«Schade», «armselig», «Sauerei»: Empörte Reaktionen, weil Spielgruppe die Kinder schwuler Väter abweist – die Geschichte könnte aber auch in der Ostschweiz passieren

Eine Spielgruppe im Kanton Aargau hat die Zwillinge zweier schwuler Väter abgewiesen. Der Fall bewegt die Gemüter bis in die Ostschweiz – er wäre aber auch hier denkbar, wie Spielgruppen-Vertreterinnen sagen.

Daniel Walt
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Wenn ein Kind zwei Papis hat: In der Gesellschaft löst das Thema schwule Väter teils offene Ablehnung aus. (Bild: Getty)

Wenn ein Kind zwei Papis hat: In der Gesellschaft löst das Thema schwule Väter teils offene Ablehnung aus. (Bild: Getty)

«Das ist eine Sauerei. Man bestraft nicht Kinder für Dinge, die deren Eltern betreffen», sagt Lilian Höhener. Sie ist Gründerin des Kreuzlinger Familienzentrums Gutenberg (FAZ), zu dem die Spielgruppe Sunnechind gehört, und ärgert sich über einen Vorfall, der Ende vergangener Woche landesweit Schlagzeilen machte. Eine Spielgruppe aus Lenzburg hatte zwei Buben nicht aufgenommen, weil sie zwei Papis haben. Die Leiterin der Spielgruppe machte zwei Gründe für ihren Entscheid geltend. Zum einen sei die Konstellation, in der die Buben lebten, «weder normal noch natürlich». Zum anderen könnten Kinder untereinander sehr fies sein.

«Sexuelle Orientierung der Eltern geht uns nichts an»

Wenn man vom 0815-Familienmodell ausgehe, sei es in der Tat ungewöhnlich, dass ein Kind mit zwei Papis aufwachse, hält Lilian Höhener fest.

«Aber wir sind doch im 21. Jahrhundert! Jeder muss selber entscheiden, wie er leben will.»

Zum Argument, Kinder homosexueller Eltern könnten von anderen Kindern ausgestossen werden, sagt sie: «Für Kinder im Spielgruppen-Alter ist die Sexualität noch gar kein Thema.» Zudem fänden Kinder immer einen Grund, wenn sie es auf jemanden abgesehen hätten. «Das kann auch die krumme Nase eines Elternteils oder Übergewicht sein».

Lilian Höhener von der Kreuzlinger Spielgruppe Sunnechind. (Bild: pd)

Lilian Höhener von der Kreuzlinger Spielgruppe Sunnechind. (Bild: pd)

Wäre ein Vorfall wie im Kanton Aargau auch in der Ostschweiz denkbar? Lilian Höhener hält das für absolut möglich, denn: «Die Mentalität in der Ostschweiz ist teils noch konservativer als anderswo.» Höhener betont, in der Spielgruppe Sunnechind werde jedes Kind aufgenommen, die sexuelle Orientierung der Eltern gehe die Verantwortlichen überhaupt nichts an. Und sie fügt an, vor einiger Zeit habe einmal ein Kind zweier lesbischer Frauen die Spielgruppe besucht. «Es gab absolut keine Diskussionen deswegen.»

«Vielleicht sieht es in 20, 30 Jahren anders aus»

Auch Nadja Hochreutener, Präsidentin und Leiterin der Spielgruppe Tatzelwurm in Goldach, bedauert die Abweisung der beiden Buben durch die Aargauer Spielgruppe.

«Es ist schade, dass Menschen in der heutigen Zeit nach wie vor so reagieren.»

Aus allen Wolken fiel Hochreutener aber nicht, als sie von der Geschichte hörte. Es gebe leider immer noch viele Leute, die so denken würden – auch in der Ostschweiz. Dass Kinder gemein sein könnten, stimme zwar, sagt Hochreutener weiter. «Aber es kommt auch immer drauf an, wie daheim am Mittagstisch über gewisse Themen, beispielsweise Homosexualität, geredet wird».

Nadja Hochreutener von der Goldacher Spielgruppe Tatzelwurm. (Bild: pd)

Nadja Hochreutener von der Goldacher Spielgruppe Tatzelwurm. (Bild: pd)

Nadja Hochreutener ruft in Erinnerung, dass es heutzutage viele Buben und Mädchen gebe, die nur bei einem Elternteil aufwachsen. Auch das entspreche nicht der Norm. «Aber auch auf sie geht man ein und nimmt sie selbstverständlich in Spielgruppen auf.» Sie ist zudem überzeugt: Kindern geht es in harmonischen homosexuellen Beziehungen besser, als wenn sie in traditionellen Familien Gewalt oder Süchte miterleben müssen. Vielleicht sehe es in 20, 30 Jahren anders aus, was die Akzeptanz von Kindern homosexueller Eltern betreffe, hofft Hochreutener.

Harsche Reaktionen auf Facebook

Auch auf der «Tagblatt»-Facebook-Seite gehen die Wogen nach dem Vorfall im Aargau hoch. Die überwiegende Mehrheit der Kommentatoren zeigt sich empört über den Ausschluss der beiden Buben aus der Lenzburger Spielgruppe. «Ich sehe täglich Menschen, die nie Kinder hätten bekommen sollen. Dabei spielt deren Sexualität aber null Rolle. Gute Eltern misst man nicht an ihrer Heterosexualität, sondern daran, wie liebevoll sie sich um ihre Kinder kümmern», schreibt beispielsweise Tamara Wenzler.

Daniela Heeb findet es traurig, dass die Gesellschaft nach wie vor so grosse Vorurteile gegenüber anderen Lebensweisen hat. Und Maria Do Carmo Lerch bezeichnet den Vorfall als «armselig».

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«Sich bewusst für Vielfalt einsetzen»

Simone Dos Santos von der St.Galler Fachstelle für Aids- und Sexualfragen. (Bild: pd)

Simone Dos Santos von der St.Galler Fachstelle für Aids- und Sexualfragen. (Bild: pd)

Simone Dos Santos ist Geschäftsleiterin der St.Galler Fachstelle für Aids- und Sexualfragen. Sie bezeichnet die Ablehnung der beiden Buben aufgrund ihrer schwulen Papis als diskriminierend. «Die Spielgruppenleiterin hat sich im Vorfeld wohl keine vertiefteren Gedanken zu diesem Thema gemacht. Vielleicht hatte sie Angst, dass sich andere Eltern an der Präsenz von Kindern homosexueller Väter stören könnten», vermutet sie. Ein Grundproblem besteht für Simone Dos Santos darin, dass Familien mit zwei gleichgeschlechtlichen Elternteilen in der Gesellschaft nach wie vor wenig sichtbar sind. «Insbesondere das Thema Homosexualität mit zwei Papis ist noch viel mehr stigmatisiert, als wenn ein Kind zwei Mamis hat», sagt sie aus ihrer Erfahrung. Es fehle an öffentlichen, positiven Geschichten zum Thema.

Das Argument, Kinder seien fies, sticht für Dos Santos nicht: «Klar können sie das sein – aber nur, wenn das entsprechende Milieu das auch zulässt. Wenn man sich in einer Spielgruppe hingegen bewusst für die Vielfalt und andere Beziehungsformen einsetzt, ändert sich auch das Klima.»