Ärger im Erzbistum Vaduz

Im Fürstentum Liechtenstein entzweit der konservative Kurs von Erzbischof Wolfgang Haas die Katholiken nach wie vor.

Wolf Südbeck-Baur*
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Demonstration bei der Amtseinsetzung von Erzbischof Wolfgang Haas 1997 in Vaduz: Die Kritik ist nicht verstummt – heute ist das Land kirchlich zerrissen.

Demonstration bei der Amtseinsetzung von Erzbischof Wolfgang Haas 1997 in Vaduz: Die Kritik ist nicht verstummt – heute ist das Land kirchlich zerrissen.

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Das 38'000-Seelen-Erzbistum ächzt, seitdem der konservative Bischof Wolfgang Haas 1997 von Chur wegbefördert wurde in das eigens für ihn von Rom neu errichtete Erzbistum Vaduz. Gisela Meier, langjährige Vizepräsidentin des Vereins für eine offene Kirche, sagt: «Ich denke, dass unser Verein für viele zu einer neuen kirchlichen Heimat geworden ist in den letzten 22 Jahren.» Dabei könnten die Verdienste der Schwestern des Klosters St. Elisabeth in Schaan nicht hoch genug eingeschätzt werden. «Die Schwestern wollten ganz bewusst Beheimatung bieten für die Katholikinnen und Katholiken, die mit dem Amtsantritt des Erzbischofs kirchlich heimatlos geworden waren», so die 66-jährige Schellenbergerin. Der Verein für eine offene Kirche zählt über 600 Mitglieder, vor 20 Jahren waren es etwa 800.

«Pastorale Wüste»

Der 71jährige Erzbischof, dessen prunkvoller Bischofsstuhl in der zur Kathedrale erhobenen Dorfkirche von Vaduz steht, hat die Kirchenlandschaft des viertkleinsten Staats Europas gründlich umgepflügt. «Ohne jede Rücksichtnahme auf Opfer hat sich das Bistum mit Wolfgang Haas an der Spitze vollständig etabliert», konstatiert Günther Boss. Der promovierte Theologe, der ebenfalls Mitglied des Vereins für eine offene Kirche ist, stellte kürzlich im Vereins-Magazin «Fenster» fest: «Im Erzbistum Vaduz gibt es bald nur noch einen kirchlichen Beruf, nämlich den Pfarrer, den zölibatär lebenden Mann in schwarz.» Nicht geweihte qualifizierte Theologen und Seelsorgende – Diakone, Pastoralassistentinnen, Jugendarbeiter, Spitalseelsorgerinnen – hätten entsprechend dem klerikal hierarchischen Kirchen- und Amtsverständnis von Bischof Haas schon lange kein Brot mehr in Liechtenstein. «Fenster»-Redaktor Boss spricht von einer «pastoralen Wüste». Als Kirche gelte das, was der Pfarrer, allenfalls noch der Kaplan, sage und mache, ärgert sich Boss.

Für die Firmung ins Ausland

«Hier springt der Verein für eine offene Kirche seit Jahren in die Bresche», erklärt Günther Boss. Schüler werden bei «Brot und Rosen» auf die Firmung vorbereitet und anschliessend im Kloster Einsiedeln oder in der Propstei St. Gerold in Vorarlberg gefirmt. Firmspender ist jeweils der inzwischen emeritierte «Amazonasbischof» Erwin Kräutler, der lange in Brasilien tätig war. Er stammt aus Vorarlberg und gehört zur Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut, die mit den Schaaner Schwestern eng verbunden ist. Neben einem monatlichen Sonntagsgottesdienst werden im Kloster St. Elisabeth zudem Erstkommunionunterricht und ausserschulischer Religionsunterricht, ein sogenannter kreativer Glaubensweg, angeboten. Überhaupt habe sich der Verein für eine offene Kirche von einer Protestbewegung zu einem pastoralen Ort entwickelt, sagt Boss. «Alles, was dieses Bistum mit seinen etwa 60 inkardinierten Priestern, die allesamt keinen Pastoralkurs absolvieren mussten, pastoral nicht auf die Reihe kriegt», berichtet der Vaduzer Theologe, «landet in Form von Anfragen bei uns». Dabei gehe es beispielsweise um Beerdigungen und Trauerfeiern.

Doch damit stosse der Verein, in dem viele ehrenamtlich arbeiten, an seine Grenzen. Grund dafür sind nicht zuletzt die knappen Finanzen des Vereins, die aus Mitgliederbeiträgen und Spenden zusammenkommen. Im Gegensatz dazu finanziert der Liechtensteiner Staat den Betrieb des Erzbistums mit Steuergeldern in Millionenhöhe. Rund 10 Millionen Schweizer Franken erhalten die zehn Pfarreien jährlich direkt aus den Kassen der politischen Gemeinden. Eine angedachte Mandatssteuer für die Religionsfinanzierung konnte bislang nicht umgesetzt werden. »Das schmerzt den Verein für eine offene Kirche«, sagt Werner Meier, Präsident der Stiftung «Wir teilen – Fastenopfer Liechtenstein». Die Entfremdung zwischen der konservativen Gruppe von Gläubigen im Umfeld des Erzbischofs und «den anderen» sei «weit fortgeschritten». Man könne von zwei Lagern sprechen.

Um eine Stellungnahme zu dieser zerrissenen Situation gebeten, reagierte der Vaduzer Generalvikar Markus Walser ausgesprochen zugeknöpft. Auf Anfrage dieser Zeitung sagte Walser lediglich, dass das Erzbistum keine Fragen von ausländischen Medien beantworte.

Verein hofft auf den Papst

Fastenopfer-Präsident Werner Meier stellt derweil fest, der wohl grösste Teil der Bevölkerung interessiere sich nicht mehr für die Belange der Kirche. Immerhin: Mit Papst Franziskus habe sich das Blatt zugunsten des Vereins für eine offene Kirche gewendet, spreche er doch immer wieder von einer «offenen Kirche». Das lasse den Verein hoffen, dass nach dem altersbedingten Rücktritt von Wolfgang Haas im Jahr 2023 entweder ein offener Erzbischof nach Vaduz kommt – oder vielleicht werde das Erzbistum Vaduz dann auch wieder aufgelöst.

*Wolf Südbeck-Baur ist Redaktor der Schweizer Zeitschrift «Aufbruch» für Religion und Gesellschaft