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«Wir schaffen 100 neue Arbeitsplätze»: Heerbrugger Unternehmen SFS will Millionen investieren

Dem 48-jährigen Jens Breu ist der Aufstieg vom Maschinenmechanikerlehrling bis zum Konzernchef gelungen. Im Interview verrät er, warum SFS trotz der Krise Millionen investieren will.

Interview: Dorothea Alber
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Jens Breu hat zwei Kinder und wohnt in Lüchingen. Mehrmals pro Woche fährt er mit dem Velo die zwölf Kilometer an seinen Arbeitsplatz am Hauptsitz der SFS in Heerbrugg.

Jens Breu hat zwei Kinder und wohnt in Lüchingen. Mehrmals pro Woche fährt er mit dem Velo die zwölf Kilometer an seinen Arbeitsplatz am Hauptsitz der SFS in Heerbrugg.

Bild: pd

Für viele Unternehmen bleibt die Lage angespannt. Warum ist es bei SFS anders?

Jens Breu: Wir spüren im dritten und fortlaufenden vierten Quartal eine starke Erholung, die uns wieder auf ein hohes Niveau zurückführt – aber insgesamt noch nicht das Niveau vor der Krise erreicht hat. Gerade der asiatische Markt hat sich schnell erholt. In unseren Endmärkten hat die Krise zu einer V-Kurve geführt – sprich zu einem starken Einbruch, aber auch zu einer starken Erholung. Gewisse Nachholeffekte sind darin sicherlich eingebettet, weshalb es im kommenden Jahr wohl nicht eine weitere Erholung auf demselben Niveau geben wird.

Deutschlands Autoindustrie produzierte im ersten Halbjahr eine halbe Million weniger Autos; für Zulieferer werden Staatshilfen diskutiert. Dennoch erholt sich der Markt?

Es gibt mehrere Faktoren, die dazu führen. Es herrschte erstens eine gewisse Unsicherheit, die 2018 und 2019 dämpfend auf die Konsumenten wirkte, da sie sich fragten, ob sie einen Hybrid, Benziner, Diesel oder doch lieber ein Elektroauto kaufen sollen. Hersteller haben ihre Produktpalette umgestellt, und so kommen inzwischen viele Hybridautos und batteriebetriebene Fahrzeuge auf den Markt. Der zweite Faktor ist, dass im ersten Halbjahr tendenziell zu wenig produziert wurde. Und der dritte Grund ist, dass Kunden in der Lieferkette überreagiert haben und ihre Supply Chain zu stark leerten. Das führt nun zu einem gewissen Nachholeffekt.

Besteht bei den Konsumenten überhaupt die Nachfrage in Zeiten wie diesen?

Ich glaube, dass die Konsumenten aufgrund bestimmter An­reize – wie extrem tiefe Zinsen – eine gewisse Zuversicht verspüren. Sie haben zwar Angst, glauben aber an einen kurzfristigen Effekt der Pandemie. Es herrscht zudem ein Ausgabestau vor, weil Menschen durch die Lockdowns weniger Geld ausgeben konnten. Sie beginnen z.B., das angesparte Geld in ein neues Auto zu investieren.

Die Autobranche stand schon vor der Krise vor einem Strukturwandel angesichts der Milliardeninvestitionen, um die staatlich vorgegebenen Klimaziele zu erreichen. Wie wirkt sich das auf SFS aus?

Wir befassen uns trotz Krise stark mit diesem Trend und investieren erhebliche Mittel, um bei neuen Lösungen partizipieren und vom Wachstum profi­tieren zu können. Jetzt werden neue Technologien entwickelt, daher müssen wir uns auch jetzt darauf ausrichten, sonst werden wir in vier oder fünf Jahren kein Teil davon sein.

Die Bremssysteme, die SFS produziert, sind auch in einem Elektroauto einsetzbar?

Ja. Wir fokussieren uns stark auf Applikationen, die unabhängig vom Antriebsstrang sind und für den generellen Trend hin zum autonomen Fahren wichtig sind.

Sind diese Bremssysteme der Umsatztreiber der SFS?

Ja. Wir haben in den letzten Jahren stark in dieses neue Produkt investiert. Vor drei Jahren tätigten wir 25 Mio. Franken an Investitionen für Komponenten von elektronischen Bremssystemen. Zudem werden wir 25 bis 30 Mio. Franken in eine neue Gebäudehülle in Heerbrugg investieren, in der Baugruppen für diese Systeme produziert werden. Weitere 25 Mio. Franken sind nötig, um die Maschinen und Anlagen dafür zu beschaffen.

SFS konnte trotz Krise auf einen Stellenabbau verzichten. Es werden sogar neue Arbeitsplätze entstehen?

Wir versprechen uns durch die Erweiterung zirka 100 neue Arbeitsplätze, die uns aber auch Gelegenheit geben, andere Produkte aus der Schweiz an andere Standorte zu verlagern. Uns ist wichtig, in Heerbrugg Know-how- und kapitalintensive Produkte in hochautomatisierten Prozessen zu fertigen. Bestimmte Produkte werden künftig dann keinen Platz mehr haben.

Zum Beispiel?

Komponenten, die rein für den Verbrennungsmotor gebaut wurden. Sie sind einem zunehmenden Preisdruck unterworfen, die Innovationszyklen werden aber nicht mehr vorangetrieben. Wenn es nur noch um den Preis geht, sind wir der falsche Standort. Wir sehen unsere Chance in Innovationsschlaufen mit laufenden Neuentwicklungen, bei der Geschwindigkeit und Präzision wichtig sind.

Einige Produkte wurden bereits verlagert.

Ja. Wir haben in den letzten zehn Jahren nur kleine Erweiterungen durchgeführt und das Produktportfolio in Heerbrugg massiv umgestaltet – ohne Arbeitsplätze abzubauen.

Die Autoindustrie ist für 80 Prozent des Umsatzes am Standort im Rheintal verantwortlich. Ist es erstrebenswert, dass der Anteil so hoch bleibt oder wollen Sie diesen zurückschrauben?

Wir waren früher am Standort breiter aufgestellt und haben zum Beispiel auch die Bauindustrie beliefert. Für uns ist es aber zentral, hier vor allem innova­tive Produkte zu fertigen. Die Endmärkte sind sekundär. Die Autoindustrie hat zurzeit kurze Innovationszyklen – und genau das suchen wir.

SFS versucht aber auch andere Branchen zu erobern und investiert in den Bereich der Medizinaltechnik?

Ja, die Medizinalbranche ist die am stärksten wachsende Industrie, die für uns relevant ist. Wir sehen hier jährliche Wachstumsraten von acht bis zehn Prozent, die damit deutlich über jenen der Automobilindustrie liegen, die – wenn sie sich wieder erholt hat – zwischen 1,5 und 2,5 Prozent liegen werden. Für uns ist die Medizinaltechnik noch ein junger Markt, in den wir stark investieren und für den wir eine globale Fertigungsplattform aufbauen wollen.

SFS investiert jährlich 6 bis 7 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Die Coronakrise bremst dies also nicht aus?

Nein, wir fokussieren stark auf Innovation. Zum Teil können wir uns auch keine Verzögerung leisten, weil Kundenprojekte dahinter stehen, die abgeliefert werden müssen – egal auf welchem Niveau sich der Markt gerade bewegt. Auch Innovationen werden in Angriff genommen. Auf der Kostenseite mussten wir den Gürtel aber enger schnallen.

Ist dies denn bei einem hochautomatisierten Standort möglich?

Auch wenn wir ein Produkt oder einen Prozess dahingehend schon fünfmal analysiert haben, finden wir immer noch Einsparpotenzial. Pro Jahr möchten wir fähig sein, Produktivitätssteigerungen von zwei bis 2,5 Prozent zu erarbeiten. Gerade bei neuen Produkten ist das Potenzial grösser, die Kosteneffizienz zu optimieren.

Wie lautet Ihr Ausblick für das Jahr 2021?

Wir gehen davon aus, dass 2021 ein Übergangsjahr sein wird, nachdem wir zurzeit eine starke Erholung erleben. Das erste Halbjahr dürfte etwas holprig werden. Wir rechnen mit partiellen Lockdowns und Einschränkungen, da uns die Coronakrise weiterhin im Griff haben wird. Fürs zweite Halbjahr gehen wir aber davon aus, dass sich der Bedarf materialisieren wird und es zu einem Nachholbedarf bei den Konsumenten kommen wird. Im Jahr 2022 wird SFS hoffentlich an das Vorkrisenniveau in den Endmärkten anknüpfen können.

Wie sehen die Ziele für die Medizinaltechnik aus?

Wir versuchen das Medizinalgeschäft global aufzustellen. Im Moment liegt der Gesamtumsatz bei 7,5 bis 8 Prozent, mittelfristig erhoffen wir aber einen Umsatzanteil von zehn bis 15 Prozent.