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Schlagen, beissen, kratzen – und die Kinder leiden mit

Im Kanton St.Gallen haben 658 Kinder und Jugendliche zu Hause einen Polizeieinsatz miterlebt. Die Koordinationsstelle Häusliche Gewalt hat im Jahr 2018 erstmals Anzahl und Alter der Kinder statistisch erfasst.
Rossella Blattmann
Steht die Polizei wegen eines Elternstreits vor der Haustüre, leiden auch die Kinder mit. (Bild: Getty)

Steht die Polizei wegen eines Elternstreits vor der Haustüre, leiden auch die Kinder mit. (Bild: Getty)

Geschrei. Gläser klirren, Türen knallen. Es fliegen die Fäuste. Wenn Mami und Papi sich daheim streiten, dann geht dies auch an den Kindern nicht spurlos vorbei. Auch wenn die Buben und Mädchen physisch unversehrt bleiben: Streit zwischen den Eltern belastet auch die Psyche der Kinder.

Im vergangenen Jahr haben im Kanton St.Gallen 658 Kinder und Jugendliche zwischen 0 bis und mit 17 Jahren Polizeiinterventionen zu Hause miterlebt. Pro Jahr rückt die Stadt- und Kantonspolizei gemäss Kanton mehr als 1000 Mal wegen häuslicher Gewalt, tätlichen Konflikten oder Streiteskalationen zu Paaren oder Familien aus. «Fast die Hälfte aller Einsätze, nämlich 481, führte zu Familien mit insgesamt 658 Kindern oder Jugendlichen», sagt Miriam Reber, Leiterin der Koordinationsstelle Häusliche Gewalt des Kanton St.Gallen.

So tun, als würde man schlafen

Die Koordinationsstelle hat im Rahmen des Regierungsprojekts des Kanton St.Gallen «Häusliche Gewalt und Kinder mittendrin» erstmals die Sonderauswertung für Kinder- und Jugendliche durchgeführt. Das Projekt laufe bis Ende 2020. Unter anderem erarbeitet die Projektgruppe laut Reber ein Handbuch, damit die verschiedenen involvierten Fachpersonen und Behörden gut zusammenarbeiten.

«Die Gewalt zwischen den Eltern geht auch die Kinder etwas an», sagt Reber. Auch wenn die Kinder die Gewalt nicht physisch erleben und ‹nur› sehen oder hören – «Kinder bekommen alles mit». Sie greifen auch mal zum Hörer und rufen wegen der Eltern die Polizei, was für die Kinder alles andere als einfach sei. Kinder sind von der Gewalt unter den Eltern mitbetroffen. Dessen müssten sich nicht nur die Eltern bewusst sein. «Auch Psychologen, Juristen und Polizisten müssen dieses Bewusstsein haben», betont Reber. Bekommen Kinder zu Hause Gewalt mit, reagieren nicht alle gleich. «Manche stellen sich schlafend, andere verstecken sich, wieder andere hören mit den Kopfhörern laut Musik», sagt Reber. «All das tun sie zum Selbstschutz.» Manche gingen auch dazwischen und versuchten, die Mutter zu schützen.

Geschubst, gebissen, gekratzt

145 der statistisch erfassten Kinder waren jünger als vier Jahre alt, 110 Kinder zwischen vier und sieben, 121 Kinder zwischen sieben und zehn und 104 Kinder zwischen zehn und 15 Jahre alt. 15 bis 18 Jahre alt waren 165 Jugend­liche. Bei Einsätzen aufgrund häuslicher Gewalt waren 280 Kinder anwesend. Bei 146 dieser Kinder fanden körperliche Gewalt oder Drohungen in einer bestehenden Paarbeziehung der Eltern statt, bei 77 Kindern waren die Eltern zum Zeitpunkt der Intervention bereits getrennt, heisst es in einer Mitteilung des Kantons St.Gallen. In der Trennungszeit führten oft Drohungen oder Stalking dazu, dass die Polizei gerufen werde. In anderen Fällen häuslicher Gewalt wurde Gewalt entweder von den Eltern gegenüber einem der Kinder ausgeübt, oder die Jugendlichen, beziehungsweise ihre Geschwister, wurden tätlich gegenüber den Eltern.

103 Kinder erlebten einen Polizeieinsatz wegen gegenseitiger Gewalt in der Familie, heisst es weiter. In 86 Fällen haben sich die Eltern während oder nach einer Paarbeziehung gegenseitig geschlagen, getreten, geschubst, gebissen oder gekratzt. In 14 Fällen waren die Kinder und Jugendlichen selbst an der gegenseitigen Gewalt beteiligt. In drei Fällen musste die Polizei bei jugendlichen Paarbeziehungen mit gegenseitiger Gewalt intervenieren. 275 Einsätze erfolgten aufgrund eskalierender Konflikte, die verbal mit Beleidigungen, Anschreien und leichter psychischer Gewalt begonnen hatten. Diese Konflikte wurden in 133 Fällen von den Eltern in der gemeinsamen Familienwohnung und in 70 Fällen zwischen getrennt lebenden Eltern ausgetragen, schreibt der Kanton.

Häusliche Gewalt ist auch im Kanton Thurgau Realität. «655 Mal, also fast zweimal täglich, musste die Kantonspolizei Thurgau 2018 deswegen ausrücken. Dabei waren auch 511 Kinder betroffen», sagt Mediensprecher Mario Christen auf Anfrage.

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