zu 40 Kilogramm Last wurden so auf den nächtlichen Märschen über die Berge getragen, gefüllt vor allem mit dem «grünen Gold». Die Kaffeebohnen waren ungeröstet, damit ihr Geruch den Zöllnern nicht in die Nase stieg. Nach Österreich wurden vor allem Salz, Mehl, Zucker und Saccharin geschmuggelt, sowie Genussmittel wie Tabak, Kaffee und Kaugummi, aber auch Seife, Waschpulver und WC-Rollen. Um die strenge Zensur zu umgehen, brachten die Schmuggler auch verbotene Bücher nach Österreich. Ins Prättigau wurden Tiere und Produkte wie Butter, Fleisch, Speck sowie Felle und Kuhhäute geschmuggelt. Bis zu 400 Stück Vieh wurden jährlich über die Pässe und Joche in die Schweiz getrieben. Beliebt waren in der Schweiz zudem Kleidung, Schuhe und Uhren sowie Tabakpfeifen, Ferngläser, Porzellan und Kuhglocken aus Österreich.

Die Schmuggler waren schlau und gewieft. Einige nagelten ihre Schuhsohlen verkehrt auf die Schuhe, um Verfolger in die Irre zu führen. Auf diese Weise zeigten ihre Spuren genau in die entgegengesetzte Richtung. Folgte ein Zöllner so den frischen Spuren im Schnee, lief er dem Schmuggler nicht nach, sondern von ihm weg.

www.schmugglerland.com

Zu finden nur mit GPS: Die österreichische Zollhütte am Schlappinerjoch. (Bild: Christoph Zweili)

Zu finden nur mit GPS: Die österreichische Zollhütte am Schlappinerjoch. (Bild: Christoph Zweili)

Wanderer im «alta Hees» vor der imposanten Kulisse der Madrisa. (Bild: Christoph Zweili)

Wanderer im «alta Hees» vor der imposanten Kulisse der Madrisa. (Bild: Christoph Zweili)

Die Schmugglerroute mit den Start-/Endpunkten Madrisa (CH) und Gargellen (Oe).

Die Schmugglerroute mit den Start-/Endpunkten Madrisa (CH) und Gargellen (Oe).

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