«Wir waren ihnen auf den Fersen»

Thurgauer Ermittler haben die drei Köpfe einer polnischen Autoschieberbande gefasst. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Ohne die Hilfe der deutschen und der polnischen Polizei wäre das nicht möglich gewesen.

Ida Sandl
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Die Akten werden ausgewertet: Der Kreuzlinger Staatsanwalt Patrick Müller mit einem Ermittler der Kantonspolizei Thurgau. (Bild: Reto Martin)

Die Akten werden ausgewertet: Der Kreuzlinger Staatsanwalt Patrick Müller mit einem Ermittler der Kantonspolizei Thurgau. (Bild: Reto Martin)

KREUZLINGEN. Nachdem sie den ersten Mann hatten, konnten sie richtig loslegen – der Kreuzlinger Staatsanwalt Patrick Müller und die Ermittler der Kantonspolizei Thurgau. «Das war der Durchbruch», sagt Müller. Er sitzt in seinem Büro in Kreuzlingen, zwischendurch läutet immer wieder das Handy. Müller ist einer, der gerne vorwärts macht.

Seltsames Kennzeichen

Am 5. August fiel der bayrischen Polizei ein Mercedes auf. Kennzeichen und Auto gehörten nicht zusammen. Nur wenige Tage zuvor waren aus einer Garage in Kreuzlingen zehn teure Mercedes gestohlen worden. Den Thurgauer Ermittlern war klar, dass die Autos über die Grenze gebracht worden waren. So läuft es meistens. Die Autos werden in nicht allzu grosser Entfernung abgestellt und erst nach und nach weggeschafft.

Fünf der gestohlenen Mercedes fanden deutsche Polizisten in einer Tiefgarage in Singen wieder, einer war am Flughafen in Memmingen parkiert. Als die bayrische Polizei Mercedes Nummer 7 kontrollieren wollte, drückte der Fahrer aufs Gas. Er kam nicht weit. Mit dem Auto stürzte er eine Böschung hinab, der Wagen überschlug sich mehrmals. Totalschaden. Der Mann, ein 47-jähriger Pole, sitzt seitdem in Bayern in Auslieferungshaft.

Mit Diebesauto in Radarfalle

Der Verhaftete war für die Ermittler so etwas wie ein Sechser im Lotto. Ein Autoschieber, der international zur Fahndung ausgeschrieben war. Auch die Schwyzer Polizei suchte ihn. Schnell war klar, dass er zu einer Bande gehört. Es gibt Bilder von einer Radarfalle, auf denen er und ein anderer Mann zu sehen sind. Die beiden Männer wurden in gestohlenen Autos geblitzt. «Fotos, wie man sie sich wünscht», sagt der Ermittler der Kantonspolizei, der anonym bleiben möchte.

Die Thurgauer Fahnder schicken ein Rechtshilfeersuchen nach Polen. «Kommt vorbei», schreiben die Polen zurück. Müller und ein Polizist fliegen nach Breslau, treffen sich mit dem dortigen Staatsanwalt. «Sie haben uns sehr unterstützt.» Die polnische Polizei stellt Aufenthaltsorte fest, überwacht Verdächtige, macht Verstecke ausfindig. Im Thurgau laufen die Fäden zusammen. «Bei einem Rechtshilfeersuchen darf die ausländische Polizei nur tun, was wir beantragt haben», erklärt Müller. Nach und nach trudeln die Ergebnisse in Kreuzlingen ein, manchmal kommen sie gebündelt. Dann fällt der Feierabend flach oder das Wochenende. Schlüsse werden gezogen, weitere Aufträge erteilt. «Es ist wie ein Puzzle», beschreibt Müller die aufwendige Arbeit.

Warten auf das nächste Mal

Bald sind die Ermittler weiteren zwei Bandenmitgliedern auf der Spur. Sie sollen aber nicht in Polen verhaftet werden. «Kein Land liefert eigene Staatsbürger an ein anderes Land aus», sagt Müller. Man setzt darauf, dass die Bande erneut in Deutschland oder in der Schweiz zuschlägt. Das passierte dann auch. Aus mehreren deutschen Städten werden Autodiebstähle gemeldet, die ins Schema passen. «Wir waren ihnen auf den Fersen, aber stets einen Schritt zu spät», schildert Müller.

Bis zum 22. Oktober: Da fahren die Autoschieber mit einem gestohlenen Porsche bei einer Mercedes-Garage in München vor. Vermutlich sind sie wieder auf Raubzug. Diesmal ist die Polizei aber schneller. Die Männer, 33 und 47 Jahre alt, werden gefasst. Auch sie sind wegen Autodiebstählen vorbestraft. Wie sich herausstellt, haben sie in den letzten drei Monaten etwa 14mal Autos gestohlen. Nach den bisherigen Erkenntnissen dürfte es sich ziemlich sicher um die Köpfe der Schieber-Bande handeln.

Zusammenarbeit klappte

Ein grosser Erfolg in kurzer Zeit. Das sei nur möglich gewesen dank der schnellen und unkomplizierten Unterstützung der Staatsanwälte in Deutschland und Polen. «Alleine hätten wir das nicht geschafft», sagt Müller.