Schienenvogel im Höhenflug

Stimmung und Stimmen

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Dumpfe Trommelschläge. Pyrotechnik knallt. Der Herzschlag ist hoch. Durch dichten Rauch zeigt sich in der Ferne langsam die rot-weisse Nase. Getuschel. Dann steht er da: der neue EC250 Giruno der Firma Stadler Rail. Deren Chef und Inhaber Peter Spuhler und SBB-Chef Andreas Meyer steigen aus. Spuhler strahlt über das ganze Gesicht. Über 300 Gäste hat er eingeladen, um mit ihm den Roll-out seines neusten Werks zu ­bestaunen. Doch ein Gast fehlt noch: Bundespräsidentin Doris Leuthard. Sie lässt nicht lange auf sich warten. Mit Getöse flitzt eine beige Corvette hinter dem Bahnhofsgebäude hervor und hält vor dem Podium. Am Steuer sitzt Victor ­Giaccobo als Harry Hasler, neben ihm die Magistratin. «Ich habe sie am Strassenrand auflesen müssen», sagt er vorwurfsvoll. In den neuen Zug einsteigen will er nicht. Sein tiefergelegtes Auto sei ihm lieber als ein Niederflurzug. Hasler fährt ab, Leuthard bleibt. Ansprachen Meyers, Spuhlers und der Bundespräsidentin folgen. Alle sind stolz auf den neuen Mäusebussard, so die Übersetzung des leicht abgewandelten rätoromanischen Namens (girùn) des Zuges, der künftig durch die Schweiz und über die Grenze flitzen soll. «Wie der Mäusebussard ist der Giruno eine einheimische Art», sagt Leuthard, «beides sind Krafttiere, die sich durch Schnelligkeit auszeichnen, darum haben wir uns für genau den Zug entschieden.» SBB-Chef Meyer ist besonders auf das Pissoir im Giruno stolz: «Es erhöht sicherlich die Sauberkeit im Zug.» Auch der Familienwagen hat es ihm angetan. Künftig wird jeder Zug einen Kanton repräsentieren, der im Familienwagen auf den Tischen und Wänden grafisch zum Ausdruck kommt. Die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter findet, dass in den St. Galler Zug das Klosterviertel rein müsse: «Etwas, das man sofort erkennt.» Wichtiger als das Kloster an der Wand ist ihr jedoch der Komfort im Zug. «Ein wichtiger Faktor ist, dass es bequem und alles barrierefrei ist.» Auf die Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes ist auch Spuhler sehr stolz. Überhaupt strahlt er an diesem Tag, als ob er Geburtstag, Weihnachten und Ostern zusammen feiern kann.

Umfangreich ist das Tagesprogramm: Am Morgen stehen neben Spuhler und Meyer etwa 30 Journalisten auf einer frisch gemähten Wiese oberhalb Bussnangs. Gespanntes Warten, bis der Giruno um die Ecke biegt und sich für ein Fotosujet präsentiert. Alle buhlen um das beste Bild, fallen fast über die Taschen am Boden und rempeln die Konkurrenz an. Spuhler hält sein Handy hoch. «Wenn ich auf einen Kunden treffe, kann ich ihm gleich ein Foto zeigen», erklärt er. Andere zeigen Fotos ihrer Kinder, Spuhler hat welche von seinen Zügen immer griffbereit. «Der Zug ist auch fast ein bisschen wie ein Kind für mich», sagt er und lacht.

Am Mittag treffen die geladenen Gäste ein. Zu essen gibt es lauter kleine Köstlichkeiten. Von Schnitzel über Fisch bis zu Spargelravioli ist alles dabei. Auch das Dessertbuffet lässt keine Wünsche offen. Die Thurgauer Süssmostcreme fehlt allerdings auf der Speisekarte. Ein kurzer Rundgang durch die Hallen fasziniert den Thurgauer Regierungsrat Walter Schönholzer. «Die Ordnung hier ist fantastisch.» Er sei ein sehr ordentlicher Mensch. Und gründlich in der Recherche: Im Zuge seiner Vorbereitungen für die Ansprache hat Schönholzer herausgefunden, dass Stadler im chinesischen Jahr des Pferdes gegründet wurde.

Eine Person, die sich noch an diese Zeit vor 75 Jahren erinnern kann, ist Irma Stadler. Sie ist die Frau des verstorbenen Firmengründers Ernst Stadler. Extra für das Roll-out des Zuges ist die 93-Jährige zurückgekehrt. «Hier vor dem Haus zu stehen, wo wir wohnten, und die Firma zu sehen, die mein Mann und ich mit viel Herzblut führten – mich schmerzt es jedes Mal, wenn ich nach Bussnang komme», sagt Irma Stadler. Aber sie ist stolz darauf, was aus der einst kleinen Firma geworden ist. «Früher waren es kleine Loks, heute sind es grosse Züge.»

Sabrina Bächi