WOLFHALDEN: Endstation Container

Stirbt ein Tier, landet es in der Regel in einer Tierkörpersammelstelle. Auch im Vorderland gibt es eine. Dort werden pro Woche rund drei Tonnen Tierkadaver und Schlachtabfälle entsorgt. Betriebswart Ruedi Züst weiss: «Das ist nicht jedermanns Sache.»

Perrine Woodtli
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Im Abgabebereich können Tiere jeder Art vorbeigebracht werden. Gut die Hälfte sind Haustiere. Die andere Hälfte machen Nutztiere sowie Abfälle aus. Tiere, die über 200 Kilogramm wiegen, müssen direkt vom TMF-Extraktionswerk Bazenheid abgeholt werden.

Im Abgabebereich können Tiere jeder Art vorbeigebracht werden. Gut die Hälfte sind Haustiere. Die andere Hälfte machen Nutztiere sowie Abfälle aus. Tiere, die über 200 Kilogramm wiegen, müssen direkt vom TMF-Extraktionswerk Bazenheid abgeholt werden.

Perrine Woodtli

redaktionot

@tagblatt.ch

Der Raum ist kahl, die Temperaturen erinnern an einen Kühlschrank. Drei Grad zeigt das Thermometer an. In der Luft liegt der penetrante Geruch der Verwesung. Ruedi Züst hat sich an diesen Geschmack längst gewöhnt. Seit rund acht Jahren ist der Landwirt zuständig für die regionale Tierkörpersammelstelle Vorderland in Wolfhalden. Jeden Abend schaut er nach dem Rechten. Sein Hof liegt nur einen Katzensprung entfernt.

Seit über 50 Jahren werden in der Sammelstelle täglich Tierkadaver und Tierabfälle entsorgt. Pro Jahr sind es rund 150 Tonnen. Haustiere und Nutztiere unter 200 Kilogramm können hier vorbeigebracht werden. Metzger und Jäger entsorgen hier ihre Schlachtabfälle. Wird ein Tier angefahren, bringt es die Polizei oder der Tierarzt ebenfalls in die Kadaverstelle. Nicht angeliefert werden dürfen unter anderem Schweineborsten, Haare, Federn sowie nicht entleerte Därme oder Mägen. Wer dies nicht einhalte, bekomme eine Verwarnung, sagt Gemeinderat Eugen Schläpfer, Präsident des Vereins der Tierkörpersammelstelle. «Meistens wirkt dies dann auch.»Die Sammelstelle wird videoüberwacht. Denn nicht alle halten sich an die Vorschriften. «Manche Leute legen die Tiere einfach in einem Sack vor die Türe. Andere hinterlassen eine Sauerei. Oder sie entsorgen gleich auch ihren anderen Abfall hier», sagt Züst. Der Betriebswart betont aber: «Grundsätzlich läuft hier alles gut ab. Aber es gibt eben immer einzelne Leute, die sich nicht an die Regeln halten.»

Innereien und abgetrennte Kuhköpfe

Dabei ist der Ablauf simpel: Die Türe der Sammelstelle ist sieben Tage die Woche während 24 Stunden geöffnet. Im sterilen Abgabebereich reihen sich mehrere Stahlcontainer aneinander. Die toten Körper und die Abfälle werden in einen Container geworfen. Für schwere Tiere ist ein kleiner Kran vorhanden. Danach sollte der Boden mit dem Wasserschlauch abgespritzt werden. «Es soll schliesslich sauber sein – auch draussen», betont Schläpfer. Für diejenigen mit Kleintieren gibt es an der Hauswand ein automatisch öffnendes Fenster, wo die Tiere hindurchgeworfen werden können. «So müssen jene Leute, die ihr Haustier bringen, nicht unbedingt direkt in den Raum hineingehen. Das ist nicht jedermanns Sache», sagt Züst. Und damit behält er wohl recht. In einem der Container stapeln sich schlaffe und ausgenommene Körper von Kälbern. In einem anderen Container liegt eine Ziege neben ihren Innereien. Auch abgetrennte Köpfe von Kälbern oder Beine liegen übereinander. Dazu der beissende Geruch. «Manchmal ruft mich jemand an und fragt mich, ob ich beim Entsorgen behilflich sein kann», sagt Züst. «Ich mache das dann auch. Ich kann die Leute ja verstehen.» Die meisten Leute würden die Tiere zudem entweder am Morgen oder am Abend bringen. «Vielen ist es einfach unangenehm.» Schläpfer ergänzt: «Diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten, kommen immer erst, wenn es dunkel ist.»

Einmal in der Woche holt ein Transporter die Kadaver und Metzgereiabfälle ab. Diese werden dann nach Bazenheid in das TMF-Extraktionswerk gebracht, wo sie entsorgt und verwertet werden. TMF steht für den früheren Namen Tiermehlfabrik. «Im Schnitt holt der Transporter drei Tonnen pro Woche ab», sagt Züst. «Je nachdem sind es aber auch bis zu sechs Tonnen.» Vor allem im Herbst, wenn Metzgete-Zeit ist. Nachdem die Sammelstelle am Freitag jeweils geleert wurde, muss Züst den kompletten Raum reinigen. «Ich wasche zuerst alle Container und den Boden. Danach desinfiziere ich alles wegen der Keime und Bakterien.»

Lebende Hühner, herrenlose Schlange

In all den Jahren habe es nie ein wirkliches Problem gegeben. «Einmal aber lag eine lebendige Schlange im Container. Wahrscheinlich von einem Schlangenliebhaber geliefert. Da habe ich dann zuerst die Polizei gerufen», erinnert sich der Betriebswart. Die Schlange wurde schliesslich von Mitarbeitern des Walter-Zoos abgeholt. Wie das Tier in die Sammelstelle gelangte, weiss bis heute niemand. Etwas unschöner dagegen sei es, wenn ein Tier noch lebe. «Das kam in all den Jahren aber nur ganz selten bei einigen Hühnern vor. Der Hühnerhalter bemerkte nicht, dass sie noch nicht tot waren», sagt Züst. Da hätte dann jeweils einer der drei Notschlachter einschreiten müssen. Denn gleich neben der Tierkörpersammelstelle befindet sich eine Notschlachtanlage. Wird beispielsweise ein Tier auf der Strasse angefahren oder verletzt sich eine Kuh schwer, wird das Leben des Tieres dort beendet. Landwirte aus der Region lassen in der Notschlachtanlage aber auch häufig ihre gesunden Tiere schlachten.

Der Verein Tierkörpersammelstelle Wolfhalden besteht derzeit aus 14 Gemeinden. Seit Anfang Jahr deckt die regionale Sammelstelle auch den Bedarf der Gemeinden Rorschach, Rorschacherberg, Goldach sowie Thal ab. Dies, weil die Sammelstelle in Rorschach Ende 2016 geschlossen wurde.

Finanzielle Vorteile für die Gemeinden

Ein Grund, wieso sich mehrere Gemeinden eine Sammelstelle teilen, seien die Kosten, sagt Schläpfer. Jede Gemeinde bezahlt einen Beitrag. «Dieser wird bei jeder Gemeinde pro Kopf und pro Nutztier gerechnet», sagt Schläpfer. «Zudem gibt es immer weniger Landwirte. Das spielt sicher auch eine Rolle bei der Zusammenlegung.» Auch der Aufwand dürfe nicht unterschätzt werden. «Das, was Ruedi Züst macht, will nicht jeder machen», sagt Schläpfer. Dieser entgegnet schulterzuckend: «Für mich ist das einfach eine Nebenarbeit.»