Zirkusreife Einlage am Zebrastreifen

WIDNAU. Was geht ab am Fussgängerstreifen? Nach dem Unfall vom letzten Freitag beobachteten wir gestern Mittag und beim Eindunkeln während zweier Stunden das Geschehen. Wir sahen zwei sehr kritische Situationen. Und viel anderes. Die Gefahr nimmt mit dem Eindunkeln zu.

René Schneider
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Eine von über 150 Fussgängerinnen und Fussgängern, die gestern Mittag innert einer Stunde in Widnau zu Fuss oder mit dem Velo die Bahnhofstrasse querten. (Bild: René Schneider)

Eine von über 150 Fussgängerinnen und Fussgängern, die gestern Mittag innert einer Stunde in Widnau zu Fuss oder mit dem Velo die Bahnhofstrasse querten. (Bild: René Schneider)

Kurz vor zwölf Uhr gehen ein junger Mann und eine junge Frau über den Fussgängerstreifen zum Rhyland. Der Fahrer aus Richtung Heerbrugg gewährt ihnen den Vortritt. Einer aus der anderen Richtung übersieht die beiden. Diese stoppen abrupt auf der Insel. Der Nahende erschrickt und bremst stark. Weil seine Bremsen einseitig wirken, zieht es das Auto Richtung Insel. Die Wartenden weichen einen Schritt zurück – und schütteln die Köpfe.

Um halb zwölf Uhr betritt eine junge Frau mit aufgesetzten Kopfhörern, Blick auf dem Handy in ihrer Hand, forschen Schrittes den Zebrastreifen. Ohne aufzublicken. Der nahende Lieferwagenfahrer reagiert schnell, muss aber trotzdem brüsk bremsen.

Verdeckt beobachtet

Die verdeckten Beobachtungen hinter dem «Chicorée»-Schaufenster im Rhydorf sind weder systematisch noch erheben sie den Anspruch, repräsentativ zu sein. Aber sie vermitteln eine Ahnung, warum es immer wieder zu Unfällen an Fussgängerstreifen kommt. Letzten Freitag (Ausgabe von gestern) fuhr ein Pizza-Kurier auf diesem Fussgängerstreifen eine 23-jährige Frau an.

Nach den Beobachtungen stellt sich die Frage, warum Unfälle an diesem und anderen Zebrastreifen nicht häufiger sind. Zwar verhalten sich die allermeisten Verkehrsteilnehmer umsichtig, korrekt und sind aufmerksam. Doch wenn es nur jeder Hundertste nicht ist, kann es jede Stunde zu einem Unfall kommen. Oder zwei. Wenn bei jeder zehntausendsten Begegnung am Streifen zufällig Fussgänger und Automobilist unaufmerksam sind, ist – rein rechnerisch – alle zehn Tage ein Unfall wahrscheinlich.

Nüchtern gezählt

Von 11.15 Uhr bis 12.15 Uhr querten beim Streifen 150 Fussgänger (und ein paar Velos) die Strasse. Ein paar Hundert Autos fuhren vorbei. 54 gewährten wartenden Fussgängern den Vortritt. 13 Autos huschten trotz deutlich Wartenden durch. Ein Velofahrer sauste vor einem Fussgänger auf dem Streifen durch und ein Rollerfahrer nah hinter einem Gehenden. Drei Velofahrende fuhren über den Streifen, einer davon gar freihändig und mit dem Handy hantierend. (Diese Einlage, samt einhändigem Abbiegen vor der Migros, war fast zirkusreif.) Vier Fussgänger und ein Velofahrer querten die Strasse diagonal. Mindestens ein Dutzend Automobilisten und fast ebenso viele Fussgänger auf dem Streifen hatten gut erkennbar ein Handy am Ohr, oder sahen auf das Handy in ihrer Hand, hatten Stöpsel im Ohr, trugen Kopfhörer oder waren sonstwie abgelenkt.

Gegen Feierabend verkehrten deutlich mehr Fussgänger, und auch mehr Autos an diesem Übergang. Der Anteil der – trotz wartenden oder gehenden Fussgänger – durchfahrenden Autos stieg von etwa 10 Prozent am Mittag auf 15 Prozent bei Dämmerung.

Junge Männer diskriminiert

Zu sehen war aber auch ein schnell nahender Schüler, der mit seinem Velo stoppte und einer am Streifen wartenden alten Frau den Vortritt gewährte. Der Eindruck mag täuschen, aber älteren Menschen und Frauen wird der Vortritt weniger häufig verweigert als jüngeren Männern. Auffällig oft hält bei ihnen erst das zweite Auto. Und bei der einzigen Szene mit zwei nacheinander durchfahrenden Autos wartete ebenfalls ein junger Mann am Zebrastreifen.