SCHICKSALSSCHLAG: «Wir hatten viel zu wenig Zeit»

Am 31. Juli 2007 verschwand die fünfjährige Ylenia für immer aus dem Leben von Charlotte Lenhard. Halt gaben der 53-Jährigen in den zehn Jahren nach dem Tod ihrer Tochter die beiden Pflegekinder.

Maya Schmid-Egert
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Ihre Pflegekinder gaben Charlotte Lenhard nach Ylenias Tod einen Sinn zum Weiterleben. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ihre Pflegekinder gaben Charlotte Lenhard nach Ylenias Tod einen Sinn zum Weiterleben. (Bild: Hanspeter Schiess)

Maya Schmid-Egert

nachrichten@ostschweiz-am-sonntag.ch

In der abgedunkelten Wohnung am Unteren Inn, Appenzell, ist es angenehm kühl. Die blaue Eternitfassade des dreigeschossigen Wohnblocks hat das drückende Klima der ersten Hitzenacht des Jahres abgedämmt. Doch der Kälte, die in die Wohnung im zweiten Geschoss vor zehn Jahren einzog, konnte nie etwas entgegengesetzt werden.

Den weissen, handgefertigten Tonengel sieht man von jedem Platz am ovalen Esstisch und von der Couch aus. Er steht in der hellen Holzwohnwand mit den vielen Fotos von Kindern, den bemalten Steinen und den Stofftieren. Vor ihm liegt, in einer blauen, mit goldenen Sternen beklebten Zündholzschachtel, ein Korkzapfenmädchen mit blonden Haaren und geschlossenen Augen. Das «Sternenkind» fertigte die damals fünfjährige Ylenia an. Das Püppchen, das die Augen nicht mehr aufmachen wird, bekommt heute, zehn Jahre später, eine zweite Bedeutung. Es ist wie das vorweggenommene Schicksal seiner Schöpferin. Der Tonengel ist Ylenias Ersatzurne. 600 Trauergäste nahmen 2007 Abschied vom strohblonden Mädchen mit dem ungewöhnlichen Namen, den die ganze Schweiz kannte.

Den Namen ausgesucht hatte Mutter Charlotte Lenhard: «Ich wollte bewusst etwas Seltenes.» Die 53-Jährige hörte den Namen erstmals vom italienischen Sängerehepaar Al Bano und Romina Power. Deren Tochter hiess so – wieder etwas Bedeutungsvolles: Ylenia Power gilt bis heute als vermisst.

Zwei Mütter, aber keinen Vater

Ylenia Lenhard hatte noch vier weitere Namen, wie aus der Todesanzeige hervorgeht. «Gabriela, an zweiter Stelle, hiess ihre Gotte», zählt Charlotte Lenhard auf. Alisha und Gioia – italienisch für Freude – hätten ihr einfach gefallen, und Nikita habe die Gotte Gabriela Allenspach ausgesucht. «Mami» nannte Ylenia ihre Gotte, «Mama» ihre Mutter. «Sie hatte zwei Mütter, aber keinen Vater», sagt Charlotte Lenhard. Die gelernte Kinderpflegerin freundete sich vor Jahren am Arbeitsplatz im Spital Appenzell mit der Hebamme Gabriela Allenspach an. Weil beide mit über dreissig keinen Mann hatten, aber von einer Familie träumten, zogen sie zusammen und beschlossen, gemeinsam Kinder aufzuziehen. «Mutter zu sein, das war mein Lebenstraum», sagt Charlotte Lenhard. Eine Adoption sei abgelehnt worden, dafür habe man ihr den «natürlichem Weg» empfohlen. Lieber liess sie sich in Holland Samen einspritzen: «Als Mittel zum Zweck mit einem Mann schlafen wollte ich nicht.»

Am 18. November 2001 kam Ylenia zur Welt. Doch Charlotte Lenhard sollte nur fünfeinhalb Jahre lang Mutter sein. Am 31. Juli 2007 starb Ylenia. An diesem Tag sollte sie im Hallenbad Appenzell ihr vergessenes Shampoo holen gehen. Vom mutmasslichen Mörder Hans Urs von Aesch wurde sie entführt und vergiftet. Von Aesch beging anschliessend Selbstmord. «Wir hatten viel zu wenig Zeit», sagt Charlotte Lenhard leise. Ihr Kind sei ihr Leben gewesen: «Mit ihr ist auch ein Teil von mir gestorben.»

Sechs Wochen dauerte es, bis Yle­nias Leiche am 15. September 2007 in einem Wald bei Oberbüren gefunden wurde. In dieser zermürbenden Zeit kam Charlotte Lenhard der Gedanke, eine Stiftung für benachteiligte Kinder zu gründen. Eine Art Symbol ihrer Hoffnung auf ein Wiedersehen: «Sollte sie lebend gefunden werden, sollte dies meine Dankbarkeit ausdrücken, ein herzliches ‹Vergelt’s Gott›, wie wir in Appenzell sagen.» Für all die Helfer, die ihr beistanden: der Bruder, der nicht von ihrer Seite wich, Polizist Roland Hübner, der sie täglich persönlich informierte, das Pfarrerehepaar Irene und Andreas Schenk, das sie seelsorgerisch trug, all die Menschen, die an die Familie dachten, Briefe schrieben, bei der Suche mithalfen.

In Gedanken am Leben erhalten

Doch Ylenia kam nicht mehr zurück, die Stiftung erhielt einen anderen, traurigen Sinn, wie die Mutter sagt: «Sie wenigstens in Gedanken am Leben zu behalten.» Das Lieblingsbrettspiel der Tochter, die Kleiderkombination «Rock mit Hose» aus den Florida-Ferien, die Disney-Schuhe, die heute noch blinken, diese Sachen habe sie nicht weggeben können. Damit würde auch die Erinnerung an Ylenia sterben. Neben dem Tonengel steht eine Foto in einem Mickey-und-Minnie-Maus-Rahmen. Auf dem Bild sind drei Kinder, ein Bub, zwei Mädchen, alle ähnlich alt, der Grösse nach geordnet. Ylenia, die Kleinste, steht ganz rechts. «Das war im Seaworld, links sind ihre Halbgeschwister», erzählt Charlotte Lenhard. Gemeint sind Gabriela Allenspachs Kinder. Bis zum Juli vor Yle­nias Tod hätten sie alle noch zusammen gelebt. «Weil es Probleme gab, sind wir vom anderen Ende in Appenzell hierher gezogen.» Ein halbes Jahr später habe sie die Geschwister als Pflegemutter aufgenommen.

Die Pflegekinder leben bis zum heutigen Tag bei ihr. Sie haben auch die Tonengel angefertigt. Sicherheitshalber zwei, weil Ton beim Brennen leicht zerspringen kann. Ein zwar banaler Gedanke, aber eben auch ein Hauch von Normalität in einer Zeit, in der alles aus den Fugen geraten war. «Die Kinder gaben mir einen Sinn zum Weiterleben», sagt Charlotte Lenhard. Dank ihnen lebe sie heute wieder gerne: «Wie schnell es vorbei sein kann, das habe ich gelernt.»

Pflegekinder entgehen knapp dem Tod

Das zeigte sich 2010 nochmals, als auch das Leben ihrer Pflegekinder am seidenen Faden hing. Die schwer depressive Gabriela Allenspach hatte ihnen einen vergifteten Saft verabreicht, wollte sich danach selber umbringen, rief dann doch noch die Ambulanz. Der Zehn- und die Zwölfjährige wurden im letzten Moment gerettet. Gabriela Allenspach nahm sich vor drei Jahren das Leben.

Wie jede Mutter denkt Charlotte Lenhard an die Zeit, wenn die zwei mittlerweile Siebzehn- und Achtzehnjährigen dereinst ausgeflogen sind: «Dann könnte ich mir eine Beziehung zu einem Partner vorstellen.» Jetzt aber werde sie noch gebraucht, finde dafür keine Zeit. In der Freizeit arbeite sie für die Stiftung, lese Romane oder handarbeite. Auch die Katzen wollen versorgt sein. Den morgigen Tag, wenn sich Ylenias Tod zum zehnten Mal jährt, werden Charlotte Lenhard und ihr Pflegekinder zusammen verbringen. Die schmerzhafte Erinnerung gemeinsam aushalten und hoffen, dass der Tag möglichst schnell vorbei geht.

Stiftung Ylenia

Die Stiftung wurde im Oktober 2007 gegründet. Charlotte Lenhard präsidiert sie. Zweck ist, Kindern in Not zu helfen. In den letzten zehn Jahren hat die Stiftung zwei Schulen auf den Philippinen aufgebaut. Rund 300 Kinder erhalten Bildung, Schulmaterial, Essen und medizinische Versorgung. Ihren Eltern – landlose, arme Bauern – wurden Mikrokredite zum Aufbau einer eigenen Existenz gewährt. Sie lernen, wie sie sich selber helfen können, was Hygiene bedeutet, wie frisches Wasser gewonnen und wie selber Gemüse gezogen werden kann. Auch wurde eine «Reisbank» finanziert. Ylenias Mutter sammelt derzeit Geld für eine dritte Schule. (mse)