RITUALE: Erst beten, dann debattieren: Ostschweizer Parlamente und ihre religiösen Traditionen

In 8 von 26 Schweizer Kantonsparlamenten starten die Sitzungen mit Gottes Segen, Gebeten und Glockengeläut. In Ostschweizer Ratssälen geht es besonders besinnlich zu und her. Das stösst einigen Politikern sauer auf.

Janina Gehrig
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Das Gebet soll jene an der Macht an ethische Grundsätze erinnern. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Das Gebet soll jene an der Macht an ethische Grundsätze erinnern. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Janina Gehrig

janina.gehrig@ostschweiz-am-sonntag.ch


Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent; color: rgb(0, 120, 190);"><em style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Sie stehen auf, falten die Hände, halten inne oder beten in Gedanken mit. Die Rede ist nicht von Kirchgängern, sondern von Parlamentariern des Kantons Appenzell Ausserrhoden. Vor jeder Sitzung lauschen sie dem Kantonsratspräsidenten, der den «Allmächtigen Vater» in einem Gebet um Beistand bittet. Das Gebet stammt aus dem Jahre 1976, eine ältere Version geht auf 1858 zurück. Auch das Vaterunser gehört zur Eröffnung jeder Sitzung.

Gebet der Ausserrhoder Parlamentarier im Wortlaut

«Allmächtiger Vater, wir bitten um Deinen Beistand. Gib Du, dass wir stets den rechten Rat zum Wohle aller finden. Lass uns reich sein an Einsicht und Erkenntnis zu der Aufgabe, die uns übertragen ist, und belebe Du uns, dass wir alle treu und wahr zu dem stimmen, wozu das Gewissen uns mahnt.Zerstreue jeden Wahn, der uns täuschen, und jede Bedenklichkeit, die uns einschüchtern möchte. Mehre in uns den rechten Eifer für unser Vaterland. Wappne uns, dass wir daheim und wo das Amt uns in die Ratssäle des Landes führt, Deine tätigen Werkzeuge seien – für Recht und gute Sitte. Segne das ganze Volk, dass es Dir diene. Segne es durch Eintracht und Gerechtigkeit. Segne es durch Deinen Sohn, unseren Herrn, in dessen Namen wir bitten:Unser Vater im Himmel, geheiligt werde Dein Name...»


«Besinnungsminute» statt Gebet gefordert

Auf das Amen im Kantonsrat hat Niklaus Sturzenegger keine Lust mehr. Vergangene Woche reichte der Trogener FDP-Politiker einen Antrag auf stilles Gebet ein. «Der Akt ist nicht mehr zeitgemäss, die Andacht übertrieben feierlich», sagt Sturzenegger. Als Ratsmitglied sei man gezwungen, am Gebet teilzunehmen. «Dabei leben wir in einer aufgeklärten Gesellschaft, in der Religions- und Gewissensfreiheit gilt.» Parteikollege Oliver Schmid aus Teufen pflichtet ihm bei: «Ich bin für eine konsequente Trennung von Kirche und Staat. Das Gebet kann man weglassen. Es gibt schliesslich immer mehr Konfessions­lose, auch im Parlament.»

Sturzenegger, selber reformiert, ist nicht der erste, der die religiösen Worte aus der Geschäftsordnung des Rats streichen möchte. Der Antrag, die Sitzungen stattdessen mit einem stillen Gebet – einer Art Besinnungsminute – zu eröffnen, wurde bereits 2002 gestellt. Und deutlich abgelehnt. Auch Stur­zeneggers Vorstoss versenkte das Parlament mit 45 Nein- zu 17 Ja-Stimmen und einer Enthaltung.

Für die Befürworter der Tradition hat das Gebet nicht nur mit Religion zu tun. Für Marcel Hartmann (CVP, Herisau) ist es eine Haltungsfrage. «Im Gebet zeigt sich das Vertrauen in eine höhere Macht. Ich trete in einen Dialog mit mir und meinem Gewissen.» Ähnlich sieht es Balz Ruprecht (EVP, Herisau): «Es ist eine Besinnung darauf, dass man sich selbst nicht zu ernst nimmt und einen politischen Auftrag für das Volk erfüllt», sagt er. Niemand werde gezwungen, mitzubeten. Auch für Edgar Bischof (SVP, Teufen) ist das Ritual ein «guter Moment innezuhalten». Auch wenn man auf Minderheiten Rücksicht nehmen müsse, ge­höre das Gebet zur christlich-abendländischen Kultur, die man «nicht leichtfertig aufgeben» solle, sagt er.

Ostschweizer Kantone halten an Tradition fest

Ausserrhoden ist mit dem Ritual zur Eröffnung der Kantonsratssitzungen nicht allein. Auch in den anderen Ostschweizer Kantonsparlamenten besinnen sich die Politiker vor der Debatte. So läutet in St. Gallen eine halbe Stunde vor Beginn der Sitzung eine Glocke der Kathedrale. Auch im Thurgau wird der Sitzungsbeginn durch Geläut bekanntgegeben. Früher läutete auch in Appenzell Innerrhoden vor der Sitzung noch die Rathausglocke. Heute kennt der Grosse Rat weder ein Gebet noch ein Geläut. Wenn der Ratspräsident die Session für eröffnet erklärt, stellt er sie allerdings «unter den Machtschutz Gottes».Neben den Ostschweizer Kantonen kennen schweizweit nur die Parlamente von Nidwalden (Geläut, stilles Gebet), Schwyz (stilles Gebet), Waadt (der Ratspräsident bittet um den göttlichen Segen für die Arbeit des Rats) und Genf (früher Gebet, heute Mahnworte) ähnliche Rituale. In Schwyz werden Parlamentarier nach einem Gottesdienst in der Kirche vereidigt, sofern sie nicht im Rathaus das säkularisierte Amtsgelübde ablegen möchten.

«Solche Rituale stärken den Zusammenhalt»

Laut Christoph Frei, Staatswissenschafter an der Universität St. Gallen, sind solche Eröffnungsrituale überlieferte Formen politischer Ethik. Sie seien wohl in ländlichen, konservativen Kantonen eher haften geblieben. «Jene, die Macht haben und Entscheidungen fällen, sollen über das eigene Gewissen an ethische Prinzipien gebunden werden», sagt Frei. «Macht wird nicht nur durch Recht, sondern auch durch Sitte und Moral eingebunden.» Dabei sei es wie mit Hymnen und Symbolen: «Solche Rituale stärken nicht zuletzt den Zusammenhalt einer Gesellschaft.» Jedes westliche Land sei unterschiedlich stark säkularisiert. Während in den USA noch heute Reden des Präsidenten mit «May God continue to bless America» endeten, seien in Frankreich religiöse Elemente fast völlig aus dem öffentlichen Leben verbannt worden.

«Irgendwann werde ich mir die Freiheit nehmen und einfach nicht mehr zum Gebet erscheinen»: Für Kantonsrat Niklaus Sturzenegger ist und bleibt das Gebet im Herisauer Ratssaal ein problematischer Zwang».