Zum Beispiel Diesel für einen Franken

Kurz nach elf Uhr am Vormittag sind alle vier Tankplätze an der Eni-Tankstelle zwischen Kriessern und Altach besetzt. Kein einziges der acht Autos vor dem Shop mit Bistro trägt Vorarlberger oder wenigstens Österreicher Kontrollschilder.

René Schneider
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Etwa jedes zweite Auto an den Tanksäulen hat Schweizer Kontrollschilder. Eni-Tankstelle in Altach. (Bild: René Schneider)

Etwa jedes zweite Auto an den Tanksäulen hat Schweizer Kontrollschilder. Eni-Tankstelle in Altach. (Bild: René Schneider)

Drei der Autos an den Säulen führen Schweizer Kennzeichen, das vierte ist aus Deutschland. Vier weitere Autos warten auf einen freien Tankplatz, zwei davon aus der Schweiz, eines aus Italien, eines aus Tschechien.

1,149 Euro kostet heute der Liter Bleifrei, 1,104 Euro der Liter Diesel. Wer 50 Liter Benzin tankt, spart beim aktuellen Wechselkurs gegenüber dem Säulenpreis in der Schweiz etwa einen Fünfliber. Gegen 25 Franken spart, wer fünfzig Liter Diesel tankt.

Seit letztem Donnerstag, als der Schweizer Franken gegenüber dem Euro mit einem Paukenschlag um 20 Prozent erstarkte, haben die Frequenzen sprunghaft zugenommen, sagt Tankstellen- und Shop-Pächterin Susanne Pirker. Jetzt kommen «an gewöhnlichen Tagen» und «zu gewöhnlichen Zeiten» so viele Schweizer wie sonst nur an «Ski-Tagen», «Oktoberfest» und «Christkindlemarkt-Tagen» oder am Freitag vor Vorstellungsbeginn im Cineplexx.

Der Wechselkurs und was wo wie viel kostet, ist das dominierende Thema in Shop und Bistro. Der Kaffee kostet 2,30 Euro oder 2.60 Franken. Doch zahlen die meisten mit Euro. Die leutselige Pächterin hat für jeden und jede Zeit und einen flotten Spruch. «Wir sind keine Bank, leider», erklärt sie, wenn jemand einen grösseren Betrag mit Franken bezahlen will. Verrechnet wird dann ein Kurs von 87,90 Euro für hundert Franken. Vielen sei das egal, sagt Susanne Pirker. Die Kundschaft freue sich am besseren Wechselkurs als noch vor einer Woche und den tieferen Spritkosten als in der Schweiz. Günstiger sind nicht nur der Sprit und der Kaffee im Shop, auch die Zigaretten sind es, und die Schweizer Autobahn-Vignette ist gar für 33 Euro zu haben. Vor ein paar Tagen habe einer zwanzig Vignetten auf einmal gekauft.

Unter den Kunden am Tresen ist auch ein Vorarlberger mit Schweizer Kennzeichen an seinem Auto. Er könne sich je nach Blickpunkt freuen oder ärgern, schildert er. Vor vielen Jahren ist er, weil er als Handwerker in Vorarlberg nicht glücklich wurde, über den Rhein ins Schweizer Rheintal ausgewandert. Mit den hier verdienten Franken könne er seit letztem Donnerstag in Vorarlberg zwanzig Prozent mehr kaufen. Zum Beispiel Diesel für einen Franken pro Liter. «Aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich mich darüber freuen soll. Ich befürchte, dass auch meine Schweizer Kunden jetzt noch zahlreicher im Vorarlberger Baumarkt einkaufen und Aufträge an Vorarlberger Handwerker vergeben.»

Eine Vorarlbergerin bemerkt, sie müsse ihrer Bank jetzt monatlich 600 statt 500 Euro Kredit-Amortisation abliefern. Sie habe ihre Wohnung mit einer Hypothek in Schweizer Franken belehnt.

Die Schweizer Kunden am Tresen nicken mit reduziertem Mitgefühl. Sie sind Fixlohn-Angestellte – oder Rentner.