diepoldsauer schwamm
«Wir werden nie mehr so viel lernen» – Ehepaar verbringt den Sommer auf der Alp

Lea Brönnimann und Erich Sonderegger sind als Alphirten-Paar den Sommer über auf dem Diepoldsauer Schwamm.

Andrea C. Plüss
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Lea Brönimann und Erich Sonderegger mit ihrem Hund Vuk vor der Alphütte auf dem Diepoldsauer Schwamm.

Lea Brönimann und Erich Sonderegger mit ihrem Hund Vuk vor der Alphütte auf dem Diepoldsauer Schwamm.

Bild: Andrea C. Plüss

Eines der fünf Kälber hustete nun bereits den zweiten Tag in Folge, bemerkte Lea Brönnimann während ihres allmorgendlichen Kontrollbesuchs der Tiere auf der Weideparzelle. Sie informierte zuerst den Bauern, dem das Tier gehört. Man vereinbarte, den Tierarzt zu rufen. Das Kalb bekam ein Antibiotikum gespritzt, denn es habe sich erkältet, stellte der Veterinär nach einer Untersuchung fest. Die zweite Spritze musste Lea Brönnimann dem Tier zwei Tage später verabreichen. «Im Vergleich zu den Spritzen, die wir vom Arzt kennen, war diese riesig», sagt die Alphirtin. Zu zweit hätten sie es aber gut hinbekommen.

Die 36-Jährige lebt seit dem 13. Mai mit ihrem Partner Erich Sonderegger in der auf 1240 Höhenmetern gelegenen Alphütte der Ortsgemeinde Diepoldsau auf dem Schwamm. Als Alphirtin ist sie verantwortlich für 36 Rinder und fünf Kälber. «Meine Aufgaben sind die Tierpflege und das Weidenmanagement», erklärt die gebürtige Davoserin. Ihr Freund ist verantwortlich für die Beiz, die täglich geöffnet ist, erledigt alles Handwerkliche und packt an, wo es nottut. So an einem Abend, als plötzlich ein Gewitter aufzog und sich die Rinder auf einer Weide befanden, die kaum Schutz bot. «Wir haben die Tiere im Regen an einen sichereren Platz getrieben», erzählt Erich Sonderegger.

Die Alp eröffnet neue Perspektiven

Der Entschluss, den Sommer als Alphirten auf dem Diepoldsauer Schwamm zu verbringen, entsprang nicht einer spontanen Laune des Paares, sondern ist vielmehr ein erster Schritt in Richtung gemeinsame berufliche Neuorientierung. Zu einem späteren Zeitpunkt möchten die beiden selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb führen. Das Branchenmagazin «St.Galler Bauer» ist bereits abonniert in der Hoffnung, dort auf entsprechende Inserate zu stossen.

Lea Brönnimann ist gelernte Pflegefachfrau, sie mag ihren Beruf und ist auch aktuell noch mit einem Zehn-Prozent-Pensum bei der Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland angestellt. Ihr schwebte jedoch etwas Neues vor. Im August 2020 begann sie eine Ausbildung zur Bäuerin FA auf dem Plantahof bei Landquart. Der zweijährige Bildungsgang kann auch berufsbegleitend absolviert werden.

Erich Sonderegger, gelernter Polymechaniker, geniesst eine gewisse berufliche und finanzielle Unabhängigkeit. Vor einigen Jahren erwarb der 37-Jährige, der auch mal einen Kleiderladen und eine Beiz führte, eine alte Fabrik in Rheineck, die er zu Wohnungen und Gewerberäumen umbaute und vermietet. «Das Grundeinkommen gibt mir die Freiheit, mein Leben nach meinen Vorstellungen zu gestalten», sagt Sonderegger. Das Paar lebt in Heerbrugg. Da Lea Brönnimann im Rahmen ihrer Ausbildung zur Bäuerin Praxiszeiten im Berufsfeld nachweisen muss, bewarben sich beide im letzten November bei der Ortsgemeinde Diepoldsau, die ein neues Alphirtenpaar suchte. Ende Januar konnten sich Lea Brönnimann und Erich Sonderegger dem Ortsverwaltungsrat vorstellen. «Wir waren an einem Donnerstag dort, am Freitag haben sie uns bereits zugesagt», erinnert sich Erich Sonderegger. Ohne vorherige Besichtigung der Alphütte und des Geländes willigten beide ein. Als Alphirtin erhält Lea Brönnimann den sogenannten Hirtenlohn für die Tier- und Weidepflege. Dieser entspricht für den Alpsommer, also gut drei Monate, in etwa dem, was eine Pflegefachkraft in Vollzeit im Spital in einem Monat verdient. Für den Gastronomiebetrieb verlangt die Ortsgemeinde eine sehr geringe Pacht und bekommt zudem einen kleinen Teil der Einnahmen.

Die Alphirtin kennt jedes Rind auf der Weide.

Die Alphirtin kennt jedes Rind auf der Weide.

Bild: PD

Warm duschen nur bei Sonnenschein

In der Alphütte gibt es fliessend Kaltwasser, das aus der Quelle ins Haus gepumpt wird, Solarstrom sowie einen Windgenerator. Die Toilette, die in den Güllekasten entleert wird, befindet sich ausserhalb der Hütte beim Stall. Dort steht auch die Solardusche, die Warmwasser spendet, sofern das Wetter mitspielt und die Sonne scheint. Ein Telefonfestnetzanschluss ist vorhanden sowie qualitativ schwankender Internetempfang.

Das «eigene Reich» beschränkt sich auf ein abschliessbares Zimmer im ersten Stock der Hütte. Unten befinden sich die Küche und ein Gastraum mit 16 Sitzplätzen. Im separaten Gebäude unterhalb der Hütte, dem Massenschlag, können während der Alpsaison 18 Personen unterkommen.

«Z’Alp»: Neues lernen auf unbekanntem Terrain

Auf einer Rinderalp wie dem Diepoldsauer Schwamm beginnt der Arbeitstag etwas später als auf einer Kuhalp, wo die Tiere bereits früh am morgen gemolken werden müssen. Für die Alphirtin beginnt der Tag um 6.30 Uhr. Der erste Gang führt sie zu den Rindern auf der Weide.

Sie kennt nach knapp sechs Wochen jedes Rind. Als ein Rind eine Flechte am Fell aufwies, gab ihm Lea Brönnimann homöopathische Globuli. Jede Massnahme am Tier wird schriftlich festgehalten. Das Wohl der Tiere – die Rinder stammen von fünf bäuerlichen Betrieben aus der Region – steht über allem. Die Transparenz über alle Eingriffe, die ein Tier betreffen, ist heute Standard.

Wohl am anspruchsvollsten für die Alphirtin ist es, den richtigen Besamungszeitraum eines brünstigen Rindes festzustellen und es dann aus der Rinderherde zu isolieren und in den Stall zu treiben. «Entweder wollen alle mit und springen sogar über Zäune und die Beizenterrasse. Oder das zu isolierende Rind versteckt sich im Wald», sagt Lea Brönnimann und lacht. Befindet sich ein Rind in der Hauptbrunst, wird der Besamer auf die Alp gerufen. «Die Auswahl des Samens, der für die künstliche Befruchtung verwendet wird, hat der Besitzer des Rinds bereits vorher getroffen», sagt die Älplerin.

Nebst den Erfahrungen auf einer Geissenalp im Tessin und dem neu erworbenen Wissen während der Bäuerinnenausbildung greift Lea Brönnimann gern auf ein Handbuch zurück, das unterhaltsam und gleichzeitig lehrreich über den Alltag auf einer Alp informiert. Vorbereiten kann man sich jedoch kaum auf alle Eventualitäten; gefragt sind gesunder Menschenverstand, Verantwortungsbewusstsein und Flexibilität. «So viel in so kurzer Zeit lernen wie hier auf der Alp werden wir wohl nie mehr», ist Erich Sonderegger überzeugt.

Hinweis: Informationen zur Alphütte sind unter www.ogdiepoldsau.ch/alp/alphuette zu finden. Auch Nichtälplern zur Lektüre empfohlen: «Neues Handbuch Alp», Handfestes für Alpleute, Erstaunliches für Zaungäste. Infos unter www.zalpverlag.ch