«Eltern tun nicht immer das Beste für ihr Kind»: Ein ehemaliges Schlupfhuus-Kind sammelt Unterschriften für die St.Galler Notunterkunft

Sophie Phan hat einst Zuflucht im Schlupfhuus gefunden. Heute setzt sie sich für die Zukunft der Notunterkunft ein.

Noemi Heule
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Heute will sich Sophie Phan nicht mehr verstecken. (Bild: Michel Canonica)

Heute will sich Sophie Phan nicht mehr verstecken. (Bild: Michel Canonica)

Ausweglos. So beschreibt Sophie Phan die Situation vor drei Jahren, als sie aufgelöst am St.Galler Bahnhof stand, sich nicht nach Hause traute und doch nicht wusste, wohin sonst. Damals kannte sie das Schlupfhuus nicht. Dennoch klopfte sie wenige Stunden später dort an, ein Freund hatte der Uzwilerin die Adresse im Osten der Stadt angegeben. Heute setzt sich die 19-Jährige für das Schlupfhuus ein, sammelte Unterschriften und macht die Notunterkunft zum Thema ihrer Abschlussarbeit. Drei Jahre, in denen sich die Vorzeichen umgekehrt haben. Das einstige Schlupfhuus-Kind steht kurz vor dem Start ins Berufsleben; die Situation für das Schlupfhuus in seiner heutigen Form dagegen scheint aussichtslos.

Dass das Schlupfhuus schliesst, erfuhr Sophie Phan zufällig. Im Wartezimmer ihres Arztes stiess sie auf einen Flyer mit der Petition, die sich für eine Nachfolgelösung einsetzt. Ein Schock, sei die Nachricht für sie gewesen, sagt sie. Nach dem Schrecken kam die Entrüstung. «Eine Sauerei» sei es, dass ausgerechnet dort gespart werde, wo man so viel bewirken könne, wie ihre eigene Geschichte zeige.

Sie nahm den Flyer mit in den Unterricht und schlug das Thema für ihre Abschlussarbeit vor, mit der sie im Sommer ihre KV-Lehre abschliesst. Lehrer und Mitschüler waren schnell überzeugt, zu viert nahmen sie sich dem Thema an. Neben der schriftlichen Arbeit sammelten sie Unterschriften und Spenden. Vergangene Woche wurde die Petition mit 7845 Unterschriften der St.Galler Regierung überreicht. 171 hatten die KV-Schüler in einer Standaktion kurz zuvor zusammengetragen.

Zerwürfnisse, Schläge, Vernachlässigung

Ihr eigener Umweg ins Schlupfhuus begann in einer Arztpraxis. Medikamente wollte man ihr dort keine herausgeben, weil die Mutter – wie so oft – die Rechnung nicht bezahlt hatte. Sie stellte die Mutter zur Rede und warf ihr per Telefon an den Kopf:

«Hör auf, mir mein Leben zu versauen, bevor es überhaupt richtig angefangen hat!»

Daraufhin traute sie sich nicht mehr heim. Weil ihrer Mutter in der Wut auch einmal, zweimal, dreimal die Hand ausrutschte. Weil es zwischen ihnen nie eine «liebevolle Mutter-Tochter-Beziehung» gegeben habe.

Beherrscht erzählt Sophie Phan von Zerwürfnissen, Schlägen und Vernachlässigungen, umklammert dabei eine Tasse Tee, als würde sie dort Halt suchen. Wenn sie davon erzählt, wie ihr trotz Hilferufe bei der Schulsozialarbeit oder der Kesb niemand geholfen habe, kneift sie die mandelförmigen Augen zusammen. Sie hat sie von ihrer Mutter geerbt, die als Neunjährige aus Vietnam eingewandert war. Vielleicht aber auch vom Vater, so genau weiss sie das nicht. Ihr Vater sei tot, lautete die Erzählung ihrer Mutter. Erst mit zwölf erfuhr sie von einem Halbbruder, dass er in Zürich lebt. Getroffen hat sie ihn nie.  

Ihre Ankunft im Schlupfhuus war der Abschluss einer turbulenten Zeit. Sie hatte das zehnte Schuljahr abgebrochen, eine Lehrstelle war nicht in Sicht. Im Schlupfhuus musste sie zuerst wieder lernen, sich an Regeln zu halten, einen Tagesablauf einzuhalten. Auch sich mitzuteilen, habe sie erst unter Anleitung gelernt. Sie blieb zwei Monate, in denen sie ihr Leben neu ordnete. In ein Kinderheim wollte sie nicht, weil sie es gewohnt war, auf sich selber aufzupassen. Schliesslich fand sie einen Platz in einer begleiteten Wohngemeinschaft, obwohl sie noch minderjährig war. Einzige Bedingung: eine Lehrstelle. Sie fand sie noch während ihrer Zeit in der Notunterkunft.

Das Schlupfhuus brachte Ordnung, die Lehrstelle Stabilität

Die Bäckerlehre brach sie nach der Probezeit allerdings wieder ab, die Nächte in der Backstube entsprachen ihr nicht. Stabilität brachte erst ihre KV-Lehre in einem Treuhandbüro in Gossau – auch weil sich die Geschäftsführer, ein Ehepaar, sich ihrer annahmen. Nach Abschluss will sie die Berufsmatur anhängen. Ein Ziel hat sie bereits verwirklicht. Ein Zuhause, in dem sie sich wohl fühlt. «Seit ich 13 bin, plane ich meinen Auszug», sagt sie. Nachdem sie für kurze Zeit zur Mutter zurückkehrte, wohnt sie seit sie volljährig ist in einer WG, in einer Wohnung, dessen Mietvertrag sie selber unterschrieben habe – trotz bescheidenem Lehrlingslohn. Das alles sei ihr Verdienst, sagt sie.

«Was ich erreicht habe und was ich erlebt habe, gehört zusammen.»

Starthilfe gab das Schlupfhuus. Diese Hilfe will Sophie Phan nun zurückgeben:

«Weil ich weiss, wie es ist, wenn man nirgendwo hin kann», «weil Eltern nicht immer das Beste für ihr Kind tun», und «weil ich mich sonst nirgendwo ernst genommen fühlte.»

Für die Petition kehrte sie ins Schlupfhuus zurück. Und verliess es wieder mit einem eigenartigen Gefühl. Weil sie unterdessen eine andere sei, das Schlupfhuus aber immer noch dasselbe. Solange bis es Ende März seine Türen schliesst.

Die Schlupfhuus-Nachfolge ist in den Startlöchern

Am Dienstag soll der St. Galler Kantonsrat über eine Motion entscheiden, die eine Rechtsgrundlage für den Betrieb einer Notunterkunft schaffen will. «Trotz der 17-jährigen Erfolgsgeschichte des Schlupfhuus fehlt bisher eine gesetzliche Bereitsstellungspflicht für eine Notunterkunft für Kinder und Jugendliche», heisst es darin. Und weiter: Es sei ein eigenständiges Finanzierungskonzept nötig, das berücksichtige, dass eine Notunterkunft nicht wirtschaftlich betrieben werden könne.  

Die Regierung empfiehlt, nicht auf den Vorstoss von SP-Kantonsrat Dario Sulzer einzutreten. Nur ein kleiner Teil der Aufenthalte in der Notunterkunft erfolge aufgrund einer Straftat, begründet sie. Die Finanzierung sei deshalb an jene anderer stationärer Einrichtungen angelehnt. Auch eine gesetzliche Bereitstellungspflicht sei nicht nötig, weil die private Nachfolgelösung bereits weit fortgeschritten sei. Ein lückenloses Angebot ab April 2020 scheine gesichert.

Details zum neuen Angebot folgen Anfang Jahr

Seit Mai ist klar, dass das Schlupfhuus in seiner heutigen Form schliesst. Kanton und die Trägerschaft, das Ostschweizer Kinderspital, konnten sich nicht über die Finanzierung einigen. Vor einem Monat gab der Kanton die vorgesehene Nachfolgelösung bekannt: Der St. Gallische Hilfsverein für gehör- und sprachgeschädigte Kinder und Erwachsene stellt sich dem Bewilligungsverfahren, um eine neue Notunterkunft für Kinder und Jugendliche aufzubauen. Zusätzlich soll die Gemeinnützige und Hilfs-Gesellschaft der Stadt St. Gallen (GHG) ein eigenes Angebot für Kleinkinder unter vier Jahren schaffen.

Das Projekt sei im Zeitplan, teilt das Amt für Soziales auf Anfrage mit. Aktuell seien die Vorbereitungsarbeiten bei der neuen Trägerin in Gang. Das Betriebskonzept werde erarbeitet, die Personalrekrutierung laufe und es erfolgten bauliche Massnahmen an der Liegenschaft. Das Amt geht davon aus, dass die Betriebsbewilligung und die Anerkennung innerhalb der Interkantonalen Vereinbarung für Soziale Einrichtungen im ersten Quartal 2020 erteilt werden kann. Gleichzeitig soll die Öffentlichkeit über das neue Angebot informiert werden.

Vor einer Woche wurde der St. Galler Regierung eine Petition mit 7845 Unterschriften übergeben. Fachpersonen, viele arbeiten selbst im Schlupfhuus, haben sie im Mai lanciert. Im Vordergrund steht nicht das jetzige Angebot, sondern eine «qualitative Nachfolgelösung», wie es heisst. Die Initianten stellen sich hinter die Motion. Das heutige Finanzierungsmodell sei mangelhaft, sagt Sprecher Michael Gretler. Von der heutigen Parlamentsdebatte erhofft er sich ein Abrechnungsmodell, das sich nicht um Finanzen, sondern um die Betroffenen kümmere. (nh)

Auch leere Betten muss man zahlen

Der Kanton will einen günstigeren Ersatz für das Schlupfhuus finden. Er muss aber bedenken: Ein solches Notfallangebot lässt sich nicht mit den selben Ellen messen wie ein normales Heim.
Kaspar Enz