Wir haben das Himmelbett in Hüttwilen getestet: Wie die Nacht unter freiem Himmel war und welches Tier sich ins Bett geschlichen hat

Wir haben das Himmelbett in Hüttwilen getestet: Wie die Nacht unter freiem Himmel war und welches Tier sich ins Bett geschlichen hat

Im Himmelbett in Hüttwilen schläft man auf einem Feld zwischen Zwetschgen und Zuckerrüben. Wenn das nicht idyllisch ist – oder doch eher beängstigend? Unser Selbsttest.

Linda Müntener
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Zugegeben, ein bisschen mulmig ist einem ja schon zumute. Schlafen unter freiem Himmel, nicht einmal mit Zeltdach, irgendwo auf einem Feld im hintersten Thurgau. Das «Himmelbett», der neuste Streich von Thurgau Tourismus, ist Teil der Kampagne «Million Stars Hotel» von Schweiz Tourismus. Diesen Sommer sind in der ganzen Schweiz Betten in der freien Natur verteilt. Eines davon steht auf dem Hof Hagschnurer in Hüttwilen. Und dieses testen wir aus.

Der Check-in

Vormittag, Ankunft auf dem Hof Hagschnurer in Hüttwilen. Gastgeber und Landwirt Dani führt uns herum. Das Badezimmer mit Dusche befindet sich im Hofladencafé, dort wird am zweiten Tag auch der Zmorge serviert. In der angrenzenden Eventscheune steht ein Bett – der Plan B bei Regen. Wir haben Glück, das Wetter spielt mit. Los geht's mit dem etwas anderen Check-in.

Der Landwirt fährt seinen Rapid Spezial aus der Scheune, auf dessen Anhänger ist das Bett montiert. Wir steigen auf (wer will, darf den Einachser selber steuern – in diesem Fall wird aufgrund bescheidener Fahrkünste darauf verzichtet) und lassen uns unter lautstarkem Motorknattern ins «Zimmer» chauffieren. Auf einer grünen Wiese, etwa 100 Meter vom Hof entfernt, befindet sich der Schlafplatz:

Der Schlafplatz liegt idyllisch. Bei schönem Wetter geniesst man einen Weitblick bis zum Säntis.

Der Schlafplatz liegt idyllisch. Bei schönem Wetter geniesst man einen Weitblick bis zum Säntis.

Bilder: Linda Müntener

Das Bett steht unter einem Apfelbaum, links ein Zückerrübenfeld, rechts Zwetschgenbäume, hinten der Wald, vorne die Weitsicht bis zum Säntis. Wenn das nicht idyllisch ist.

Das Tagesprogramm

Bei aller Liebe zur Idylle – den ganzen Tag im Himmelbett liegen wäre dann doch etwas eintönig. Deshalb stehen den Freiluftübernachtern zwei E-Bikes zur Verfügung. Mit diesen erreicht man mehrere Ausflugsziele in Kürze. Etwa den Hüttwilersee mit Strandbad oder das Naturschutzgebiet Seebachtal. Im Hofladen liegen Prospekte und Karten auf.

Wir entscheiden uns für eine Velotour nach Stein am Rhein. Dank Unterstützung des Elektroantriebs schaffen wir die Fahrt über den Hügel mit Leichtigkeit. Da macht es auch nichts, dass wir uns trotz freundlicher Wegbeschreibung der Ortsansässigen verfahren und eine Extra-Runde durch den Wald drehen.

Im Hagschnurer Hofladencafé können sich die Gäste selber verköstigen.
7 Bilder
Das Café von aussen mit Sitzplatz.
Den Übernachtungsgästen stehen zwei E-Bikes zur Verfügung.
Blick von Eschenz auf den Bodensee.
Kurze Verschnaufpause mit Weitblick.
Stein am Rhein lädt zum Altstadtbummel ein.
Sprung ins kühle Nass in der Badi Espi in Stein am Rhein.

Im Hagschnurer Hofladencafé können sich die Gäste selber verköstigen.

Der Weg führt durch die Natur, vorbei an Sonnenblumenfeldern und sattgrünen Wiesen, immer wieder muss man ob der wunderbaren Aussicht anhalten. In Stein am Rhein lädt die Altstadt zum Bummeln ein. In der Badi Espi lässt sich ein Bad im Fluss geniessen, ohne sich in den nicht ganz ungefährlichen Strom zu begeben.

Das Essen

Wieder im Freilufthotel angekommen, haben die Gastgeber schon die Körbe für den Znacht gepackt: Ein Zweier-Racletteöfeli, Käsescheiben, Herdöpfel, eingelegtes Gemüse, Gewürze und Wein. Auf der Sitzbank des Einachsers dinieren wir mit Weitsicht.

Zum Znacht gibt's Raclette mit Wein und Aussicht.

Zum Znacht gibt's Raclette mit Wein und Aussicht.

Mit der gleichen Liebe zum Detail, das nehmen wir an dieser Stelle schon einmal vorweg, wird am nächsten Morgen auch der Zmorge aufgetischt. Der Bäcker aus der Kleinbäckerei im Dorf bringt das Brot, es gibt frisch gepflückte Zwetschgen, Eier vom Hof und selbstgemachte Gonfi.

Selbstgemachte Gonfi, Brot aus der Dorfbäckerei und Honig aus der Region werden zum Zmorge aufgetischt.

Selbstgemachte Gonfi, Brot aus der Dorfbäckerei und Honig aus der Region werden zum Zmorge aufgetischt.

Der Höhepunkt

Der schönste Augenblick dieses Kurztrips, so kitschig-klischeehaft wie es tönen mag, kommt nach dem Sonnenuntergang. Schlafenszeit. Der Himmel ist tiefblau. Grillen zirpen, Blätter rascheln im Wind.

Die ist Nacht klar, aber kühl. Eingepackt in drei Schichten Pullover und Thermounterwäsche geht's unter die Decke. Es riecht nach Insektenspray, mit dem wir uns übereifrig eingesprüht haben. Der Wind streift übers Gesicht, die Sterne leuchten. Mutterseelenallein, ein ungewohntes Gefühl. Bei jedem verdächtigen Geräusch zucken wir zusammen. Was war das? Kommt da jemand? Leuchte mal mit der Taschenlampe hin! Dort!

Nachbarskatze «Heidi» übernachtet auch im Himmelbett.

Nachbarskatze «Heidi» übernachtet auch im Himmelbett.

Als wir Gastgeber Dani beim Check-in nach Wildtieren fragten, lachte er und winkte ab. Wölfe gebe es hier keine, Füchse, wenn überhaupt, hätten mehr Angst vor uns als wir vor ihnen. Tatsächlich: Der einzige tierische Besuch in dieser Nacht kommt von «Heidi», der Katze des Nachbarshofs. Irgendwann nach Mitternacht springt sie mit einem Satz auf den Einachser, tappst über die Bettdecke, legt sich am Fussende hin und schnurrt.

Die Nacht im Himmelbett ist kurz. Gegen 5 Uhr kitzeln uns die ersten Sonnenstrahlen im Gesicht. Wenn man die erste Nacht auswärts schläft, gibt es nach dem Aufwachen manchmal diese paar Sekunden, in denen man noch nicht realisiert, wo man ist. An diesem Morgen dauert es noch etwas länger. Und die Erkenntnis ist umso schöner.

Fazit

Man muss nicht immer weit weg fahren, um dem Alltag zu entfliehen. Bei diesem Kurzurlaub im Thurgau vergisst man fast alles um sich herum. Die Nacht unter dem Sternenhimmel ist ein spezielles Erlebnis. Wem nach Wochen des Homeoffices und Zuhausebleibens aufgrund Corona allmählich die Decke auf den Kopf fällt, dem sei dieser Ausflug besonders empfohlen. Einzig für Allergiker und Heuschnupfengeplagte dürfte das Schlafen inmitten von Gräsern und Bäumen weniger geeignet sein. Und für alle anderen: warme Kleidung nicht vergessen!

Weitere Informationen zur Übernachtung unter dem Apfelbaum gibt's bei der Hagschnurer Schüür und bei Thurgau Tourismus.

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