«Romands greifen gerne auf Ostschweizer Dialekte zurück»

Nachgefragt

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Verena Sonderegger-Bührer hat vor 15 Jahren das erste Lehrmittel für Schweizerdeutsch in der Ostschweiz herausgegeben. Mit ihrem «Schwiizertüütsch für Fremdspròòchigi» lernen bis heute unter anderen Kursteilnehmer an den Migros-Klubschulen die hiesige Mundart.

Verena Sonderegger-Bührer, ein Appenzeller redet anders als ein St. Galler. Welchen Dialekt vermitteln Sie Ihren Lesern?

Ich komme ursprünglich aus Schaffhausen und lebe seit langem in St. Gallen. Ich habe in meinem Buch Rücksicht genommen auf alle Dialekte, die in der Ostschweiz gesprochen werden. Es sind auch viele Thurgauer und Appenzeller Wörter dabei. Ich habe den Menschen in der Ostschweiz sehr gut zugehört für das Lehrbuch.

Wer lernt überhaupt mit diesem Lehrmittel?

Häufig sind es Personen, die einen Partner oder eine Partnerin aus der Ostschweiz haben oder die zur Arbeit hierher gekommen sind. Es geht ihnen vor allem darum, die Sprache zu verstehen.

Das Ziel ist also nicht, am Ende Schweizerdeutsch sprechen zu können?

Nein, auch wenn es manche gibt, die es schliesslich fehlerfrei beherrschen.

Welchen Muttersprachlern fällt es besonders leicht, welchen eher schwer, Schweizerdeutsch zu lernen?

Dänen, Schweden und Norweger können sehr gut Schweizerdeutsch lernen, auch Personen aus Ex-Jugoslawien und den slawischen Ländern allgemein. Bei Franzosen und Italienerin wird es etwas komplizierter.

Wie sieht es mit den Deutschen aus?

Mit der Aussprache tun sich viele Deutsche schwer, weil sie Doppelvokale wie «guet» nicht mehr haben. Und sie verwenden das Imperfekt, das wir im Schweizerdeutschen nicht kennen. Dafür verstehen viele Deutsche gerade Ostschweizer Dialekte recht schnell. Etwa 60 Prozent der Wörter sind gleich wie im Hochdeutschen. Das führt dazu, dass Romands, die Schweizerdeutsch lernen möchten, gerne auf Ostschweizer Dialekte zurückgreifen.

Dabei werden Ostschweizer gerne für ihren Dialekt belächelt.

Damit müssen wir uns wohl abfinden. Obwohl man Ostschweizer in der ganzen Schweiz hört: beispielsweise bei Bundesämtern oder im Radio. Ein Exemplar meines Lehrbuchs habe ich sogar nach Japan geschickt. Ein Japaner hat es bestellt. Er hatte in Zürich studiert und war in dieser Zeit auch in der Ostschweiz. Die Sprache hier hat ihm besonders gut gefallen.

Haben Sie ein Lieblingswort aus der Ostschweiz?

Das kann ich so nicht sagen. Ich mag die Vielfalt der Wörter, die wir benutzen. Allein für das Wort «sehr» haben wir so viele Ausdrücke wie zum Beispiel «schandbar», «choge», «huere», «cheibe» oder «uh». (kbr)