«Wir waren wie ein Familienbetrieb»

35 Jahre lehrte Karl Ziegler an der Altstätter Berufsfachschule. 31 Jahre war er Leiter der Schule bzw. nach dem Zusammenschluss mit Rorschach der Kaufmännischen Abteilung des BZR. Nun naht der Ruhestand. Die Abteilungsleitung übergibt er Philipp Müller. Lehrer bleibt er aber noch ein Jahr.

Max Tinner
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Karl Ziegler vor dem im Jahr 2010 eingeweihten Neubau an der Bildstrasse. Dass Altstätten Berufsschulstandort bleibt, war dem gebürtigen Stadtsanktgaller stets ein Anliegen. (Bild: Max Tinner)

Karl Ziegler vor dem im Jahr 2010 eingeweihten Neubau an der Bildstrasse. Dass Altstätten Berufsschulstandort bleibt, war dem gebürtigen Stadtsanktgaller stets ein Anliegen. (Bild: Max Tinner)

Herr Ziegler, Sie sind seit 1980 am Berufs- und Weiterbildungszentrum, am «KV», wie man früher sagte, hier in Altstätten. Man hört Ihnen aber an, dass Sie kein gebürtiger Rheintaler sind. Wie hat es Sie hierher verschlagen?

Karl Ziegler: Das ist richtig, ich stamme aus der Stadt St. Gallen. Dass ich ins Rheintal kam und hier blieb, hat sich so ergeben. Ich hatte schon während meines Handelslehrer-Studiums Schule gegeben, um mir das Studium zu finanzieren. Das hat mir viel Freude gemacht. Ich war aber unsicher, ob ich nicht noch dissertieren will. Ich unterrichtete dann zunächst ein Jahr an einer Privatschule und an der Berufsmittelschule in St. Gallen. In dieser Zeit war in der Zeitung eine Stelle in Altstätten ausgeschrieben. Man suchte für zwei Jahre einen Handelslehrer. Da sagte ich mir, «gut, gehen wir mal für zwei Jahre dorthin und schauen, ob mir ein Vollpensum liegt».

War der Wechsel ins Rheintal für Sie als verwurzelter Stadtsanktgaller kein Kulturschock?

Ziegler: Altstätten war mir ja nicht unbekannt. Zu jener Zeit hat man auch in der Stadt viel von hier gehört. Es war damals lokalpolitisch eine turbulente Zeit. Als ich hierher kam, war ich aber positiv überrascht: Das Schulhaus war für die damalige Zeit sehr modern, eine richtige kleine HSG, sogar mit Kunst am Bau. Aber auch die Infrastruktur der Schule hat mich begeistert. Man hatte hier bereits einen Xerox-Kopierer. An der Berufsschule in St. Gallen arbeitete man zur selben Zeit noch mit Sprit-Matrizen. Die Voraussetzungen zum Schule geben waren bestens. Die Lernenden – tja, das waren halt Rheintaler. Aber auch an die habe ich mich gewöhnt.

Waren die Schülerinnen und Schüler hier so arg?

Ziegler: Nein, das waren sie nicht. Aber es stimmt, was man dem Rheintaler nachsagt, dass er nämlich direkter ist, als man es andernorts ist. Das gilt mittlerweile aber auch für mich. Die Offenheit der Rheintaler habe ich ebenfalls angenommen. In den kantonalen Gremien gelte ich darum heute als Rheintaler: Ich sage in den Sitzungen meine Meinung, egal wie es ankommt. Ich fühle mich heute auch als Rheintaler. Auch wenn meine Mundart keine von hier ist.

Sie haben also mit Rheintaler Offenheit durchsetzen können, dass Altstätten seine Berufsfachschule behält?

Ziegler: Mir lag viel daran, dass die Schule dem Rheintal erhalten bleibt, besonders zur Zeit der Kantonalisierung, als sie vom Kaufmännischen Verein an den Kanton überging und es zur Restrukturierung der Berufsschulstandorte kam. Heute ist Altstättens Berufsfachschule ein Exot: Während überall sonst die verschiedensten Berufsleute ausgebildet werden, sind wir eine kaufmännische Berufsfachschule geblieben. Einzig die MPA, die Medizinischen Praxisassistentinnen, sind uns angegliedert worden. Unser Standort in Rorschach ist um einiges vielfältiger.

Welche Bedeutung hat die Berufsfachschule in Altstätten noch nach der Fusion mit Rorschach?

Ziegler: Altstätten ist zwar «nur» noch ein Standort des Berufs- und Weiterbildungszentrums Rorschach-Rheintal. Aber unterm Strich hat die Schule an Bedeutung gewonnen. Denn der Zusammenschluss ermöglichte den Neubau, der wiederum eine Zusammenführung der kaufmännischen Klassen beider Standorte in Altstätten ermöglichte. Heute bieten wir als kaufmännisches Kompetenzzentrum alle Ausbildungsprofile dieses Berufs an, was auch den Wechsel innerhalb der Profile erleichtert, wenn ein solcher sich aufdrängt.

Der Standort Altstätten ist also in alle Zukunft gesichert?

Ziegler: Nichts lässt sich in alle Zukunft voraussagen. Ob die Schule Bestand haben wird und welche Berufsleute hier künftig ausgebildet werden, hängt wie an allen Standorten und wie für alle Berufsrichtungen von der demographischen Entwicklung in der Region ab und welche Berufe die jungen Erwachsenen künftig erlernen. Ich denke aber, dass Altstätten auch künftig eine der grösseren Berufsschulen im Kanton bleiben wird.

Die kaufmännische Lehre ist bei den Jugendlichen ja auch ungebrochen favorisiert.

Ziegler: Ja. Das hat auch damit zu tun, dass die kaufmännische Ausbildung recht allgemein ist. Das hat den Vorteil, dass man nach der Lehre leicht die Branche wechseln kann. Die vielen Möglichkeiten, die sich bieten, tragen sicher zur Beliebtheit des Berufs bei. Er bietet nach der Ausbildung mehr Möglichkeiten als die meisten anderen Berufe.

Das klingt ein wenig wie: «Wenn ich nicht weiss, was ich später tun möchte, mach ich mal das KV».

Ziegler: Wenn man's so sehen will, kann man das. Es gibt aber auch Familien, in denen die Eltern ihren Kindern die kaufmännische Lehre ans Herz legen.

In denen der Vater oder die Mutter dem Kind sagt: «Ich war beim Ziegler, geh du doch auch zu ihm».

Ziegler: (lacht) Ob's grad der Ziegler sein muss, sei dahingestellt. Aber Eltern, die selbst das KV gemacht haben, wissen, dass es eine gute Ausbildung ist. Aber Ihre Unterstellung hat schon etwas für sich. Ist jemand unentschlossen, dann tut er nämlich gut daran, eine möglichst breite Ausbildung, wie es die kaufmännische ist, anzustreben. Das hilft einem im Selbstfindungsprozess.

Rückblickend: Wünschten Sie sich nie, auch mal etwas anderes gemacht zu haben?

Ziegler: Nein. Hat man sich mal für etwas entschieden, soll man das nicht hinterfragen. Das macht nur unglücklich. Bei mir kam dazu, dass ich hier früh Rektor geworden bin. Schon vier Jahre nachdem ich hierher gekommen war, durfte ich die Nachfolge Ignaz Romers antreten. Das bot mir viele Gestaltungsmöglichkeiten. Ich konnte etwa für den Kaufmännischen Verein, der damals Träger der Schule war, die Weiterbildung ausbauen. Das passte mir. Ich machte das ganze Finanzwesen der Schule und konnte so mein Wissen, das ich an der HSG erworben habe, umsetzen. Und die Schule hatte stets eine familiäre Grösse, die es mir erlaubte, auch als Rektor noch ein gewisses Pensum Schule zu geben. Hinzu kam, dass schon früh auch meine Frau ins Sekretariat der Schule einstieg und wir so viel miteinander arbeiten konnten.

Die Kaufmännische Schule Altstätten war also so etwas wie ein Familienbetrieb?

Ziegler: Das war ein wenig so. Und blieb es bis heute. Wir sind nun auch miteinander pensioniert worden – und arbeiten beide noch ein wenig an der Schule weiter: meine Frau noch zwei Monate im Vollpensum im Sekretariat, ich noch ein Jahr einen Tag die Woche als Lehrer. Mir bietet das die Möglichkeit, mich langsam von einem relativ grossen Arbeitspensum an den Pensionsmodus zu gewöhnen – und der Schule Gelegenheit, vom Familienbetrieb auf einen Normalbetrieb umzustellen. Die Voraussetzungen dafür sind gut; die Nachfolge scheint mir jedenfalls bestens geregelt.

Langsam auf Pensionsmodus umstellen: Das klingt, als hätten Sie die letzten Jahre keine Zeit für Hobbies gehabt, an die Sie nun anknüpfen könnten?

Ziegler: Doch, doch, die gab es schon. Aber nicht in dem Ausmass, dass sich damit die ganze neue freie Zeit füllen liesse. Ich reise gern, ich wandere gern, ich lese gern … das sind so meine Hobbies. In jungen Jahren habe ich auch noch Fussball gespielt.

Ich vermute, Sie wandern so gerne, weil sie ein schlechter Autofahrer sind. Ehemalige Schüler haben sie stets zu Fuss oder mit dem Velo, aber nie mit dem Auto zur Schule kommen sehen. Es heisst darum, Sie seien dreimal durch die Fahrprüfung gerasselt. Was ist an diesem Gerücht dran?

Ziegler: (lächelt) Nichts. Ich habe nie eine Fahrprüfung gemacht.

Tatsächlich? Warum das?

Ziegler: Es hat sich so ergeben. Meine Frau und ich kennen uns schon lange. Wir waren schon zusammen, als ich studierte. Und als wir uns das erste Auto kauften, machten wir so etwas wie einen Deal.

Sie kaufen das Auto und Ihre Frau fährt es?

Ziegler: So in etwa. Sie wollte gerne Auto fahren, und ich war nie ein Autofan. Also sagten wir uns, meine Frau macht die Prüfung und fährt; ich mache die Prüfung nicht und fahre mit. Dabei blieb es all die Jahre. Dass Gerüchte herumgeboten werden, wusste ich natürlich.

Der Abschlussstreich jener Schüler, die Ihnen einen Veloparkplatz vor die Schule malten, dürfte Sie also sogar gefreut haben?

Ziegler: Ja. Für meinen Vorgänger hatte es einen markierten Parkplatz, für mich als velofahrenden Rektor aber nicht. Ich bin aber ohnehin meist zu Fuss hier. Ich wohne nur etwa fünf Minuten von der Schule entfernt.

Wenn Sie an Ihre Anfänge hier zurückdenken: Was hat sich verändert?

Ziegler: Einiges. Auffällig sind zum Beispiel die heutzutage wesentlich besseren Fremdsprachenkenntnisse der Lernenden, vor allem im mündlichen Ausdruck. Die Jugendlichen haben sich aber auch im Wesen verändert. Früher waren sie zurückhaltender. Heute sind sie offener.

Im positiven oder negativen Sinn?

Ziegler: Das kommt auf die Umstände an. Wenn Lernende offen ihre Bedürfnisse anmelden können, dann ist das gut. Das klärt die Situation. Es gibt aber auch solche, die den Ton nicht recht treffen und den nötigen Respekt vermissen lassen – aber das gab es auch früher schon.

Sie sollen stets ein zurückhaltender Lehrer gewesen sein. Sie hätten zwar gelächelt, aber nie gelacht, sagt man. Was ist da dran?

Ziegler: Sagt man das wirklich? Vielleicht ist tatsächlich etwas dran. Meine Frau sagt auch, ich sei zu ernst. Es mag meinem Wesen entsprechen, dass ich andere nicht bedrängen möchte – ich mag es auch nicht, wenn man mich bedrängt. Ich schätze einen gewissen Abstand. Als Lehrer ist eine gewisse Distanz zu den Schülern aber sicher von Vorteil. Im Klassenzimmer muss der Lehrer der Chef sein.

Es ist aber nicht so, dass Sie nicht lachen könnten?

Ziegler: (lacht) Bisweilen lache ich durchaus. Aber ich nehme meine Aufgabe ernst. Das mag sich vielleicht in meinem Ausdruck spiegeln. Aber es nicht so, dass ich keine Freude am Job gehabt und darum keinen Anlass zum Lachen gesehen hätte. Ich erlaube mir auch während des Unterrichts dann und wann mal einen Scherz – auch wenn nicht jeder von den Lernenden verstanden wird.

Ehemalige sind Ihnen auch heute noch dankbar für gute Tips, die Sie Ihnen mit Blick auf die Abschlussprüfung gegeben haben.

Ziegler: Es gehört zum Job eines Lehrers, die Lernenden möglichst gut auf den Abschluss vorzubereiten. Früher war die Prüfung alles entscheidend. Ein Hinweis, sich auf das zu konzentrieren, was man gut kann, vermag da ein wenig von ihrem Schrecken zu nehmen. Heute hat die Prüfung aber ohnehin nicht mehr denselben Stellenwert, weil die Erfahrungsnoten aus jedem Fach in den Abschluss eingerechnet werden.

Haben die heutigen KV-Schüler eigentlich noch Stenographie?

Ziegler: Nein, das war das erste, was während meiner Zeit hier abgeschafft worden ist. Ach nein, die Kalligraphie, die Schönschrift, wurde noch eher abgeschafft.

Hätte ich mit meinen Notizen da bestehen können?

Ziegler: (schaut sich die ihm hingehaltenen Notizen an und lacht.) Keine Chance!