Schlaflos seit Corona
Die Ostschweizerinnen und Ostschweizer schlafen schlecht: Das zeigt die «Tagblatt»-Leserumfrage – Experten geben Tipps

Leiden in der Pandemie mehr Personen an Schlafstörungen? Wie viel Schlaf braucht der Mensch? Und wann sollte man sich Hilfe holen? Das sind die Antworten zu unserer Leserumfrage mit Erklärungen von Experten zum Thema Schlafstörungen.

Jolanda Riedener
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Das soziale Leben ist eingeschränkt, Zeit zum Schlafen hätte man genug. Besser werden die Nächte dadurch nicht unbedingt.

Das soziale Leben ist eingeschränkt, Zeit zum Schlafen hätte man genug. Besser werden die Nächte dadurch nicht unbedingt.

Bild: Fotolia

Wenn Freizeitaktivitäten eingeschränkt sind und der Weg zum Arbeitsplatz am Morgen zwecks Homeoffice entfällt, bleibt mehr Zeit im Bett. Länger und besser schlafen können deshalb trotzdem viele Ostschweizerinnen und Ostschweizer nicht unbedingt. Im Gegenteil: Die Auswirkungen der Coronapandemie können Stress und Angst auslösen.

Leiden Leute aus der Ostschweiz seit der Pandemie unter Schlafstörungen?

Eine Umfrage bei den Leserinnen und Lesern, die Ende Januar startete, zeigt, dass eine Mehrheit der Teilnehmenden von Schlafproblemen betroffen ist. 60 Prozent gaben an, eher schlecht bis sehr schlecht zu schlafen (Stand 26. Februar 2021):

Zwar verzeichnen das Kantonsspital Münsterlingen und das Kantonsspital St.Gallen keine merkliche Zunahme an Anfragen zum Thema Schlafstörungen. Ein Zusammenhang zwischen Schlafstörungen und der Coronapandemie ist dennoch nicht ausgeschlossen, heisst es auf Anfrage.

Generell viele Anfragen erhält die Psychiatrie St.Gallen Nord. Dr. med. Thomas Maier, Chefarzt Erwachsenenpsychiatrie der Psychiatrie St.Gallen Nord, sagt:

Thomas Maier, Chefarzt Erwachsenenpsychiatrie, Psychiatrie St.Gallen Nord.

Thomas Maier, Chefarzt Erwachsenenpsychiatrie, Psychiatrie St.Gallen Nord.

Bild: Michel Canonica (4. Oktober 2017)
«Wir haben zu diesem Thema bisher keine systematische Erfassung oder Statistik geführt.»

In den Ambulatorien bestehe vielmehr «eine konstant hohe Nachfrage und sehr zahlreiche Neuanmeldungen».

Es gebe ganz allgemein deutlich zu wenig Therapieplätze für die häufigsten psychischen Krankheiten wie Angst, Depression, Sucht oder Trauma. Gründe für den auffälligen Mangel an Therapieplätzen sieht Maier mehrere. Ein wichtiger Punkt ist laut dem Chefarzt aber, dass die psychiatrisch-psychotherapeutische Dienstleistungen tariflich viel zu schlecht gestellt sind und sich nicht rentieren.

Haben die Auswirkungen der Pandemie auch Einfluss auf Schlafprobleme?

Es seien wenige, die ganz explizit die Coronakrise als Hauptauslöser ihrer Beschwerden nennen. Maier von der Psychiatrie St.Gallen Nord sagt:

«Bei fast allen Betroffenen zeigt sich aber die aktuelle Situation als verstärkender Faktor.»

Verschiedene Mechanismen verstärken das Problem, zum Beispiel Einsamkeit und Isolation. Insbesondere alleinstehende Personen sind betroffen, seit sie wegen Homeoffice Daheim bleiben und soziale Treffpunkte wegfallen.

Andererseits gebe es vermehrt «Dichtestress» bei Familien und anderen Mehrpersonenhaushalten sowie einen Mangel an «Ventil»-Aktivitäten wie gesellige Anlässe, Tanzen, Konzerte, Familientreffen, Feste oder Sportveranstaltungen. Auch der Suchtmittelkonsum verstärke sich.

Drei verschiedene Ansätze, Schlafprobleme anzugehen und Tipps für einen besseren Schlaf finden Sie hier.

Wie viel Schlaf braucht der Mensch?

Dagmar Schmid, Leiterin Klinik für Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie am Kantonsspital St.Gallen.

Dagmar Schmid, Leiterin Klinik für Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie am Kantonsspital St.Gallen.

Bild: PD

Laut Dagmar Schmid, Leiterin der Klinik für Psychosomatik und Konsiliarpsychiatrie am Kantonsspital St.Gallen, ist der Schlafbedarf sehr individuell. So gibt es Kurz- und Langschläfer. Ausserdem benötigen wir im Alter eher weniger Schlaf, bei Stress oder Infekten eher mehr. Zirka sieben Stunden seien ein Richtwert. Gemäss der Klinikleiterin haben die meisten Personen werktags ein Schlafdefizit.

Unsere Onlineumfrage deckt sich mit den Angaben von Schmid: Die Leserinnen und Leser geben am häufigsten an, durchschnittlich zwischen sechs und acht Stunden zu schlafen. Die meisten schlafen sieben Stunden pro Nacht (Stand 26.Februar 2021):

Wann soll man sich bei Schlaflosigkeit Hilfe holen?

Dagmar Schmid vom Kantonsspital St.Gallen empfiehlt, sich ab zirka vier Wochen Hilfe zu suchen. Abhängig sei dies aber von der Art der Schlafstörung und von den erlebten Einschränkungen und Symptomen:

«Schlafdefizit ist ein Risikofaktor für affektive Erkrankungen, aber auch somatische Folgeerkrankungen.»

Heisst, Schlafdefizit kann einerseits zu psychischen Erkrankungen wie Depression führen, aber auch ein Risiko für physische Krankheiten darstellen.

Laut Thomas Maier, Chefarzt der Psychiatrie St.Gallen Nord, können Schlafstörungen ein sensibler und früher Indikator dafür sein, dass etwas nicht stimmt. Professionelle Hilfe ist dann empfehlenswert, wenn die zur Verfügung stehenden Abwehrmechanismen nicht mehr funktionieren. Das sind zum Beispiel Gespräche mit Freunden und Familienangehörigen, Entspannungsverfahren oder Ablenkung. Hilfe suchen sollte man sich laut Maier:

«Wenn man sich trotz Freizeit nicht mehr erholen kann, wenn man nicht mehr abschalten kann.»

Alarmzeichen sind gemäss Thomas Maier auch körperliche oder psychosomatische Symptome wie Angst, Engegefühl, Schwindel, Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme, Herzklopfen, aber auch Abgeschlagenheit, Erschöpfung, negative Gedanken bis hin zu Suizidgedanken oder verstärktem Suchtmittelkonsum.

Von 625 Leserinnen und Leser gaben 18 Prozent an, sich bei ihren Schlafproblemen externe Hilfe geholt zu haben (Stand 26. Februar 2021):

Wie lange leiden Betroffene in der Regel an Schlafproblemen?

Wenn Schlafstörungen nicht behandelt werden, können diese laut Dagmar Schmid vom St.Galler Kantonsspital zum Teil über Jahre und Jahrzehnte andauern. Dies sei aber abhängig von Art der Schlafstörung und von anderen Begleitfaktoren. Die Leserumfrage zeigt, dass der Grossteil der betroffenen Befragten länger unter Schlafproblemen leidet:

Treten Schlafstörungen vor allem als Nebenerscheinung zu anderen psychischen Problemen auf?

Einerseits können psychische Erkrankungen zu Schlafstörungen führen, andererseits kann es auch infolge einer Schlafstörung erst zu einer Depression oder anderen psychischen Erkrankung kommen. Schlafstörungen sind weiter ein sehr früher und feiner Indikator für allgemeinen psychischen Stress. Maier sagt:

«Praktisch alle psychischen Erkrankungen gehen mit einem mehr oder weniger stark beeinträchtigten Schlaf einher.»

Bei Depression ist die Schlafstörung oft eines der ersten Symptome, manchmal ist es auch das quälendste und hartnäckigste, sagt Maier. Praktisch immer sehr ausgeprägt vorhanden sind Schlafstörungen auch bei Angststörungen, Suchterkrankungen oder bei Traumafolgestörungen.

Es gibt aber auch die «reine», isolierte Schlafstörung, also ohne begleitende weitere Symptome wie etwa Angst oder depressive Niedergestimmtheit. Auch dann muss aber nach Ausschluss möglicher körperlicher Erkrankungen die Schlafstörung als Ausdruck von übermässigem Stress und Anspannung angesehen werden.

Naheliegend und häufig sei die Entwicklung einer Suchtkrankheit, da zahlreiche Suchtmittel als Schlafmittel verwendet werden, sagt Thomas Maier, Chefarzt Psychiatrie St.Gallen Nord.

Sollte man besser die Finger von Schlaftabletten lassen?

Dagmar Schmid vom Kantonsspital St.Gallen rät von der Einnahme von Medikamenten ohne ärztliche Begleitung ab. Auch bei pflanzlichen Substanzen sei eine vorherige Indikationsstellung und Diagnostik sinnvoll, um nicht die eigentliche Ursache zu verpassen und falsch zu behandeln.

«Long Covid»: Coronapatienten leiden zum Teil lange an Schlafstörungen

Robert Thurnheer, Chefarzt Medizinische Klinik, Kantonsspital Münsterlingen.

Robert Thurnheer, Chefarzt Medizinische Klinik, Kantonsspital Münsterlingen.

Bild: Donato Caspari (Münsterlingen, 12. Januar 2021)

Robert Thurnheer, Chefarzt der Medizinischen Klinik Münsterlingen und vormaliger ärztlicher Leiter des Schlaflabors, sagt, dass Schlafstörungen auch zu den Langzeitfolgen von Covid gehören könnten. Man vermute, dass «Long Covid» oder «Post Covid» Auswirkungen auf die allgemeine Tagesperformance habe, mit Symptomen wie Fatigue, Insomnie (Schlaflosigkeit) oder unter anderem Depression. Er sagt:

«Wie gross das Problem werden wird, lässt sich im Moment noch nicht abschätzen.»

Er selber sei aber überzeugt, dass es Patienten geben werde, die eine sehr lange Erholungszeit nach psychophysischer Erschöpfung, zum Beispiel nach einer Langzeitintubation, vor sich haben. In vielen Fällen werde es schwierig, die Spätfolgen von Covid von anderen Belastungsstörungen abzugrenzen. Eine längere Zeit anhaltende Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Adynamie (Erschöpfung) kenne man aber auch von anderen Virusinfekten wie dem Pfeiffer’schen Drüsenfieber.

Gibt es auch Personen, die mit den Corona-Einschränkungen besser schlafen?

Eine Studie der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel kommt zum Schluss, dass viele der befragten Personen während des Shutdowns tendenziell zu einer längeren und regelmässigeren Schlafdauer kamen. Unter anderem wegen weniger Abendterminen oder einem stärker geregelten Tagesablauf.

Was kann man noch gegen Schlafstörungen tun?

Neben Schlafhygienen kann es helfen, soziale Kontakte zu pflegen, mit anderen zu reden, Stress zu reduzieren und Tagesstrukturen aufzubauen. Es gibt Apps für kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie.

Zum Beispiel das Kantonsspital St.Gallen hat eine Übersicht an Hilfeleistungen zum generellen Umgang mit Isolation und Quarantäne zusammengestellt. Entspannungsübungen, Bewegung und sich auf Positives zu fokussieren, sind nur einige Dinge, die Betroffenen helfen können.