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Verbrennen oder mittels Kuh-Bag rezyklieren? - Geteilte Meinungen über Umgang mit Plastikabfällen

Kunststoffabfälle sollte man am besten verbrennen, findet ein HSR-Professor. Trotzdem sammeln die Ostschweizer im Kuh-Bag tonnenweise Plastik. Effizienz sei nicht alles, entgegnet der Chef der KVA Thurgau.
Kaspar Enz
In den Kuh-Bags sammelten die Einwohner der A-Region in vier Monaten schon 35 Tonnen Plastik. (Bild: Andrea Stalder)

In den Kuh-Bags sammelten die Einwohner der A-Region in vier Monaten schon 35 Tonnen Plastik. (Bild: Andrea Stalder)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Im Pazifik treiben Inseln aus Plastikabfall, je nach Quelle so gross wie Frankreich oder Westeuropa. Die Strände manches Ferienparadieses sind schon zugemüllt. In Sizilien stranden verendete Wale mit Bäuchen voller Plastikabfall. Und auch Bodenseefische haben oft Plastik im Bauch, wie ein Kreuzlinger Maturand vor einigen Monaten in seiner Maturaarbeit zeigte. Ganz zu schweigen von den Flaschen und Verpackungsresten, die am Bodenseeufer stranden.

Schweiz hat kein Plastikproblem

Kein Wunder. Die Schweizer brauchen viel Plastik – rund 125 Kilogramm verbraucht jeder pro Jahr. «Kaum jemand braucht mehr als wir», sagt Rainer Bunge, Professor für Umwelttechnik an der Rapperswiler Hochschule für Technik (HSR).

«Aber wir haben kein Problem mit Plastikabfall.»

Der Plastik, der im Pazifik schwimmt, stamme kaum aus Schweizer Quellen. «Wir haben eine geordnete Abfallwirtschaft», sagt Bunge. Das heisst: Rund 90 Prozent des Kunststoffabfalls in der Schweiz wird in Anlagen verbrannt. Und das sei auch gut so. «Den Plastik zu verbrennen, ist ökologisch eine gute Sache.» Das Erdöl, aus dem der Plastik hergestellt wurde, wird so zweimal genutzt: zuerst stofflich, beispielsweise als Verpackung. Und dann thermisch. Denn die Schweizer Verbrennungsanlagen produzieren Energie in Form von Fernwärme oder Strom. «Der Plastikabfall ersetzt so etwa die gleiche Menge Gas oder Öl. Kunststoff ist praktisch festes Benzin.»

Plastikabfälle zu rezyklieren bringe hingegen wenig. «Zumindest nicht, solange noch Erdöl gefördert wird.» Die Abfälle müssten dafür transportiert und sortiert werden, bevor sie zu Rohstoff verarbeitet werden. «Im Vergleich dazu ist die Herstellung von Plastik aus Öl einfach», sagt Rainer Bunge.

Sammelwütige Ostschweiz

Trotzdem sammeln Tausende Ostschweizer Guetzlipackungen, Flaschen und Plastikfolien. Im Herbst 2015 haben der Verband KVA Thurgau und der Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) den Kuh-Bag eingeführt. In diesen Säcken kamen in den beiden Abfallregionen im zweiten Versuchsjahr schon 500 Tonnen Plastik zusammen. Seit Anfang Jahr ist nun auch die A-Region dabei, die vom Appenzellerland bis an den Bodensee reicht. Grösste Lücke im Kuh-Bag-Land ist die Stadt St.Gallen.

Peter Steiner kennt die Einwände gegen das Plastikrecycling. Und trotzdem ist der Vorsitzende der Geschäftsleitung der KVA Thurgau weiterhin vom Plastikrecycling überzeugt. «Klar könnte man mit dem Geld, das man dafür ausgibt, anderswo einen grösseren ökologischen Nutzen erreichen», sagt er. Aber die Schweiz sei ein reiches Land. Das Recycling-Granulat, das aus dem gesammelten Plastik entsteht, sei ein gefragtes Produkt. In der Schweiz werden daraus Rohre oder Koffer hergestellt.

Leute wollen Beitrag leisten

Ökologisch sei der Nutzen des Recyc­lings unbestritten. «Es braucht zwei Kilogramm Rohstoff, um einen Kilogramm Kunststoff herzustellen.» Für den Kuh-Bag spreche aber noch ein anderer wichtiger Grund. «Wir finden es toll, dass so viel Plastik gesammelt wird. Das zeigt: Die Leute wollen einen Beitrag leisten», sagt Steiner. «Und wenn die Leute das wollen, müssen wir eine gute Lösung anbieten.»

Dass der Kuh-Bag eine vergleichsweise gute Lösung sei, sagt auch Rainer Bunge. «Der Kuh-Bag ist transparent. Er lässt sich in die Karten blicken. So weiss man, was mit dem Abfall geschieht.» Auch den Plastiksammlungen der Grossverteiler kann er einiges abgewinnen. «Sie sammeln nur hochwertige Stoffe, wie PET- oder Milchflaschen», sagt er. Das verringere den Sortieraufwand. Und es liefert die Arten von Kunststoff, bei denen Recycling am meisten bringt. «PET ist in der Herstellung sehr kompliziert. Da kann sich die Wiederverwendung lohnen.»

Problem Abfallexporte

Problematisch sind für Bunge kleinere private Sammelstellen. «Da es in der Schweiz keine Sortieranlagen gibt, wird der Abfall exportiert, meist nach Deutschland», sagt Bunge. «Und was dort nicht verwendet wird, wird oft weiter exportiert.» In Länder wie Indonesien. «Länder ohne geordnete Abfallverwertung.» Was dort mit dem Abfall geschieht, sei nicht kontrollierbar. «Oft landet er dann im Meer.»

Bund ist skeptisch gegenüber Plastiksammlern

Die Schweiz verbraucht laut dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) im Jahr rund eine Million Tonnen Plastik. Rund ein Viertel davon wird für dauerhafte Produkte verwendet, drei Viertel fallen als Abfall an. Davon werden wiederum rund 80000 Tonnen rezykliert. Der Rest, knapp 700000 Tonnen, wird in Kehrichtsverbrennungsanlagen oder Zementwerken verbrannt. Der Bund findet zwar, Recycling sei der Verbrennung grundsätzlich vorzuziehen, beim Plastik meldet er aber Vorbehalte an. In seinen Empfehlungen anerkennt das Bafu zwar das Bedürfnis der Bevölkerung, Abfälle separat zu sammeln. Der ökologische Nutzen des Plastikrecyclings sei für einen Haushalt aber gering: Er entspreche lediglich der Vermeidung einer Autofahrt von 30 Kilometern. Demgegenüber stehe ein hoher Aufwand. Die Sammlung von PET- und anderen Flaschen durch den Detailhandel begrüsst der Bund, einer Sammlung von gemischten Kunststoffen steht er eher skeptisch gegenüber. Insbesondere sollen 70 Prozent des gesammelten Abfalls stofflich verwertet werden können. Dieses Kriterium erfüllt der Kuh-Bag beispielsweise nicht. (ken)

Wie viel Plastik aus dem Kuh-Bag wieder verwendet wird, hängt von den benutzten Sortieranlagen ab. Im Schnitt sei es rund die Hälfte, sagt Peter Steiner. Die Quote ist vergleichsweise hoch. Trotzdem könnte sie höher sein. Verbundstoffe oder Verpackungen, auf denen Etiketten kleben, seien nicht oder nur schlecht verwertbar, sagt er. «Plastikverpackungen sind noch nicht auf Recycling ausgerichtet.» Aber das könne sich ändern. «Viele grosse Firmen wollen recyclingfähige Verpackungen einführen.»

Noch wird wenig rezykliert

Und noch lande auch in der Ostschweiz viel Plastik im Abfall, sagt Steiner. «Es sind vielleicht 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung, die konsequent sammeln», sagt er. «Wir müssen noch ausprobieren, wie wir das Sammeln vereinfachen können. Wir stehen noch ganz am Anfang.» Dass die Plastiksammlung demnächst dazu führen könnte, dass seine Verbrennungsanlage zu wenig heiss brennt, glaubt er eher nicht. «Wir sind im Moment ziemlich voll, wir verbrennen rund 150000 Tonnen Abfall im Jahr», sagt er. «Dagegen landen im Thurgau rund 300 Tonnen Plastik in den Kuh-Bags» – und der Kunststoff, der nicht wiederverwertet wird, wird in der Schweiz verbrannt.

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