SARKOPHAG: Das Geheimnis um den Mann im Sarkophag ist gelüftet

ST.GALLEN. Das Alter des Skeletts aus dem Klosterplatz ist bestimmt. Vermutlich lässt sich auch die Identität des Bestatteten bestimmen. Alles spricht für den damaligen Landesherrn: Graf Talto.

Max Schär
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Sarkophag nach der Öffnung. Das Skelett blieb während 1350 ungestört im Sarg, eingebettet in Sediment, die sich gebildet haben. (Bild: Amt für Archäologie)

Sarkophag nach der Öffnung. Das Skelett blieb während 1350 ungestört im Sarg, eingebettet in Sediment, die sich gebildet haben. (Bild: Amt für Archäologie)

Der Mann im Sarkophag war 178 cm gross und starb mit etwa 70 Jahren. Am Montag wurde nun ausserdem das sensationelle Ergebnis der C14-Datierungen durch die ETH Zürich bekannt: Der Mann starb zwischen dem Tod von Gallus und der Ankunft Otmars in St. Gallen (um 720), genauer noch: zwischen 650 und 690/710. Weitere Abklärungen werden wahrscheinlich noch folgen. Schon jetzt kann aber die Frage gestellt werden, wer in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts nahe beim Durchgang des heutigen Bischofsflügels in einem für die Nordostschweiz der Merowingerzeit völlig ungewöhnlichen Sarkophag bestattet wurde.

Gunzo eine Nummer zu gross
Wer kommt grundsätzlich in Frage? Ausser Gallus selber kennen wir aus der näheren Region zu seiner Zeit und im halben Jahrhundert danach mehr als ein Dutzend Männer mit Namen und/oder Funktion.
Als Helfer und zum Teil auch als Gefährten des Gallus bekannt sind der Arboner Priester Willimar, der Diakon Hiltibod, die Kleriker Maginald (Magnoald) und Theodor, der Konstanzer Bischof Johannes, Herzog Gunzo sowie der anonyme Kastellkommandant von Arbon. Als Hüter am Gallusgrab sind ferner der Priester Magulfus und der Custos Stephanus bekannt. Von ihnen allen, mit Ausnahme des Magulfus, berichten die Gallusviten.

In einer Sonderquelle, die der St. Galler Mönch Ratpert in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts benützt und in seine «St. Galler Klostergeschichten» eingebaut hat, finden sich ausserdem die Namen Talto, Willibert, Thiotolt, Pollo, Waldpert und Waldram. Diese Männer gehörten derselben Familie an.

Kaum in Frage kommen Gallus (Kasten) sowie Herzog Gunzo und der Konstanzer Bischof Johannes. Dieser wird in seiner Bischofskirche, dem Konstanzer Münster, beigesetzt worden sein, und Herzog Gunzo war für eine Bestattung in der Eremitensiedlung St. Gallen schlicht eine Nummer zu gross.

Kein Mönchssarg
Unwahrscheinlich ist auch, dass der Arboner Priester Willimar sich in St. Gallen hätte bestatten lassen. Ebenso Hiltibod, von dem wir nach seiner Führungstätigkeit nichts mehr hören. Auch die Geistlichen Maginald, Theodor, Magulfus und Stephanus kommen kaum in Betracht. Sie waren für eine Bestattung in einem so aussergewöhnlichen Sarkophag zu wenig bedeutend.

Bei dem im Sarkophag gefundenen Mann muss es sich also um eine wichtige, eine hochgestellte Persönlichkeit handeln.

Kämmerer von König Dagobert
In unserer Region im 7. und 8. Jahrhundert wichtig war ohne Zweifel die Familie von Talto und Willibert. Talto war ursprünglich Kämmerer des Königs Dagobert gewesen und wurde später von diesem zum Grafen ernannt. Zum Grafen im südlichen Bodenseeraum mit einem wahrscheinlich beträchtlichen Amtsbezirk und mit Sitz in Arbon. Er wird als vir inlustris («hoch angesehener Mann») bezeichnet. Ein Titel, der in der Merowingerzeit nur für hochrangige Personen verwendet wurde. Insofern gehörte er sicher zu den Grossen des damaligen Frankenreichs und zur führenden Adelsschicht in Alemannien. Er war, wie ich kürzlich aufzeigen konnte, wahrscheinlich auch identisch mit dem Arboner Kastellkommandanten, der in den Gallusviten als Tribun oder Präfekt erscheint.

Die ersten Sponsoren
Sein Verwandter Willibert, vielleicht sein Bruder, war Priester, wahrscheinlich in Konstanz oder Bregenz. Die Familie war begütert. Zu den Gütern gehörte auch der Boden, auf dem Gallus mit viel fremder Hilfe seine Siedlung errichtete. Wohl nicht vor dem Ende der 620er-Jahre haben Talto und Willibert den Boden an Gallus übertragen. Sie förderten den Eremiten auch später noch, mit weiteren Schenkungen und wohl auch mit der Entsendung von Wald- und Bauarbeitern. Talto und Willibert hatten es also sehr wohl verdient, bei der Kirche des Gallus bestattet zu werden. Indessen fällt Willibert wohl ausser Betracht, weil er anderswo Priester war und dort auch bestattet worden sein dürfte.

Zum möglichen Personenkreis gehören indessen Taltos Nachfahren: Thiotolt soll sein Sohn, Pollo sein Enkel, Waldpert sein Urenkel und Waldram sein Ururenkel gewesen sein. Von den ersten drei Nachkommen vernehmen wir nur die Namen. Waldram war es, der Otmar aus Churrätien holte und mit ihm zusammen das Kloster aufbaute. Er wird aber nicht vor 740 gestorben sein. Wenn die von Ratpert genannte Generationenfolge überhaupt stimmt, kommt auch Waldpert als der gesuchte Mann kaum in Frage. Denn auch sein Todesjahr muss im 8. Jahrhundert angenommen werden. Hingegen liessen sich die Talto-Nachkommen Thiotolt und Pollo zwischen den ermittelten Eckdaten unterbringen. Doch es gibt Indizien aus der schriftlichen Quelle (Ratpert), die gegen die Nachfahren Taltos sprechen. Diese scheinen sich kaum um die Galluszelle gekümmert zu haben.

Sensationell
So habe ich die begründete Vermutung, dass Graf Talto selber «der Mann im Sarkophag» ist. Das heisst, der 2009 gemachte Fund ist wirklich sensationell. Gefunden hat man vermutlich die Gebeine des mächtigsten Mannes unserer Region in der Galluszeit. Er war, wenn nicht alles täuscht, sowohl ziviler als auch militärischer Machtträger südlich des Bodensees. Wie oben beschrieben ein Vertrauter des Königs Dagobert und vor allem – ausser Bischof Johannes – der Wohltäter und Förderer von Gallus und seiner Mönchsgemeinschaft. Als einer, der Gallus hoch verehrte, dürfte er den Wunsch gehabt haben, in dessen Nähe bestattet zu werden. Bei dem ermittelten Lebensalter von ungefähr 70 Jahren und unter Berücksichtigung der Mitteilungen Ratperts dürfte Talto um 590/600 geboren und um 660/670 verstorben sein.

Der Sarkophag wird geöffnet. (Bild: Amt für Archäologie)

Der Sarkophag wird geöffnet. (Bild: Amt für Archäologie)

Der Mann im Sarkophag starb zwischen 650 und 690/710. (Bild: Amt für Archäologie)

Der Mann im Sarkophag starb zwischen 650 und 690/710. (Bild: Amt für Archäologie)

Der Sarkophag wird gefilmt. (Bild: Amt für Archäologie)

Der Sarkophag wird gefilmt. (Bild: Amt für Archäologie)

Von dem Historiker und Theologen Max Schär wird 2011 ein umfassendes wissenschaftliches Buch über Gallus und seine Zeit erscheinen. (Bild: Amt für Archäologie)

Von dem Historiker und Theologen Max Schär wird 2011 ein umfassendes wissenschaftliches Buch über Gallus und seine Zeit erscheinen. (Bild: Amt für Archäologie)