Scherben, Knochen, Eberhauer

In Kempraten befindet sich die grösste Römersiedlung im Kanton St. Gallen. Die Krönung der Ausgrabung bilden die Überreste einer Anlage des Mithras-Kults, der die Sonne verehrte.

Roman Hertler
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Eine Mithras-Altartafel mit Inschriften wird geborgen. (Bild: pd)

Eine Mithras-Altartafel mit Inschriften wird geborgen. (Bild: pd)

KEMPRATEN. Die Ausgrabungsarbeiten rund um eine überraschend entdeckte Mithras-Kultstätte sind seit Ende Februar abgeschlossen. Das Mithräum in Kempraten bei Rapperswil-Jona ist erst das dritte Gebäude seiner Art, das in der Schweiz gefunden wurde wurde.

Geheimnisvoller Kult

Über den Mithras-Kult, der ausschliesslich Männern vorbehalten war, ist allgemein wenig bekannt. Kilikische Piraten sollen ihn bei den Römern eingeführt haben. Legionäre trugen ihn in weite Teile des Imperiums, auch an den «lacus de Turegum» (Zürichsee). Im 4. Jahrhundert wurde der Mithras-Kult immer mehr vom Christentum verdrängt, das versuchte, möglichst alle Erinnerungen an den mystischen Kult auszulöschen. Die meisten Aussagen über die Mithras-Anhänger sind in der Forschung umstritten.

Die Grabungen in Kempraten könnten nun ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Das rechteckige Gebäude mit gemörtelten Grundmauern war ein fensterloses Holzgebäude mit Schindeldach und lag etwas abseits der Römersiedlung. Geschirrscherben und Hühnerknochen zeugen von den Kultmählern. Andere Objekte wie Bergkristalle, Eberhauer, Tonkügelchen und Münzen weisen auf andere Riten des Mithras-Kults hin. Unter den Fundstücken befanden sich ausserdem steinerne Altarfragmente mit Inschriften sowie Sandsteinbrocken, die Teile eines überlebensgrossen Abbilds des Sonnengottes Mithras sind.

Untersuchungen beginnen

Ausserdem haben die Archäologen vor Ort in den vergangenen neun Monaten Proben aus dem Grabungsmaterial entnommen, die nun zusammen mit den anderen Funden wissenschaftlich ausgewertet, inventarisiert und fachgerecht verpackt werden. Die Ergebnisse der weiteren Forschungsarbeiten sollen publiziert werden. Ein Termin ist allerdings noch nicht bekannt.

Unerwarteter Fund

Die Römersiedlung Kempraten war ein lokales wirtschaftliches Zentrum am Treffpunkt der römischen Strassen von Zürich und Winterthur und der Alpenroute nach Chur und Italien. Anfang 2015 stiessen Kantonsarchäologen bei Sondierungen im Vorfeld geplanter Bauarbeiten etwas ausserhalb der Römersiedlung auf zwei Kalköfen. Die Bauarbeiten wurden ausgesetzt. Die Grabungsarbeiten konzentrierten sich auf die Öfen. Umso erstaunter waren die Archäologen, als sie im August auf eines der seltenen Mithräen stiessen.