Romanshorn
«Wenn ich Pflanzenschutzmittel einsetze, kann ich die Direktzahlungen vergessen»: Präsident des Bauernverbands klagt in Podiumsdiskussion über Agrar-Initiative

Am Dienstagabend wurde per Livestream eine Podiumsdiskussion zu den beiden Agrar-Initiativen veranstaltet. Am 13. Juni wird über die Initiativen abgestimmt.

Alain Rutishauser
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Über 200 Zuschauer haben am Dienstagabend eine Podiumsdiskussion in Romanshorn über die Agrar-Initiativen verfolgt.

Über 200 Zuschauer haben am Dienstagabend eine Podiumsdiskussion in Romanshorn über die Agrar-Initiativen verfolgt.

Bild: Josef Gemperle

Unter der Leitung von Sandra Stadler, Vizepräsidentin der CVP Thurgau, zeigte sich am Dienstagabend vor 40 Personen in der Kantonsschule Romanshorn und 215 per Livestream Zusehenden rasch, dass die Runde mehrheitlich gegenüber der Trinkwasser- als auch der Pestizidfrei-Initiative sehr kritisch eingestellt war. So befürchtete IHK Thurgau-Präsident Christian Neuweiler bei einem Ja an der Urne steigende Kosten für die Produzenten und somit einen internationalen Wettbewerbsnachteil.

Weniger Auswahl, mehr Einkaufstourismus

Deutlich wurde der Präsident des Schweizerischen Bauernverbands und St.Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter. Die Trinkwasser-Initiative ziele nur auf die Direktzahlungen der Bauern ab. «Die Initiative will allen Bauern, die Pflanzenschutzmittel einsetzen oder Futter für ihre Tiere zukaufen, die Direktzahlungen streichen», klagte Ritter. Das sei jedoch Unfug, da das Verbot auch die Biolandwirte treffe, die chemiefreie Pflanzenschutzmittel einsetzten.

Die Pestizidfrei-Initiative verstosse nicht nur gegen geltende WTO-Regeln, sondern schränke auch die Produktauswahl ein. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schweizer es gut fänden, wenn die zusätzlichen Anforderungen die Auswahl verringern und zugleich die Lebensmittelpreise erhöhen würden», betonte Ritter. Zumal unklar wäre, ob die Bauern überhaupt für den Mehraufwand entschädigt würden. Denn zum einen sei die Marktmacht der Lebensmittelhändler gross, und zum anderen könnten Leute, die sich die teureren Nahrungsmittel nicht mehr leisten wollten, wieder mehr dem Einkaufstourismus frönen, befürchtete Ritter.

Vielen droht ein Dilemma

Der Präsident des Schweizer Obstverbands Jürg Hess gab zu bedenken, dass Obstbau ohne Pflanzenschutzmitteleinsatz praktisch unmöglich sei. Viele Bauern, die wie er mehrere (land-) wirtschaftliche Standbeine pflegten, stünden bei einem Ja vor einem Dilemma: «Wenn ich dann Pflanzenschutzmittel einsetze, kann ich die Direktzahlungen vergessen. Wenn ich aber alles auf Bio umstelle, dann kann ich den Obstbau vergessen, weil der ohne Pflanzenschutzmittel nicht geht.»

SVP-Nationalrat Manuel Strupler brachte bezüglich Anbauproblematik ein Beispiel. Er selbst baue Zuckerrüben an. Doch diese Pflanze sei biologisch sehr schwer anzubauen, da das Unkraut schneller als die langsam wachsende Zuckerrübe wachse. «Da müssten wir wieder den Landdienst einführen, um genug helfende Hände zu haben, wenn wir kein Pflanzenschutzmittel mehr einsetzen dürften», so Strupler halb scherzhaft, halb ernst.

50 Prozent der Insekten verloren

Der Grünen-Nationalrat, Maschinenbauingenieur und Befürworter der beiden Agrar-Volksbegehren Kurt Egger erklärte, dass er die Debatte vor allem aus der Umweltperspektive betrachte. Obwohl in den letzten Jahrzehnten massiv weniger Gift in der Landwirtschaft eingesetzt worden sei, sei es doch eine Tatsache, dass «wir 50 Prozent der Insekten in den letzten 30 Jahren verloren haben».

Der Thurgau sei vom Einsatz von Pflanzenschutzmittel als klassischer Landwirtschaftskanton besonders betroffen, weshalb es an der Zeit sei, «nun Gegensteuer zu geben». Statt Pflanzenschutzmittel möchte Egger zukünftig intelligente Technologien einsetzen, um der Hege und Pflege der Gemüse- und Obstkulturen Herr zu werden. Somit seien während der Übergangsphase vor allem Innovationsgeist und Forschung gefragt.