RORSCHACH: Das Hinterhof-Herz der Hafenstadt

Der Rorschacher Lindenplatz mit seinen verwunschenen Ecken in der östlichen Altstadt ist kein touristischer Vorzeigeplatz. Umso mehr schätzen ihn die Einheimischen als Begegnungsort, der wieder vermehrt belebt wird.

Marcel Elsener
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Versteckte Trouvaille: Der Rorschacher Lindenplatz mit der Schmitte (links) und dem Schilte-Sechsi-Häuschen (rechts), das als einziges den Brand von 1850 überlebte. (Bild: Michel Canonica und Ralph Ribi)

Versteckte Trouvaille: Der Rorschacher Lindenplatz mit der Schmitte (links) und dem Schilte-Sechsi-Häuschen (rechts), das als einziges den Brand von 1850 überlebte. (Bild: Michel Canonica und Ralph Ribi)

RORSCHACH. Die Hafenstadt Rorschach ist nicht für ihre Plätze bekannt; logisch, denn erstens liegen ihre freien Flächen am Seeufer, und zweitens ist sie eine der dichtestbebauten Gemeinden der Ostschweiz. Auswärtigen am ehesten bekannt sind der Kabisplatz (neben dem freigewordenen Hafenplatz) und der Kurplatz zwischen Seerestaurant und Hauptbahnhof – beides betonierte Parkplatzflächen. Weniger attraktiv der autofreie, aber mit seinen Stahlsäulen kalt wirkende Marktplatz und der Curtiplatz, der wiederum als Parkplatz dient. Beliebt für einen Schwatz war der Trischliplatz neben den Grossverteilern, der mit Schwarzföhren mediterranen Charme versprühte; nun darbt er als baumloses Restplätzchen – und tristes Providurium.

Schmitte und Signalfirma

Bleibt den Rorschachern als heimlicher Lieblingsplatz der Lindenplatz. Der ist, in der östlichen Altstadt versteckt hinter den Häuserzeilen der Haupt- und der Mariabergstrasse, kein Aushängeschild und nur jenen Stadtbesuchern ein Begriff, die sich auch einmal in die Hinterhöfe verirren. Umso mehr schätzen ihn Einheimische, die hier zu tun hatten oder noch haben. Immerhin finden sich an seiner Adresse nebst Garagen, Lagern und Hinterausgängen populärer Restaurants (Mariaberg, Mamma Mia) die jahrhundertealte und mittlerweile letzte Schmitte der Stadt (Zwissler) sowie das Atelier des langjährigen Musikschulleiters (Looser); letzteres untergebracht im früheren Fabriklokal der Triopan, die hier von 1962 bis 1978 jene Falt- und Warnsignale herstellte, die bis heute unter ihrem Firmennamen bekannt sind.

Ein unscheinbares Plätzchen, aber mit lebhafter Werkplatz-Ambiance. Fast ein Garageland, wie es die Punkband The Clash besang. Weil es so ge- und verbraucht wirkt, unfertig, nicht herausgeputzt. Freilich erscheint es nicht im Tourismusprospekt, dafür auf der Schnitzeljagd-Liste von Geocaching, mit treffendem Beschrieb: «Zum Seichergässli rein, zum Schmusergässli raus, dazwischen ein in die Jahre gekommener Platz. Das Lindenplatz-Viertel, zu Zeiten des Leinwand- und Kornhandels ein florierendes Quartier, ist in Vergessenheit geraten: ein verborgener Schatz, der darauf wartet, wachgeküsst zu werden. Enge Gässchen, verwinkelte und verwunschene Ecken, geheimnisvolle Türen, eine theatrale Szenerie…»

Offiziell heissen die Zugänge Engel- und Kettenhausgasse, dazu kommt ein schmaler Durchgang, namenlos, deshalb Seichergässli. «9400» war da mal gesprayt, markiertes Bekenntnis einer jugendlichen Gang: Yo, Rorschach! Die Kettenhausgasse dient als asphaltierte Zufahrt zur Schmitte, wird aber im östlichen Verlauf zur originalen Altstadtgasse mit Katzenkopfpflaster.

Lindwurm-Otter-Brunnenfigur

Der eigentliche Platz liegt auf einem erhöhten Halbrund; Kies, sechs farbige Parkbänke um die namengebende Linde, zwei Kastanienbäume, plätschernder Brunnen. Der birgt den wahren Platzschatz: das Fabelwesen des St. Galler Bildhauers Wilhelm Meier, eine Mischung aus Otter und Lindwurm. Die Rorschacher Schatzsucherin Barbara Camenzind liess sich von der Figur zu sagenhaften Erzählungen inspirieren. Dieser Fafnir sei eine «freundliche Ausgabe des grausigen Schatzhüters aus der Nibelungen-Sage», meint sie und stellt ihn in die nordische Mythologie, die Meier gekannt haben müsse.

In heutigen Städten gilt der Lindwurm als Symbol für Wohlstand; dass die Rorschacher Version so klein geraten ist, zeugt von Bescheidenheit und Realitätsbewusstsein. Eigenschaften, die dem Platz gutgetan haben: nichts an ihm wirkt protzig, und wenn er in jüngster Zeit neu entdeckt worden ist, als belebter Adventskalender und für schrullige Anlässe wie das Töfflibuebe-Treffen (YouTube-Empfehlung!), geschah dies ohne Verschönerungsmassnahmen und angeschriebene «Begegnungszone».

Brandplatz mit Überbleibsel

Was wiederum seiner schicksalshaften Entstehung als Brandplatz entspricht: 1850 hatte ein verheerendes Feuer elf Häuser im eng gebauten Quartier zerstört. Übrig blieb einzig das 1776 erbaute winzige Häuschen, das man heute als Kulturbeiz Schilte-Sechsi kennt. Ein Verweis auf eine Idylle, die in den 1950er-Jahren Schauplatz vielbesuchter Theateraufführungen war: Vor einem Ärztehaus aus fürstäbtischer Zeit, das 1962 einem öden Wohn- und Büroblock Platz machen musste, wurden «Lumpazivagabundus» oder «Die Bürger von Schilda» gespielt.

Eine Tradition, an die später Gastspiele der «Badener Maske» und Konzerte lokaler Orchester anknüpften. Wieder entdeckt wurde der Platz auch als Spielplatz: 1972 fand dort ein «Spielplausch» progressiver Elternvereine statt. Dabei war der Lindenplatz einst ein bevorzugter Spielplatz der Stadtjugend gewesen, ein Ort waghalsiger Streiche, wie der Lokalhistoriker Richard Grünberger erzählte: «Ein Bub musste sämtliche 16 Kastanienbäume von Ast zu Ast überklettern, bevor er in den Bund der Lindenplatzbuben aufgenommen wurde.» Wild auch die «Um-en-Egg-Egg-Egg»-Rennerei und das Narren des (Engel-)Apothekers, dem die Kinder den Lauf seines Brunnens stauten, bis das Wasser im Magazin überlief. «Waren wir müde, schauten wir bei der Schmitte zu, wie Pferde beschlagen oder Wagenräder bereift wurden, wobei das glühende Eisen im Wasser zischte.»

Urs Räbsamens Impuls

Dem Charme des Platzes erlegen ist auch Urs Räbsamen: Der bekannte Renovierer vieler Gebäude in Zürich und Rorschach hat zur allseitigen Überraschung den jahrelang leerstehenden «Schuppen» an der Rückseite des Apothekenhauses gekauft und lässt ihn rundum erneuern. Räbsamen wünscht sich eine Platzsanierung durch die Stadt. «Auf lange Sicht soll der Lindenplatz mit den Restaurants Mariaberg und Schilte-Sechsi zum schönsten Platz in Rorschach werden.» Idealerweise würde dazu der Haiderbach freigelegt, der früher dort offen floss.

Erste Schritte zur Reanimierung sind getan. Das «Mariaberg» nutzt den Kiesplatz im Sommer als Gartenbeiz mit 40 Stühlen, jeweils donnerstags lädt es zum «Treffpunkt Tisch». Und der alte Werbespruch der Schmitte passt als Verheissung für den ganzen Lindenplatz: «Wir haben mehr Eisen im Feuer, als Sie denken!»

Ein freundlicher Lindwurm – oder ist Fafnir doch eher ein Otter? (Bild: Michel Canonica)

Ein freundlicher Lindwurm – oder ist Fafnir doch eher ein Otter? (Bild: Michel Canonica)