Presseschau
«Wir fahren nicht nur, wir arbeiten mit einem Mountainbike»: Zum Olympia-Triumph von Jolanda Neff

Der Olympia-Triumph von Jolanda Neff und ihren Teamkolleginnen war gestern das beherrschende Thema in den Schweizer Zeitungen.

Yves Solenthaler
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«Triumph für die Ewigkeit» – «Historischer Sieg in Tokio» – «Sie siegen und siegen – doch so gut waren sie noch nie.» Jolanda Neffs Olympiasieg war das Thema auf den Titelseiten.

«Triumph für die Ewigkeit» – «Historischer Sieg in Tokio» – «Sie siegen und siegen – doch so gut waren sie noch nie.» Jolanda Neffs Olympiasieg war das Thema auf den Titelseiten.

Bild: ys

Nach dem Tag, an dem der Schweizer Fussball­verband seinen erfolgreichen Nationaltrainer Vladimir Petkovic verabschiedet hat, schreiben die Schweizer Zeitungen vor allem vom historischen Sweep der Schweizer Mountainbikerinnen um Jolanda Neff. «Traumfahrt ins Schweizer Olympiaglück», titelte das «Tagblatt». Das historische Ereignis wurde auch im Blätterwald gefeiert, aber auch die zweijährige Leidenszeit von Jolanda Neff war ein verbreitetes Thema.

Der Blick titelt gewohnt knallig: «Drama, Tränen, Gold!». Reporter Emanuel Gisi schreibt: Mit Jolanda Neff, Sina Frei und Linda Indergand haben erstmals drei Schweizerinnen auf einen Chlapf olympisches Gold, Silber und Bronze geholt (...) Besonders für Neff, die nach einem schweren Unfall vor zwei Jah­- ren nicht wusste, ob sie je wieder Velo fahren könne, ein Triumph.» Im Sport-Teil schreibt Mathias Germann über Jolanda Neffs Freund: «Luca (Shaw, d.Red.) hat Jolanda so stark gemacht.»

Im Tages-Anzeiger schreibt Monica Schneider über «Jolanda Neffs kitschigen Weg ins Glück: «Es ist eine fast kitschig schöne Geschichte, die vor allem Neff da in den Track von Izu geschrieben hat, wenn man von diesen zwei langen, schwierigen Jahren weiss, in denen sie nicht nur zweifelte, sondern fast verzweifelte. Eigentlich begannen sie im Oktober 2019 mit dem Test-Event auf der Olympia­strecke: «Das war mein letztes Rennen vor Zuschauern», sagt Jolanda Neff. Dann folgt der Crash.

Über die Leidenszeit, die folgte, sagte Neff dem «Tages- Anzeiger»: ‹Diese Zeit wurde immer länger und länger. Und nie weisst du, ob du je wieder das höchste Niveau erreichen kannst, auf dem du einmal warst. Ob du je wieder Rennen fahren wirst, wie du sie früher gefahren bist.› Jetzt habe die 28-Jährige gezeigt, dass sie das wieder kann, schreibt der «Tagi».

In der Neue Zürcher Zeitung blickt Philipp Bärtsch auf einen längeren Zeitraum zurück. Unter dem Titel «Von weit unten nach ganz oben» schildert er Neffs Entwicklung nach missglücktem Olympiastart in Rio vor fünf Jahren: «Neff deutete an, dass sie in der Olympia­saison einer Depression nahe gewesen sei: ‹Ich schottete mich mehr und mehr ab. Das war kontraproduktiv, weil ich nicht so bin. Ich brauche Luft, Freiraum, Spontaneität›, sagte sie, ‹ich hatte eine Türe nach der anderen zugemacht, und um all diese Türen wieder zu öffnen, brauchte ich etwas Radikales. Also ging ich an die Uni. Das zwang mich, in eine andere Welt einzutauchen. Dieser krasse Einschnitt war meine Rettung, er brachte mich zu mir selbst und zu meinen Freunden zurück.» Das Studium brach Neff kurz nach dem WM-Titel 2017 wieder ab: ‹Sport ist das, was mir am meisten Freude macht›.»

«Kaum eine Sportart, die schweizerischer ist»

Über das Rennen schreibt die NZZ: «Es hatte heftig geregnet in der Nacht und am Morgen, statt staubtrocken war der Untergrund nun matschig. Ohne diesen Regen wäre der Schweizer Dreifacherfolg kaum zustande gekommen. Viele Fahrerinnen kamen nicht mit den neuen Verhältnissen zurecht (...) Die Schweizerinnen stellten sich am besten darauf ein. Sie fuhren die Strecke zwei Stunden vor dem Rennen nochmals ab – und erzählten später genüsslich, wie die Französinnen sie nur besichtigt hätten – in Turnschuhen.»

Einen weiteren Bogen spannt in der NZZ der Marbacher Samuel Tanner, der die Frage ergründet, warum die Schweiz im Mountainbike so erfolgreich ist. In der Online-Version titelt die NZZ: «Wäre die Schweiz eine Sportlerin, sie wäre eine Mountainbikerin.» Dazu schreibt Samuel Tanner: «Zum ersten Mal während dieser Olympischen Spiele entstand eine schweizerische Euphorie. Und es ist kein Zufall, dass es beim Mountainbiken passierte. Es lässt sich kaum eine Sportart denken, die schweizerischer ist. Natürlich war es ein Cross-Country-Wettbewerb, denn das ist nicht der Fun-Sport, der das Mountainbiken auch sein könnte. Sich mit der Bahn nach oben ziehen lassen und in diesen weiten Hosen und im flatternden Langarmshirt nach unten jagen: Darin sind andere Na­tionen besser. Zum Mountainbiken, wie wir es verstehen, gehören die Aufstiege mindestens so sehr wie die Abstiege, denn wir fahren nicht nur, wir arbeiten mit einem Mountainbike.»

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