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«Witt oas uf da Ranza»

Die Rheintaler werden von aussen als direkt und offen eingestuft, mit einer eher groben Sprache.
Christoph Mattle
Versuchte Rüthner Vereinsvertreterinnen und -vertreter auf die Schippe zu nehmen: Komiker Yves Keller alias «Chäller». Bild: pdVersuchte Rüthner Vereinsvertreterinnen und -vertreter auf die Schippe zu nehmen: Komiker Yves Keller alias «Chäller». Bild: pd
Versuchte Rüthner Vereinsvertreterinnen und -vertreter auf die Schippe zu nehmen: Komiker Yves Keller alias «Chäller». Bild: pdVersuchte Rüthner Vereinsvertreterinnen und -vertreter auf die Schippe zu nehmen: Komiker Yves Keller alias «Chäller». Bild: pd
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«Witt oas uf da Ranza»

Gemeinhin sagt man, die Rheintalerinnen und Rheintaler seien – im Unterschied zu anderen Ostschweizern – eher direkt, offen und gerade heraus, wenn es um eine Meinungsäusserung geht; weniger hääl (schmeichelnd, falsch) als etwa die Stadt-St.Galler. Im Weiteren sagt man, die Rheintaler würden recht ruuch (rauh) reden. Das mag stimmen, denn im Oberied spricht man – nicht nur bei Tieren, sondern auch beim Menschen – vom Ranza (Bauch), vo da Schnoara (Mund), vom Greand (Kopf), vo da Tööpa (Finger). Hat jemand Bauchweh, so heisst es, er habe s Ranzapffiiffa. Ebenso kann man unter Greandwea leiden.

Will man jemandem drohen, sagt man: I houdr itz denn Pfuuscht (Faust) id Schnoara. Oder: Witt oas uf da Ranza? Oder: I geabdar itz denn da Schua (Schuhe) in Aasch (Hintern). Als wir klein waren, und uns eine fremde Person drohen wollte, sagte sie: I losdr d Oara (Ohren) stoa. Wir konnten das nicht einreihen, ob es böse oder lieb gemeint war. Ebenso wenn jemand sagte: I packdi itz denn bim Nüschil. Was genau ein Nüschil ist, weiss ich heute noch nicht genau. Man konnte sagen: Häascht du wiedar an Nüschil! Das hiess so etwas wie eine schlechte Frisur. Das Wort Nüschil scheint mehr oder weniger verschwunden zu sein.

Alles wird verboten…

In der Schule gab es Hösi und Tatza. Hösi kommt von Hosaspannar. Der Lehrer packte den Delinquenten, nahm ihn übers Knie und häadan vasolat (versohlt). Meistens mit einem Stecken. Vor der versammelten Klasse. Auf dem Läasibüachli-Bild haut der Mann mit der baren Hand. Das habe ich so nie gesehen. Das tat doch nicht weh! Als ein Schulkollege einmal einen Hösi bekommen hatte, mit zündrotem Greand den starken Armen des Lehrers entkommen war und triumphierte, as heijam gäär nüd wea toa, nahm der Lehrer den Schnuderi (Lausbub) noch einmal dran. Es gab noch einmal 15 Schläge mit dem Zeigestock.

In der 6. Klasse gab es eine Tatze pro Fehler, den man im Diktat hatte. Junge Leute wissen heute aufgrund moderner Pädagogik nicht, was eine Tatze ist und ebenso wenig, was ein Diktat ist.

Bleandaschtööba und Pfingschtamaa

Im Oberied existierten zwei alte Bräuche. Wenn ein Mann seine Frau schlug, häapmanam bleandagschtööbat. Drittpersonen machten in sicherer Entfernung des Hauses des Angeklagten einen Riesenlärm. Sie riefen: «Wäar Bleandafleisch will koofa, moas zum Sepp loufa, s Kilo föanan Foaz. Wäar zschpoot kund, kund zkoaz.» Das war eine Art Volksgericht gegen die häusliche Gewalt.

Der zweite Brauch: In der Nacht auf Pfingstmontag haben «liebe» Freunde in der Nähe des Hauses eines ledigen Kollegen eine ausgestopfte lebensgrosse Puppe mit Frauenkleidern aufgehängt. Man schrieb einen Spruch dazu, und damit wurde der Ledige darauf hingewiesen, dass es Zeit wäre, eine Frau zu nehmen. Die Puppe wurde möglichst hoch an einen Baum oder an einen Kandelaber aufgehängt, damit der Heiratsfähige da Pfingschtamaa nicht so schnell herunterholen konnte und die ganze Dorfschaft sich ergötzen konnte. Dass es Männer gab, die schwul waren und keine Frau nehmen wollten oder konnten, wussten wir als Goofa nicht. Das Wort schwul war unbekannt. Der Gemeinderat Oberriet hat beide Bräuche just zwei Tage nach meiner Geburt, am 16. Juli 1952, verboten. Das hinderte meine «lieben» Freunde nicht, mir im Jahr 1979 ein Pfingschtawiib aufzuhängen. Ich war 27 Jahre alt und noch ledig. Das betrachtete man damals als alt genug, um endlich eine Frau zu nehmen. Was ich dann auch getreulich tat.

Uueeligi Goofa

Weil man zu unserer Jugendzeit nicht über Sex sprach, kannten wir viele einschlägige Wörter nicht. Man hat höchstens davon geredet, dass eni oder ena gega s sechst Geboot eppis gmacht heii. Ein Wort hörte man aber immer wieder und wagte nicht zu fragen, was das bedeute: an uueeligs Keand (Kind). Unehelich war damals eine Schande. Schande kam – leider – über die Mutter und über das Keand; in der Regel nicht über den Vater. Oft zahlte er und blieb unerkannt.

Zurzeit erleben wir eine Inflation an neuen Wörtern rund um die Geschlechtlichkeit. In meiner Familie waren wir 14 Goofa. Nach acht Moatla kam als Nummer neun der erste Bub. Nummer zehn war wieder a Möatali. Mein Vater wurde gefragt, warum er denn noch weitere Kindli wolle, da er ja beide Geschlechter habe. Mein Vater antwortete: «Ich habe das Gefühl, es gebe noch ein drittes Geschlecht. Das will ich noch wissen.» Damals war es ein Witz!

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