Scheitern für Fortgeschrittene

Zweite St. Galler «FuckUp Night»

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«Man muss auf sich achten», sagt Mario Piredda. (Bild: Urs Bucher)

«Man muss auf sich achten», sagt Mario Piredda. (Bild: Urs Bucher)

Ein Maskierter kniet mit nacktem Oberkörper über einem Mann, bereit, sein Opfer zu schlagen. Vulgär und krawallig. So gibt sich die St. Galler «FuckUp Night» auf dem Plakat. «I’ve fucked up», heisst so viel wie «Ich hab’s verbockt» – und zwar so richtig. Das tut weh. Zu den Synonymen, die der Duden für «scheitern» kennt, gehört «zu Fall kommen». Vier, die gefallen oder zumindest gestolpert sind, hat Claudius Krucker vom «Creative Space» St. Gallen am Dienstagabend ins Lattich eingeladen. Vor zwei Jahren hat er die erste St. Galler «FuckUp Night» organisiert. Die Idee wurde in Mexiko geboren, inzwischen gibt es «FuckUp Nights» in über 70 Ländern. Das Konzept: Ein Unternehmer erzählt sechs Minuten lang von seinem Scheitern, danach stellt das Publikum Fragen.

Mario Piredda macht den Anfang. Er war erst Sanitär­installateur, dann Versicherungsberater. Erfolgreich. Und gutmütig. «Meine Mitarbeiter haben das ausgenutzt.» Sein jüngster Sohn, damals 13 Jahre alt, habe ihn im Büro besucht, um den Vater zu sehen. Im März 2016 dann die Frage eines Arbeitskollegen: «Wie geht es dir?» Pireddas Antwort: «Gar nicht gut.» Er kündigt noch am selben Tag. Heute ist er bei der gleichen Firma tätig, aber in einer anderen Position. Und er hat sich neue Ziele gesetzt: Mehr Zeit für die Familie und sein Hobby.

Pireddas Zeit ist um. Fragen der Zuhörer. «Hat es viel Überwindung gekostet, hier aufzutreten?» «Nein. Ich habe versagt, und ich stehe dazu.» Andere wollen wissen, ob es Warnzeichen für ein Burn-out gab. Viele der 35 Zuhörer denken wohl über ihre eigene Belastungsgrenze nach. Pireddas Fazit: auf sich achten.

Der zweite Redner ist Maschinenmechaniker Reto Huder. Zehn Jahre lang arbeitete er an einer speziellen Wendeltreppe. Er meldete Patente an, investierte 200000 Franken, zog daneben vier Kinder gross. Der Grund seines Scheiterns: die Weltwirtschaft. «Der 11. September hat die Investoren abgeschreckt», sagt Huder. Sein Fazit: äussere Umstände nicht unterschätzen. Ob er es wieder tun würde? «Jederzeit.»

Zwei, die es immer wieder tun, sind Anju Rupal aus Appenzell und Josip Budzaki aus St. Gallen. Sie werden als «serial entrepreneurs» angekündigt, also Unternehmer, die in Serie Firmen gründen und leider aber auch in Serie scheitern. Bei Budzaki scheint das Gründen von Start-ups während seines Studiums an der HSG gar ein Hobby gewesen zu sein. Er zeigt eine Folie mit farbigen Quadraten, die für Arbeit, Entspannung und Essen stehen. Eine Zeit lang habe er sich alle zehn Minuten den Wecker gestellt, um Balance zu schaffen. Ein weiteres Synonym für Scheitern: «Auf der Strecke bleiben».

Anju Rupal wollte Paare anhand ihres Geruchs verkuppeln. Die Partnerbörse basierte auf Facebook. Dessen Algorithmus änderte sich zu schnell. Rupal rät ab, von Dritten abhängig zu sein. Und ruft: «Scheitern Sie schnell!» Scheitern, das zeigt der Abend, bedeutet für jeden etwas anderes. Laut Duden sowohl baden gehen als auch stranden. (kbr)