Zu Fuss: Widnau–Säntis–Widnau

WIDNAU. Viele erwandern den Säntis von der Schwägalp, von Wasserauen oder von Wildhaus aus. Was aber Kurt Sieber und seine Söhne Dario und Rafael leisteten, ist enorm: Ihr Fussmarsch begann nachts kurz nach zwei Uhr vor der Haustür in Widnau und endete abends wieder dort.

Bea Sutter
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Geschafft – auf 2502 Meter über Meer. Der Ausblick ist sensationell. Nach neun Stunden Wanderzeit, mit Start in der Nacht um Viertel nach zwei Uhr von ihrem Wohnort aus in Widnau, erreichten (v. l.) Rafael, Dario und Kurt Sieber den Säntisgipfel. (Bild: pd)

Geschafft – auf 2502 Meter über Meer. Der Ausblick ist sensationell. Nach neun Stunden Wanderzeit, mit Start in der Nacht um Viertel nach zwei Uhr von ihrem Wohnort aus in Widnau, erreichten (v. l.) Rafael, Dario und Kurt Sieber den Säntisgipfel. (Bild: pd)

«Es ist schon lange mein Wunsch gewesen, den Säntis von zu Hause aus an einem Tag zu erwandern», erzählt Kurt Sieber. Vor vielen Jahren habe er in der Zeitung gelesen, dass ein Rheintaler ohne irgendein Verkehrsmittel an einem Tag von zu Hause aus auf den Säntis wanderte und auch den Rückweg zu Fuss absolvierte. «Ich staunte damals über solch eine grossartige Leistung.» Ihn habe der Gedanke, dies auch einmal zu versuchen, nicht mehr losgelassen. Nun, am 11. Juli, konnte sich der 50-Jährige seinen Wunsch erfüllen. Zwei seiner drei Söhne freuten sich, ihn bei der «Gewalts-Tour» – denn das ist es, das war von vornherein klar – zu begleiten. Der 20-jährige Dario und sein 17-jähriger Bruder Rafael freuten sich auf das Vorhaben. «Unser mittlerer Sohn Luca wäre sicher auch gerne dabei gewesen, aber er ist zurzeit in Frankreich», erklärt Heidi Sieber.

Mit Sonnenaufgang belohnt

Es war ein wunderbarer Abend, der Freitag, der 10. Juli. Und die Wetterprognosen kündeten ein anhaltendes Hoch an. So beschloss die Familie Sieber, das «Säntis-Projekt» durchzuziehen. Dario Sieber kam soeben vom WK nach Hause. Mit einer «zünftigen Blotera» an der Ferse. Er sagte aber entschlossen zu seinen Eltern: «Es muss einfach gehen. Ich komme mit.»

Es war still und dunkel im Wohnquartier im Gässeliwies, als Kurt Sieber mit den beiden Söhnen Dario und Rafael das Haus verliess. Die Uhr zeigte Viertel nach zwei. Der Himmel war klar, der Mond abnehmend. Die drei Männer marschierten ziemlich rassig dem Binnenkanal entlang zu den Drei Brücken. Dann nahmen sie den Weg parallel zur Rietach in Richtung Eichberg.

Trotz Stirnlampen und Taschenlampen hatte das Trio Mühe, einen «vernünftigen» Weg im Wald zwischen Hard und Eggerstanden zu finden. Kurt Sieber erzählt: «Man sah überhaupt nichts. Der Weg ist derart überwuchert.» So machte sich denn doch Erleichterung breit, als das Waldstück überwunden war. Den Lohn für die Mühe erhielten die Wanderer beim Verlassen des Waldes. «Der Sonnenaufgang war wunderbar», schwärmen alle miteinander.

In Wasserauen erwartete die drei Wanderer eine Stärkung. Heidi Sieber hat für ihre drei Männer Verpflegung mitgebracht. Die Pause dauerte aber nicht sehr lange, denn «der Berg ruft».

Der Aufstieg führte zum Seealpsee, dann über den Messmer und die Wagenlücke. Ein richtiger Kraftakt war das letzte Stück, bis zum Säntisgipfel. 2502 Meter über Meer. Ein wunderbarer Tag, eine beeindruckende Aussicht und drei ziemlich geschaffte Männer. Ein überwältigendes Glücksgefühl überfiel die drei beim Erreichen des Gipfels. Das Mittagessen im «Alten Säntis» war mehr als verdient. «Erst beim Essen merkte ich, welchen Hunger ich hatte», erinnert sich Dario Sieber.

Eine trainierte Familie

Es brauchte keine lange Diskussion zwischen den drei Männern, als es um den Heimweg ging. Die Option, sich mit der Säntis-Bahn zur Schwägalp hinunterbefördern zu lassen, wurde ausser Acht gelassen. Kurt Sieber: «Hätten meine Söhne fahren wollen, dann wäre das kein Problem gewesen.» Aber eigentlich wollten alle wieder zu Fuss hinuntergehen. «Es war nie das erklärte Ziel, den ganzen Weg zu wandern.» Siebers können und wollen «beissen».

Die Familie ist sehr sportlich. Kurt Sieber und seine Frau Heidi unternehmen viele anspruchsvolle Wanderungen gemeinsam. Manchmal kommen auch die Söhne mit. Diese Kondition zahlte sich auch auf dem Heimweg aus. Es wurde heiss. War in der Nacht die Dunkelheit ein Handicap, so setzte am Nachmittag die Hitze dem Trio zu. «Wenigstens war es im Wald hell, dieses Mal sahen wir den Weg», lacht Rafael Sieber.

Bienenstiche inbegriffen

Kurt Sieber nennt beeindruckende Zahlen. Die gewanderte Strecke beträgt 75 Kilometer. Widnau liegt 404 Meter über Meer, der Säntisgipfel 2502 Meter über Meer. Das ergibt eine Höhendifferenz von 2098 Metern. Die reine Wanderzeit betrug 16 Stunden: neun Stunden hinauf, und sieben Stunden hinunter.

«Ohne Pausen», wollen die Söhne betont haben. «Wir machten sowieso kaum Pausen – auf dem Rückweg nur eine Kaffeepause auf der Meglisalp», räumt Kurt Sieber ein. «Es ist besser, zügig voranzukommen, als sich zu viele Male hinzusetzen.»

Auf dem Rückweg wurde Dario am Auge und Kurt am Ohr von Bienen gestochen. In Eichberg war für Dario die Wanderung zu Ende. Seine Blase an der Ferse machte ihm sehr zu schaffen. Er war froh, als ihn seine Mutter mit dem Auto abholte. Auch Rafael hatte die letzten Kilometer zu beissen, aber er zog es durch. «Aufzugeben hat mir mein Stolz nicht erlaubt», grinst er. «Ich freue mich darüber, dass ich durchgehalten habe.»

Am Samstagabend um 20.45 Uhr erreichten die beiden dann ihr Zuhause im Gässeliwies. Die ganze Nachbarschaft feierte den Erfolg der Säntis-Wanderer.

«Es war eine Freude, ein Einzug wie bei einem Marathon», lacht Heidi Sieber.

Die Familie resümiert, dass der Zeitpunkt für dieses Projekt genau richtig war.