Zug oder Stern – das Wettrennen

Wer kommt schneller von Altstätten nach Herisau? Der Fahrgast der Appenzeller Bahnen oder der ambitionierte Hobbysportler? Ein Rennen über den Stoss, ehemaliger Elite-Rennfahrer gegen Zug und Bahnersatzbus, schafft Klarheit.

Bruno Eisenhut
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In der Steigung zum Stoss hinauf hängt die Bahn den Velofahrer ab. (Bilder: Bruno Eisenhut)

In der Steigung zum Stoss hinauf hängt die Bahn den Velofahrer ab. (Bilder: Bruno Eisenhut)

Altstätten/Herisau. Sein Auftrag ist klar: Michael Stern fährt vom Bahnhof Altstätten-Stadt bis nach Herisau mit dem Velo. Und dies entlang der gleichen Strecke, die ein Zug der Appenzeller Bahnen fährt. Die Frage, die beantwortet werden soll: Wer ist zuerst in Herisau? Der Zugreisende oder Michael Stern?

Früher Rennen gefahren

Der 50-jährige Herisauer fuhr in den 1980er-Jahren Eliterennen. Zusammen mit den späteren Radprofis Niki Rütimann und Richi Trinkler bestritt er internationale Radrennen. Mit seinem Rennvelo stellt sich der 50-Jährige dem Vergleich mit den Appenzeller Bahnen. Für Michael Stern nichts Neues: Als junger, gemäss eigener Aussage trainingsfauler Rennfahrer, habe er sich oft mit der Appenzeller Bahn angelegt, verrät Stern. Die Strecke Appenzell–Sammelplatz, damals noch mit Zahnradbetrieb, legte er ebenso wie die Route Appenzell–Gonten–Urnäsch–Herisau oft schneller zurück als der Zug der Appenzeller Bahnen.

Als grösstes Handicap im Wettrennen gegen die Bahn stuft Stern die Steigungen von Altstätten hinauf auf den Stoss und von Appenzell nach Gonten ein. Als Vorteil sieht er den Zeitverlust der Fahrgäste beim Umsteigen in Gais und Appenzell. In Gais haben die Zugpassagiere gut 20 Minuten Aufenthalt, in Appenzell nochmals zwölf. Die Reisezeit für einen Fahrgast der Appenzeller Bahnen von Altstätten via Gais und Appenzell nach Herisau beträgt rund eine Stunde und 40 Minuten.

Zusammenschluss in Gais

Für die Strecke von Altstätten nach Gais benötigt die Appenzeller Bahn gerade mal 19 Minuten. Auf diesem Abschnitt weist der Zug den Radsportler deutlich in die Schranken. Stern auf halber Bergstrecke, als die Zugkomposition im Bahnhof Gais einfährt. Der Vergleich scheint entschieden. Doch der Schein trügt: Gute 25 Minuten nach dem Start in Altstätten fährt auch der Herausforderer durch das Gaiser Dorfzentrum. Die fahrplanmässige Weiterfahrt mit der Appenzeller Bahn lässt zu diesem Zeitpunkt noch auf sich warten. Erst fünf Minuten später geht die Reise per Zug nach Appenzell weiter. Auf der meist ebenen oder leicht abfallenden Strasse Richtung Innerrhoden kann die Bahn kein Terrain auf den Sportler gutmachen.

Trotz Barriere keine Chance

Dies scheint erst im Aufstieg nach Gonten wieder möglich. Zuvor verliert der Zugreisende in Appenzell nochmals Zeit beim Umsteigen. So viel, dass auch hier der Abstand nicht kleiner wird. Unterstützung bekommt die Appenzeller Bahn von einer entgegenkommenden Zugkomposition. In Gonten sperren die Barrieren die Strasse, als der Zug (von Urnäsch kommend) vorbeirauscht. Zwischen den wartenden Autos befindet sich auch der Velofahrer in der Kolonne. Aber auch die unplanmässige Pause hält Michael Stern nicht vom Sieg ab.

Das bessere Ende aus dem Vergleich gibt er auf der grossmehrheitlich ebenen Strecke über Urnäsch bis Herisau nicht mehr aus den Händen. Zumal die Appenzeller Bahn mit dem temporären Wechsel in Urnäsch auf den Bahnersatzbus (wegen der Aufräumarbeiten nach dem Unwetter vom 10. Juli) nochmals Zeit verliert. Auch ein Stau in Herisau hindert den Radrennfahrer nicht am Sieg. Eine Stunde und 20 Minuten nach dem Start in Altstätten trifft Michael Stern beim Bahnhof Herisau ein. Die rund 35Kilometer lange Strecke legt er mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h zurück. Im steilen Teilstück Altstätten–Stoss erreichte er einen Durchschnitt von 15 km/h. Zehn Minuten nach dem Velofahrer trifft auch der Bahnersatzbus in Herisau fahrplanmässig ein.

Michael Stern distanziert die Bahn im Vergleich um mehr als 10 Minuten.

Michael Stern distanziert die Bahn im Vergleich um mehr als 10 Minuten.