Glosse
Rysers und Eggers Polit-WG: Das Weihnachtswunder von Bern

Die frohe Kunde von der Polit-WG mit Franziska Ryser (Grüne), Mike Egger (SVP) und Andri Silberschmidt (FDP) hat eingeschlagen wie ein Komet. Eine kurze Zwischenbilanz.

Adrian Vögele aus Bern
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Franziska Ryser und Mike Egger bei einem ihrer vielen Interviews in der gemeinsamen Berner Wohnung.

Franziska Ryser und Mike Egger bei einem ihrer vielen Interviews in der gemeinsamen Berner Wohnung.

Screenshot: TVO

Die Schweiz hat bekanntlich ihr eigenes Bethlehem ­– es liegt im Westen der Stadt Bern. Ausgerechnet dieser Tage aber steht der Aussenbezirk im Schatten eines anderen Stadtviertels. Wie weiland die Hirten auf dem Feld erhielten Journalisten von nah und fern den Auftrag: «Geht ins Marzili-Quartier, schaut, was sich dort Unerhörtes ereignet hat und tragt die frohe Kunde hinaus in die Welt.»

Es fehlt nur noch ein Stern mit Schweif über jenem Haus, in dem die Jungparlamentarier Franziska Ryser (Grüne), Mike Egger (SVP) und Andri Silberschmidt (FDP) ihre WG eingerichtet haben. Wie ein Komet schlug die Nachricht ein, und das ganze Land kennt inzwischen die wenigen Möbel, die das Trio in der kurzen Zeit seit dem Einzug ergattern konnte, selbst der Einkauf ist dokumentiert, der «Blick» war dabei im Brockenhaus. Spartanische Einrichtung, kaum etwas zu essen in der Küche, aber dennoch Frieden und Freude allenthalben ­– eigentlich wie man’s kennt aus der Weihnachtsgeschichte.

Die parteiübergreifende Idee habe etwas Versöhnliches, sagt Mike Egger, das komme für die Medien in der Adventszeit wohl wie gerufen. Auch Franziska Ryser nimmt es locker, dass alle hinter ihre Tür schauen wollen: Als Parlamentarierin sei sie ein Stück weit eine öffentliche Person, das Wohnen in Bern zähle sie zu diesem öffentlichen Leben hinzu.

Der Rummel um die WG riss auch in der zweiten Hälfte der Session nicht ab. Selbst das deutsche Staatsfernsehen musste die Ungeheuerlichkeit, dass sich Politiker von links bis rechts unter einem Dach zusammentun, mit eigenen Kameras aufnehmen. Die drei wurden derart oft gefragt, was sie nun in ihrer Wohnung machen, dass sie kaum Zeit hatten, irgendetwas zu machen, kochen und diskutieren beispielsweise, denn natürlich gab es auch im Bundeshaus das eine oder andere zu tun, häufig bis in den Abend hinein.

Wer auf die frohe Botschaft eines gemeinsamen politischen Vorstosses aus der WG wartet, muss sich noch gedulden. Sowieso: Im parlamentarischen Alltag stösst die Harmonie an Grenzen. Das zeigte sich, als das Trio über eine restriktivere Zulassung zum Zivildienst debattierte. Am Ende stimmte Ryser Nein, Egger Ja und Silberschmidt enthielt sich. Ferienreif sind sie nach diesem Weihnachtsmärchen wohl allesamt.

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