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Rorschach wird wieder zur Stadt

Allein auf der Feldmühle-Industriebrache plant Rorschach den Bau von 300 Wohnungen, die Transformation von der Industrie- zur Wohnstadt am See läuft auf Hochtouren. Doch es gibt Knacknüsse – wie die doppelt so teure Bahnunterführung.
Marcel Elsener
Das Feldmühle-Areal mit erhaltenswerten Fabrikhallen (links) und dem Kamin als Wahrzeichen der früheren Industriestadt. Nachbar im Osten ist die evangelische Kirche. (Bild: Hanspeter Schiess (26. Februar 2019))

Das Feldmühle-Areal mit erhaltenswerten Fabrikhallen (links) und dem Kamin als Wahrzeichen der früheren Industriestadt. Nachbar im Osten ist die evangelische Kirche. (Bild: Hanspeter Schiess (26. Februar 2019))

Ob das «Wörterspiel» von Dauer sein wird, lässt sich schwerlich sagen. Doch die Signalwirkung ist bemerkenswert: So heisst der Buch- und Spieleladen, der am Wochenende an der Ecke Signal- und Hauptstrasse eröffnet wurde. Ja, Rorschach hat wieder eine Buchhandlung, die erste seit sieben Jahren, als die Buchhandlung am Kornhaus aufgab. Und der Zuspruch für ein anderes «Wörterspiel», wenn man die Cliquenfasnacht so nennen will, ist ein zweites Anzeichen, dass das öffentliche Leben in der Hafenstadt wieder zunimmt: Sieben Cliquen, so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr, traten am Samstag in den Restaurants auf.

Signale für den viel beschworenen «Aufschwung»: Rorschach ist nach langem Niedergang wieder auf dem Weg zur Stadt. Das war sie unbestritten ein gutes Jahrhundert lang, mit dem Höhepunkt von 13500 Einwohnern in den 1960er-Jahren, bis die Fabriken schlossen und die Bevölkerung wegzog; 1978 sank die Einwohnerzahl unter 10000 und dümpelte seither um 8500, 9000 herum. Nun liegt die für die Stadtgrösse nötige Zahl von «10000 plus», die der Stadtrat als vorrangiges Legislaturziel nennt, in Reichweite. Zwar sind es derzeit erst 9300 Einwohner, doch Rorschach hat 2015 die boomende Nachbargemeinde Goldach wieder überholt und erwartet bis 2025 den erlösenden Schub.

Überbauungen mit gesamthaft gut 500 Wohnungen

Mit gutem Grund: Die mit 1,8 Quadratkilometern flächenmässig kleinste Gemeinde des Kantons St. Gallen, schweizweit eine der dichtbesiedeltsten, zählt auf jüngste Wohnüberbauungen, die sie mit eigenen Grundstückkäufen und einem Stadtentwicklungskonzept mitangestossen hat. Im Osten des Stadtzentrums (Seehof) wurden 35 Wohnungen bezogen, auf dem früheren Brauereiareal Löwengarten sind 89 Wohnungen und auf einer Brache im Südwesten (Pestalozzistrasse) 54 Wohnungen in Bau. Auch wenn nicht in alle Neubauten Familien einziehen, dürften allein diese drei Projekte einen Zuwachs um 300, 400 Personen bringen.

Das Projekt für die Feldmühle, mit bestehenden und neuen Bauten. Nicht ersichtlich ist die geplante Einfahrt für die Unterführung beim Platz zum Stadtbahnhof. (Bild: PD)

Das Projekt für die Feldmühle, mit bestehenden und neuen Bauten. Nicht ersichtlich ist die geplante Einfahrt für die Unterführung beim Platz zum Stadtbahnhof. (Bild: PD)

Von ganz anderen Dimensionen ist allerdings das grösste Arealentwicklungsprojekt, das nun Konturen angenommen hat: Auf der Industriebrache der Riesenfabrik Feldmühle plant der schweizerisch-indische Immobilienentwickler Steiner eine Überbauung mit 300 Wohnungen. Mitte Februar ist das nach einem Architekturwettbewerb mit sieben Büros prämierte Projekt vorgestellt worden: Das Zürcher Büro Baumberger und Stegmeier, das mit der Lok­stadt Winterthur ein ähnlich bedeutsames Vorhaben umsetzt, hat für die Feldmühle ein neues Stadtquartier mit je 40 Prozent Miet- und Eigentumswohnungen sowie 20 Prozent Gewerberäumen mit öffentlichen Nutzungen, Grünflächen und Innenhöfen entworfen. Es trägt den Markenzeichen der Rorschacher Industrie Rechnung – die Verwaltungs- und Fabrikbauten von Adolf Gaudy sollen ebenso stehen bleiben wie das charakteristische Hochkamin, angestrebt wird laut Planern kein Bruch mit der Geschichte, sondern eine «Weiterführung», in der sich «breite Schichten der Bevölkerung wiederfinden sollen».

Keine Tabula-rasa-Planung

Die oft zitierte «Transformation» der Industriestadt zur «Wohn- und Dienstleistungsstadt» bedeutet in diesem Fall keine Tabula-rasa-Planung, wie sie beispielsweise bei den drei Hochhäusern auf dem Boden der Alcan (Aluminiumwerke) im «Stadtwald» erfolgte – ein fragwürdiges Beispiel für den Umgang mit dem industriellen Erbe. Auf dem Löwengarten-Areal bleibt wenigstens die Abfüllerei als repräsentativer Brauereibau stehen. Das geplante Projekt für die Feldmühle sei das städtebaulich überzeugendste Vorhaben in Rorschach, meinen denn auch die Kantonsbehörden, die in der komplexen Arealentwicklung früh beigezogen wurden: Sowohl Denkmalpfleger Michael Niedermann als auch Ortsplanungschef Bruno Thürlemann sprechen von einem «hervorragenden Prozess» und «spannenden Ansätzen». Und sie stellen der Kleinstadt im kantonalen ­Vergleich ein gutes Zeugnis für die aufgegleiste Stadtentwicklung aus: «Das ­Gerüst ist vorbildlich.»

Transformation mit Mitwirkung und Zwischennutzung

Für die Feldmühle-Überbauung wird nun ein Sondernutzungsplan erarbeitet, auch ist eine Umzonung erforderlich. Bis zur öffentlichen Auflage 2020 soll die Bevölkerung für das Vorhaben gewonnen werden: Die einst grösste Stickereifabrik der Welt (um 1910 beschäftigte sie 2725 Mitarbeitende, davon 2416 in der Fabrik und 309 in Heimarbeit) und späterer Klebbänderbetrieb (Cellux, Scapa) birgt auch als verlassene Brache, die sie seit 2015 ist, Anschauungsstoff mit Produktionshallen und Werkinstallationen, die in der Ostschweiz ihresgleichen suchen. Umso erfreulicher, dass Zwischennutzungen erwünscht sind. Erste temporäre Mieter sind bereits da, wie der «Feldmühle»-Buchautor Richard Lehner, der zusammen mit früheren Feldmühle-Arbeitern Führungen anbietet und im Sommer eine Veranstaltungs­reihe plant.

Bereits am 17. März laden der Kanton und das Institut Neue Schweiz (Ines) in der Feldmühle zu «Generationengesprächen aus dem Ostschweizer Migrationsuntergrund» ein – ein Hinweis auf mögliche künftige Arealnutzungen durch Bildungsinstitutionen, etwa von Seiten der Rorschacher Abteilungen von Fachhochschule und Berufsschule. Der Ende 2019 zurücktretende Stadt­präsident Thomas Müller verspricht sich vom Feldmühle-Projekt den endgültigen Schub für die «Seestadt», die Rorschach um 2050 sein soll. Den langen Trend zum Wegzug, der 1970 einsetzte, habe damals auch seine Familie mitgemacht, sagte Müller an der Projektvorstellung: «Sogar wir zogen weg, nach Altenrhein.»

Verteuerung und Einsprachen gegen Unterführung

Dass die Feldmühle-Vision keine Euphorie ausgelöst hat (etwa keinen einzigen Leserbrief), kann man sich wohl mit der langen Agonie erklären. Oder mit den ganz anderen Sorgen, die man derzeit in der Hafenstadt hat: Die Strassenunterführung beim Stadtbahnhof, direkt nördlich am Feldmühle-Areal, wird mit 35 Millionen 14,5 Millionen Franken ­teurer als geplant. Die Bürger müssen deshalb am 19. Mai nochmals über den Kredit abstimmen. Ein pikantes Datum, denn dann wird auch die Nachfolge Müllers gewählt, bislang kandidieren Schulratspräsident Guido Etterlin (SP) und der Thaler Gemeindepräsident Robert Raths (FDP), beides Kantonsräte.

Die 2016 noch mit überwältigendem Mehr gutgeheissene Unterführung ist angesichts der massiven Verteuerung und neuerlicher Einsprachen längst nicht mehr so unbestritten, wie aus diversen Parteien und Vereinen zu hören ist. Ganz abgesehen davon, dass die südliche Einfahrtschneise die Anbindung des Feldmühle-Stadtquartiers erschwert. Diskussionsstoff für anstehende Stadtentwicklungs- und Stadtpräsidiums-Podien – und eine anständige öffentliche Debatte kann der neu zu bildenden Stadtidentität Rorschachs nur förderlich sein.

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