Wunderblume im November

Er verhält sich ja sehr antizyklisch: Während im Garten Bäume und Stauden immer gelber, brauner, ja sogar schwarz werden, öffnet er seine Blüten erst im Oktober. In tiefem Rot neben den grünen Blättern leuchtet der Ananassalbei, Salvia rutilans L.

Urs Stieger Berneck, Www.u-Stieger.com
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Er verhält sich ja sehr antizyklisch: Während im Garten Bäume und Stauden immer gelber, brauner, ja sogar schwarz werden, öffnet er seine Blüten erst im Oktober. In tiefem Rot neben den grünen Blättern leuchtet der Ananassalbei, Salvia rutilans L. Die Pflanze stammt aus Mexico und ist nicht ganz winterhart. Vor dem Frost sollte man sie ausgraben und zur Sicherheit vorher eine neue aus einem Steckling anziehen. Allerdings überlebt ein Ananassalbei seit Jahren in einem Garten auf 800 Metern Höhe in der Nähe, zugedeckt mit Laub. Ihre rote Farbe zeigt: Salvia rutilans wird von Kolibris oder andern Vögeln bestäubt, blauer Salbei meistens von Hummeln oder Bienen.

Bei Berührung verteilt sich das Öl, das in kleinen Kapseln in den Blättern vorkommt. Der Duft von Ananas hat der Pflanze den Namen gegeben. Die Blüten und Blätter können gegessen werden und ergeben schöne Kontraste im grünen Salat: Das Auge isst mit!

Ich habe mit viel Aufwand einheimischen Wiesensalbei angezogen und in Wiesen ausgepflanzt. Leider ist er nicht sehr konkurrenzstark. Obwohl die schönen Rosetten den Boden bedecken, besteht er nicht gut gegen aggressive Gräser wie Quecken. Oberhalb von Berneck gibt es aber ganze Matten mit blühendem Salbei im Frühsommer zu bewundern.

«Wie kann ein Mensch sterben, der Salbei in seinem Garten hat!» Dieses arabische Sprichwort deutet darauf hin, welche Kräfte in der Salbei schlummern. Eine neue Blindstudie kommt zum Schluss, dass Salbei ganz klar die Gedächtnisleistung verbessert und zudem mit seinen entzündungshemmenden Stoffen überzeugt. Mir gefällt beim Salbei, dass der Wert der Pflanze sich nicht nur auf kulinarische oder medizinische Anwendungen beschränkt. Nein, wie viele Pflanzen bietet sie ein Gesamtpaket.

Durch Gottfried Keller in seinem «Fähnlein» wurden sie bekannt: Die Salverküchlen oder Müüslichüechli. Jetzt, wo die Blätter so konzentrierten Saft haben, sollte man sie geniessen. Gartensalbeiblätter, möglichst breitblättrige, in Omeletten- oder Bierteig tunken und ausbacken.

«Verliebtsein ist eine schwere Geisteskrankheit», sagte schon Platon. Wer daran «leidet», kann dieses Rezept aus Polen versuchen. Schon der Aufwand normalisiert die Hormonausschüttung: Ein Gartensalbeiblatt wird dreimal gelocht. Darin verknotet man ein eigenes und ein Haar der Geliebten. Das Blatt aufrollen, in Wachs tauchen, in der Kirche mit Weihwasser besprengen und dann im Garten der Angebeteten vergraben. Wenn das nicht hilft! «Ewigi Liebi …»