Wir und die anderen

Das Dorf mochte den Lehrer. Er hatte die Kinder im Griff. Sein Konzept war, einen Störenfried in der Klasse zu benennen und ihn auch in der Rolle zu belassen. Jede Klasse hatte so seinen Aussenseiter. Alle schätzten den Kollegen – bis eben auf die Einzelnen, die er auserwählt hatte.

Silke Dohrmann Pfarrerin In Widnau-Kriessern
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Das Dorf mochte den Lehrer. Er hatte die Kinder im Griff. Sein Konzept war, einen Störenfried in der Klasse zu benennen und ihn auch in der Rolle zu belassen. Jede Klasse hatte so seinen Aussenseiter. Alle schätzten den Kollegen – bis eben auf die Einzelnen, die er auserwählt hatte. Ist das Frieden? Was meinen Sie?

Ein Journalist schrieb, er habe seit 30 Jahren die Länder besucht, aus denen jetzt die Flüchtlinge kommen. Doch er habe sich vor 2015 nicht vorstellen können, dass sich so viele Menschen auf den Weg nach Europa machen.

Dabei war er überall: in Afghanistan, Syrien, im Irak und Iran. Warum hat er das nicht vorausgesehen. Er war immer von einem Wir ausgegangen und einem Die, die Anderen.

Dies war ein grober Denkfehler, denn durch die Globalisierung sind wir Menschen miteinander verbunden, ob wir es wollen oder nicht.

Unsere Sorgen über die Globalisierung und deren Folgen wachsen; über die Klimaveränderung, den Terror und die Migrationsbewegungen weltweit. In diese Verunsicherung ertönt der Ruf nach Sicherheit und messerscharfen Rezepten laut, hier und überall in Europa.

In der berühmten Holzdecke mit den vielen Fresken in der Kirche Zillis GR sehen wir im Zentrum, wie Jesus in der Wüste vom Satan, dem Durcheinander-Bringer, versucht wird. Einzig auf diesem Bild sieht man die Kulisse der heimischen Bergwelt von Zillis. Die Versuchung Jesu geschieht nicht irgendwo in Palästina, sondern hier, an dem Ort, wo Du lebst.

Unsere Versuchung ist es, die schnellen und einfachsten Lösungen zu wählen. So wie der Lehrer mit seinem System des faulen Friedens. Wäre es nicht eine Weiterentwicklung unseres Menschseins, wenn wir die wirtschaftlichen und politischen Sünden benennen würden, nämlich die Ursachen für die Fluchtbewegung, und dann unseren Weg ändern?

Auch mir ist es vertraut, zu unterscheiden zwischen dem Wir und dem Sie, mich über andere zu ärgern und nicht zu realisieren, dass es ein gemeinsames Wir gibt, das grösser ist und für das es sich lohnt, sich einzusetzen. Ob wir es zusammen lernen, die ständigen Abgrenzungen zu überwinden, zum Beispiel zwischen Frauen und Männern, Einheimischen und Fremden, Christen und Moslems, Linken und Rechten, Schuldigen und Unschuldigen?

Als Christen glauben wir, dass Gott alle Menschen geschaffen hat, dass er unser Vater ist und uns Jesu Weg durch alle Herausforderungen und Versuchungen hindurch zum Frieden führt. Das gibt mir Kraft. Meistens.

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