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«Bon ist nicht einschätzbar»: Romanshorner Stadtpräsident in der Bise – weshalb ihm die Abwahl droht

Um das Romanshorner Stadtpräsidium bewerben sich mittlerweile vier Kandidaten. Dem bisherigen Stadtpräsidenten von der FDP weht ein eisiger Wind entgegen. Der Ausgang der Wahl vom 10. Februar ist ungewiss.
Christoph Zweili
«Kurs halten»: Das ist das Motto von Stadtpräsident David H. Bon. (Bilder: Christoph Zweili)

«Kurs halten»: Das ist das Motto von Stadtpräsident David H. Bon. (Bilder: Christoph Zweili)

Der Sparstrumpf ist leer, die Pro-Kopf-Verschuldung hoch. Von vier Jahren Stadtplanung gibt es keine sichtbaren Resultate. Romanshorn ist gespalten: Fünf Stadträte treten zurück. Stadtpräsident David H. Bon droht am 10. Februar die Abwahl, nachdem ihm gleich drei Herausforderer gegenüberstehen.

Das alles ist weit mehr als eine einmalige Winterdepression: Die Zahlen zeigen, die Hafenstadt mit über 11'000 Einwohnern hat in den vergangenen Jahren über ihre Verhältnisse gelebt. Nun ist sie in einem Stimmungstief gefangen. Nicht wenige Romanshorner begegnen den Visionen ihres Stadtpräsidenten inzwischen mit einer Mischung aus Resignation und offener Opposition. Sie nehmen den Stadtrat immer enger an die Kandare, zwingen die Behörde zum Sparen: Schon mehrfach haben sie ihr den Geldhahn zugedreht.

Der Kreis schliesst sich: Über sechs Jahrzehnte war Romanshorn fest in FDP-Hand, bevor die SP mit Hansheiri Müller das Szepter übernahm. Nach zehn Jahren gab er das Amt an SP-Mann Walter Anderes ab, der die Gemeinde bis 1999 führte. Mit dem neuen Jahrtausend kam für die nächsten zwölf Jahre die CVP mit Max Brunner und Norbert Senn zum Zug.

Seit 2011 will FDP-Mann David H. Bon die Gemeinde in eine neue Zukunft führen. Für ihn ist Romanshorn eine nicht fertiggebaute Stadt, hervorgegangen aus einem Fischerdorf und sprunghaft zum Handels- und Tourismusort gewachsen mit dem Bau des grössten Hafens am Schweizer Ufer und der Eisenbahnlinie. Und eben kein verstädtertes Dorf, wie es im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz bezeichnet wird. Bon sieht zwar auch Zeichen der Krise, sein Wahlmotto ist aber «Kurs halten». Doch Kurs worauf? Dahinter stecke nicht als blanke Schönrederei, werfen Kritiker dem 51-Jährigen vor.

Eine Hiobsbotschaft jagt die andere

Im einst pulsierenden Eisenbahnerdorf hat die Talfahrt schon 1976 eingesetzt. Damals, als die Bundesbahnen nach 107 Jahren den Trajektverkehr einstellten, den seeüberquerenden Transport von Eisenbahn-Güterwagen auf der Fähre zwischen Romanshorn und Friedrichshafen. Die Beamtenstadt blutete mehr als andere, als der Bund auf Kosten der Randregion zu sparen und zu rationalisieren begann.

Alles Kämpfen half nichts: In der Amtszeit von Walter Anderes, dem ersten und letzten Bähnler, der der Seegemeinde vorstand, jagten sich die Hiobsbotschaften: SBB weg, Post weg, der Stückgut-Transport, das Rangierzentrum, die Transitpost und der Post-Lastwagenverkehr über die Fähre. Und das in einem Bahnhof, der noch in den 1960er-Jahren zu den bedeutendsten der Schweiz gehört hatte. Bis heute sucht die angeschlagene Stadt nach Antworten auf diesen Strukturwandel. Ohne durchschlagenden Erfolg.

Der Schrumpfungsprozess betraf auch weitere Regiebetriebe des Bundes: Das ab 1891 entstandene Alkohollager etwa – heute ist auf dem umgenutzten Areal ein Automuseum zu finden; kein Retromuseum, sondern eines mit Formel-1-Maschinen des Schweizer Rennstalls Sauber Motorsport aus den Jahren 1993 bis 2004. Und mit einer hauseigenen Teststrecke, auf der die Rennboliden in Fahrt bestaunt werden können – ein kleiner Lichtblick also.

In diesem schwierigen Umfeld verwundert wenig, dass die Romanshornerinnen und Romanshorner hohe Erwartungen an die Gemeindeführung stellen: Neue Ideen tun not. Schon Bons Vorgänger, ein Sekundarlehrer, hatte das Heil in einer Vision gesucht. Er setzte 2011 alles auf einen bisher fehlenden Gemeindesaal am See, und verlor. Nach nur vier Jahren wurde er abgewählt.

Seinem Nachfolger David H. Bon droht nun am 10. Februar dasselbe Schicksal. Dem anfänglichen Hoffnungsträger, der für eine ganzheitliche Sicht auf die Stadtentwicklung stand, werfen Kritiker mittlerweile vor, er habe in acht Jahren kein einziges Projekt aus eigener Kraft initialisiert und umgesetzt, sondern lediglich hochfliegende Pläne geschmiedet.

Für den überarbeiteten kommunalen Richtplan gab es anfangs noch Applaus. Das gilt auch für den Kauf des Filetstücks am Hafen von den SBB, das einstige Güterschuppenareal, das mittlerweile Hafenpromenade heisst. Die konkreten Projekte am Hafen, die Hafenplattform mit Steganlagen und Gastronomie und die rund 40 Millionen Franken teure Sanierung des Kornhauses mit Lofts und Appartements aber sind ausschliesslich das Verdienst von privaten Investoren.

Die Stimmung in der Bevölkerung ist kritisch. Immer mehr sprechen von verpulverten Steuergeldern. Der meistgehörte Vorwurf: Bon rede alles schön, er habe den Bezug zu den Bürgern verloren. Er lebe in einer eigenen Welt. An der Budgetgemeinde im November 2017 wurden fast sämtliche Projekte der Stadtplanerin gestrichen – sie untersteht direkt dem Gemeindepräsidenten, arbeitet mittlerweile aber nur noch 40 Prozent für Romanshorn. Eine zweite Stabsstelle, 2015 von Bon geschaffen, wurde im vergangenen Jahr im Zuge von Sparmassnahmen sang- und klanglos wieder gestrichen.

Zweimal in Folge, 2017 und 2018, wurden Steuerfusserhöhungen ablehnt: Romanshorn hat es mit hohen 72 Prozentpunkten heute schon schwer, zahlungskräftige Steuerzahler zu finden. Seither schlägt den im Stadtrat ausgebrüteten Ideen mehr oder weniger offene Opposition entgegen. Das gilt etwa für die 17 Millionen Franken teure Velo- und Fussgängerpasserelle über die Gleise an den See oder für den Stadtplatz im Zentrum. Goodwill verlor die Behörde auch mit der angekündigten Kürzung von Vereinsbeiträgen. Oder mit der Streichung des Weggelds für Handwerksleute auf der Walz.

Idee der Findungskommission wird zum Selbstläufer

Zum Verhängnis könnte Bon auch die hohe Personalfluktuation in der Stadtverwaltung werden. Von 2015 bis 2017 sind rund 50 Mitarbeiter gegangen – allein 22 im Jahr 2017 – 14 davon aufgrund von Konflikten. Ein Romanshorner sagt:

«Einige haben die chaotische Art des Gemeindepräsidenten nicht mehr ausgehalten. Bon ist nicht einschätzbar. Sein Umgang mit Angestellten ist bisweilen unmöglich.»

Ein Zeichen für die Schräglage der Stadtregierung ist auch der Rücktritt von fünf der acht Stadträte, auch wenn vier ausdrücklich verneinen, dass dies mit dem amtierenden Stadtpräsidenten zu tun habe. Besorgte Romanshorner gründeten ein Komitee, in das SP, SVP, CVP und die Grünen je einen Vertreter entsandten, um dem Stimmbürger am 10. Februar eine Auswahl zu ermöglichen. Auch diese Findungskommission will Bon nicht explizit anschwärzen.

Inzwischen sind mit Turi Schallenberg (53, SP) und Roger Martin (50, parteilos) zwei Gegenkandidaten gefunden. «Die Kommission hat ihre Hausaufgabe gemacht», sagt SP-Präsidentin Aliye Gül.

«Die Romanshorner können auswählen, David H. Bon hat nicht einfach einen Freipass.»

Die Idee der Findungskommission ist mittlerweile zum Selbstläufer geworden: Mit dem Bonaduzer Daniel Sommer, einst SVP-Ortsparteipräsident in Bischofszell, ist ein vierter Bewerber für das Stadtpräsidium aufgetaucht. Und es gibt plötzlich auch sieben neue Kandidaten für den Stadtrat.

Wahlplakat von Daniel Sommer (53, SVP).

Wahlplakat von Daniel Sommer (53, SVP).

Wahlplakat von Roger Martin (50, parteilos)

Wahlplakat von Roger Martin (50, parteilos)

Wahlplakat von Turi Schellenberg (53, SP)

Wahlplakat von Turi Schellenberg (53, SP)

Auch Arbon in der Krise

Romanshorn ist mit seinen strukturellen Problemen nicht allein. Auch in der ehemaligen Saurer-Stadt Arbon spürt die Bevölkerung wenig vom Aufschwung, obwohl auf der Industriebrache am Bahnhof ein neuer Stadtteil entsteht. In der einstigen Arbeiterstadt stehen Vorwürfe im Raum, dass der Stadtrat überflüssige Ausgaben generiert habe, zum Beispiel für eine neue Kommunikationsstelle oder ein 100000 Franken teures Gastrokonzept.

Arbon wählt am 10. Februar ebenfalls einen neuen Stadtpräsidenten, muss zudem zwei Stadträte ersetzen und das 30-köpfige Stadtparlament erneuern. Seit der Abwahl von Christoph Tobler (FDP) im Jahr 1999 hält es in Arbon kein Stadtpräsident lange aus, wie die Schweizerische Depeschenagentur unlängst festgestellt hat. Entweder werde er abgewählt oder gehe freiwillig wie aktuell Andreas Balg von der FDP. Er wolle seiner Familie und seinen Freunden nicht länger die Widrigkeiten und Anfeindungen zumuten, welche das Amt in der Öffentlichkeit mit sich bringe, begründet der 54-Jährige seinen Rücktritt zum Ende der zweiten Amtsperiode. Balg hatte vor sechs Jahren Martin Klöti (FDP) abgelöst, der in die St. Galler Kantonsregierung gewählt worden war. (cz)

Andreas Balg, ein Bild aus besseren Tagen. (Bild: Max Eichenberger)

Andreas Balg, ein Bild aus besseren Tagen. (Bild: Max Eichenberger)

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