Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Sag mir, wo dein Herz schlägt: Wer wird den FC St.Gallen in Zukunft prägen?

Mit dem Rücktritt von Tranquillo Barnetta bricht den Ostschweizern die Identifikationsfigur weg. Wer wird in Zukunft den Club prägen? Vieles deutet auf Matthias Hüppi hin, den Präsidenten. Das ist nicht unproblematisch. Aber passend für diese Zeit.
Christian Brägger
Allzu schnell werden die Kinder das Barnetta-Trikot nicht beiseitelegen. (Bild: Michel Canonica, Häggenschwil, 25. Februar 2018)

Allzu schnell werden die Kinder das Barnetta-Trikot nicht beiseitelegen. (Bild: Michel Canonica, Häggenschwil, 25. Februar 2018)

Viermal noch. Dann ist Schluss für Tranquillo Barnetta. Sofern nicht der neunte Tabellenplatz den FC St.Gallen zur heiklen Barrage-Zusatzschlaufe mit zwei weiteren Partien zwingt. Was kommt nach dem Rücktritt von Barnetta für die Ostschweizer? Oder besser gesagt, wer?

Es sind die Fragen, die den FC St.Gallen umtreiben, weil ihm auf dem Rasen gerade das Herz abhandenkommt, der DNA-Träger und Identifikationsstifter schlechthin. Überdies spielt das Eigengewächs entgegen den Erwartungen seiner Kritiker eine gute Saison und ist die Säule der Mannschaft. Weswegen die Zuschauer nun denken, «schade, ist Barnetta nicht jünger».

Der Rücktritt und die Lücke

Und vielleicht sorgen sie sich mehr denn je: Was das alles, der Rücktritt und die dadurch entstehende Lücke, mit ihrem FC St.Gallen macht. Selbst wenn es in der Ostschweiz schon geheissen hat, man dürfe Barnetta nicht überhöhen. Es gehört zum Fussball, dass der Fan schwärmt und sich Idole schafft, die überdies die eigenen Sehnsüchte stillen. Erst nach dem Weggang erkennt er ihren wahren Wert: Indem der Verein es danach sofort oder eben partout nicht schafft, Realersatz zu finden.

Itten, Hefti, Stergiou oder wer?

Für die nächste Saison wird die Clubführung des FC St. Gallen aus dem multikulturellen Team andere, neue Figuren aufbauen, die dem Anhang geben, was er vielleicht oder vor allem in Barnetta gefunden hat. Nahbare Figuren, die begeistern und die Leute ins Stadion locken. Vom bestehenden, aber für die neue Saison derzeit zu weiten Teilen noch nicht besetzten Kader ist Cedric Itten einer der Spieler, dem diese Rolle zugedacht ist. Auch Silvan Hefti, womöglich Leonidas Stergiou. Oder Nicolas Lüchinger.

Kein Mensch weiss, wie Itten zurückkehrt

Itten, um den neben anderen wie Jordi Quintillà die Mannschaft laut Trainer Peter Zeidler aufgebaut werden soll, bedient die Zuschauer mit Toren. Doch kein Mensch weiss, wie der Stürmer nach der schweren Knieverletzung vom vergangenen Herbst zurückkehrt. In der Vorwoche gab es Rückschläge im Training, weshalb Zeidler den Spieler eher nicht mehr einsetzen wird bis zur Sommerpause. Stergiou ist noch jung, und bei Hefti ist ungewiss, ob er nicht doch bald eine neue Herausforderung sucht.

Lüchinger macht seine spielerischen Mängel mit Kampf wett und kommt aus dem Rheintal, aber fliegen ihm die Sympathien tatsächlich ungeteilt zu? Auch wird St. Gallen versuchen, den einen oder andern Akteur zurückzuholen, der in oder mit der Ostschweiz verwurzelt ist. Der Name Moreno Costanzo kursiert in St.Gallen, der offensive Mittelfeldspieler und Kreativgeist war bereits in jungen Jahren hier. Offenbar gibt es Kontakt, entschieden ist nichts.

Costanzos Vertrag läuft in Thun aus und wird nicht verlängert, seine Familie wohnt noch immer in Mörschwil. Der 31-Jährige hat stets betont, dereinst wieder für die Ostschweizer spielen zu wollen, schon vor dem Wechsel nach Thun. Costanzo, der sich von seinem Kreuzbandriss erholt hat, würde ein Stück Ostschweizer Identität auf den Rasen bringen. Nicht in dem Stil wie Barnetta, weil das keiner schaffte, aber immerhin.

Ein anderer Zugang könnte der Herisauer Kemal Ademi sein. Der 23-jährige Mittelstürmer hält gerade bei Xamax mit seinen Toren die Hoffnungen auf den Ligaerhalt am Leben. Mit den Neuenburgern hat er einen Vertrag bis zum Saisonende, doch er soll liebäugeln mit einem Wechsel zum FC St. Gallen, wie es heisst. Ademi hat in St. Gallen einige Nachwuchsstufen durchlaufen, ehe ihn der Bundesligaclub Hoffenheim für seine U23 verpflichtete. Bereits vor einem Jahr war der Spieler auf dem Radar der Ostschweizer und im Probetraining bei Trainer Giorgio Contini. Aber es waren turbulente Zeiten damals, und Ademi kam aus einem Kreuzbandriss.

Zeidler und Sutter sind letztlich Wanderarbeiter

Präsident Matthias Hüppi sagt, Barnetta sei nicht klonbar, den Wegfall eines solchen Pfeilers könne man kaum und gewiss nicht eins zu eins ersetzen. «Er war ein Glücksfall für den FC St. Gallen. Eine so starke Figur gibt den anderen Sauerstoff.» Der Verein erkennt das Vakuum, das nach Barnettas Abgang entsteht, er wird versuchen, es mit gezielten Investitionen zu füllen. Auch soll das Kader künftig redimensioniert werden, heisst: weniger Leihspieler und Ausländer.

Da dies alles auf dem Fussballplatz nicht von jetzt auf gleich Früchte tragen wird und zuerst wachsen muss, rücken andere Exponenten des Clubs in den Fokus: Zeidler und der Sportchef Alain Sutter. Beiden kann man ein gewisses Starpotenzial nicht absprechen, doch können sie die Rolle des Aushängeschilds, falls überhaupt, nur kurz- bis mittelfristig einnehmen; sie bleiben, das implizieren ihre Funktionen, letztlich Wanderarbeiter. Und ziehen irgendwann weiter, weil sie dies wollen oder müssen. Überdies fehlt Sutter, im Gegensatz zu Zeidler, eine gewisse Nahbarkeit.

Hüppis Herz ist grünweiss

Also bleibt man in der Diskussion um das künftige Gesicht des FC St.Gallen bei Hüppi hängen, den in der Deutschschweiz fast jeder Erwachsene kennt. Für den Präsidenten, der dem Trainer und vor allem dem Sportchef auf die Finger schaut, wird es im Alter von 61 Jahren bis zur Pension keinen Wechsel mehr geben nach seiner Abkehr von Leutschenbach. Hüppis Herz ist grünweiss, es war es schon, als er noch ein Bub war. Er personifiziert und kanalisiert die Gefühle, die der Anhänger in den Club projiziert. Er stiftet Identität und schürt Erwartungen, die eigenen wie jene des Anhangs.

Den Wunsch vom Einzug in den Cupfinal äusserte er schnell einmal, auch dass es keinen Grund gebe, weshalb der FC St. Gallen nicht Dritter werden könne; sogar in diesen Tagen schlummert in ihm die leise Hoffnung auf diesen vielleicht mit der fixen Teilnahme an der Europa League gesegneten Platz. Hüppi ist originell, kann aber mit seinem Enthusiasmus überborden, vielleicht erkennt er sich deswegen in Interviews manchmal nicht wieder. Als Repräsentant des Clubs ist er jedenfalls die Idealbesetzung, für ihn gibt er alles.

Hüppi fehlt die Führungserfahrung

Aber als strategischer Chef, als der Hüppi ebenfalls angestellt ist, fehlt ihm die Führungserfahrung, gerade auch für die Event AG, die Geld für den Fussballbetrieb generieren muss. Und vor allem fehlt Hüppi noch die Vernetzung mit der Wirtschaftswelt, weswegen es ihm schwerfallen soll, selbst für den Verein Sponsoren zu gewinnen; Gegengeschäfte wie unter dem früheren Präsidenten Dölf Früh, als Unternehmer breit vernetzt, sind mit Hüppi jedenfalls nicht möglich, aber die wollen sie in St. Gallen auch nicht mehr.

Die Türen zu den schwerreichen Ostschweizer Firmen und Familien hat auch er nicht aufstossen können, doch das ist schon seit jeher ein schwieriges Unterfangen. Der St. Galler kennt seine Defizite, er kompensiert sie mit seinem hemdsärmligen, unterhaltenden Auftreten, und wenn es ihn braucht in der Fankurve, dann geht er dorthin. Ganz aus der Haut kann der omnipräsente Hüppi nicht, er sucht die Rolle des Exponenten, selbst wenn er dies verneint.

Der Präsident als prägende Figur – eine Zeiterscheinung

Doch ist es ein gutes Zeichen, dass ausgerechnet der Präsident so prägend ist für den Club? Es ist zumindest eine Zeiterscheinung, die ebenso auf andere Vereine in der Schweiz zutrifft, nur pumpen dort die Chefs auch ihr Geld hinein: Christian Constantin in Sitten, Ancillo Canepa in Zürich. Hüppi dürfte künftig also die Klammer sein, die den Verein und die Fans zusammenhält, die allen das Gefühl der Einheit und Orientierung gibt. Er sagt: «Das ist überhöht. Ich bin kein Wunderkind, geschweige denn ein Sololäufer, und das ist auch nicht mein Ziel.»

Letztlich wird in St. Gallen ohnehin das Geschehen auf dem Platz entscheidend sein. Gerade hier, wo Ivan Zamorano ebenso ein Zuhause fand wie Marc Zellweger. Es wird massgeblich sein, dass Grünweiss nicht nur draufsteht, sondern auch drin ist im St. Galler Spiel.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.