Wozu Religion?

Ein unsäglich einfältiges, aber provokantes Machwerk über den Propheten Mohammed hallt wie ein Donnerschlag durch die ganze Welt und die Medienlandschaften. Konsulate gehen in Flammen auf, Proteststürme werden entfesselt, Menschen müssen deswegen sterben. Man reibt sich die Augen und ist verdutzt.

Armin Scheuter, Pastoralassistent In Balgach
Merken
Drucken
Teilen
Jeder Versuch, Religion auszugrenzen, untergräbt die ethische Grundlage unserer Gesellschaft, die auf einer Reflexion über das Christentum basiert. (Bild: Shutterstock)

Jeder Versuch, Religion auszugrenzen, untergräbt die ethische Grundlage unserer Gesellschaft, die auf einer Reflexion über das Christentum basiert. (Bild: Shutterstock)

Ein unsäglich einfältiges, aber provokantes Machwerk über den Propheten Mohammed hallt wie ein Donnerschlag durch die ganze Welt und die Medienlandschaften. Konsulate gehen in Flammen auf, Proteststürme werden entfesselt, Menschen müssen deswegen sterben. Man reibt sich die Augen und ist verdutzt.

Wie ging es Ihnen damit? – mit den Schlagzeilen rund um dieses dumme Filmchen – das durch die weltweite Verbreitung über das Internet auf einmal eine solche Beachtung findet, und damit eine Aufmerksamkeit erlangt, die letztlich inhaltlich in keiner Weise gerechtfertigt scheint.

Ich selbst habe mich gewundert und geärgert. Denn hier wurde mit dem Feuer gespielt. Emotionen wurden mit diesem Film geschürt und provoziert, wo eigentlich Verachtung und Nichtbeachtung in Bezug auf diesen medialen Unfug besser am Platz gewesen wären.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass hier religiöse Gefühle bewusst instrumentalisiert wurden, um Macht und Einfluss zu erlangen. Die Grenze zwischen angemessener religiöser Verehrung und erschreckendem Fanatismus ist schnell überschritten, wie an diesem Beispiel gut erkennbar ist. Und damit dem Missbrauch von religiösen Gefühlen Tür und Tor geöffnet.

Uns aufgeklärten Zeitgenossen in der Schweiz wird vor Augen geführt, dass Religion nichts Harmloses ist. Im Gegenteil, je mehr Religion gesellschaftlich ignoriert und zur Privatsache erklärt wird, umso vehementer wird unsere Welt mit diesem Thema konfrontiert, drängen sich religiöse Themen in den Vordergrund.

Religion und religiöse Inhalte bedürfen des öffentlichen Diskurses, brauchen eine angemessene gesellschaftliche Reflexion. Religiöse Bedürfnisse und die damit verbundene gesellschaftliche Energie dem freien Markt zu überlassen, rächt sich auf Dauer, denn fundamentalistische Strömungen und eifrig werbende Sekten werden dadurch zunehmend gesellschaftlichen Einfluss gewinnen.

Eine grosse Errungenschaft in den angestammten Kirchen ist es, das Phänomen Religion mit dem Verstand zu hinterfragen und u. a. an staatlichen Universitäten in einen akademischen Diskurs darüber einzutreten. Diese öffentliche Auseinandersetzung veränderte unseren christlichen Glauben und wurde die Grundlage für ein Erfolgsmodell, von dem wir in der Schweiz immer noch profitieren, in dem das Christentum ethische Grundlage unserer Gesellschaft und ihrer Institutionen wurde. Jeder Versuch, Religion gesellschaftlich auszugrenzen, untergräbt diese wichtige Grundlage unserer Gesellschaft und nährt Fanatismus.