Wilhelm Busch einmal anders

HEERBRUGG. Schon zu Lebzeiten war Wilhelm Busch für Werke bekannt, die sich deutlich von denen anderer Dichter abhoben. Vera Bauer schaffte es mit ihrer Interpretation der Geschichte «Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter», Busch in einem neuen Licht zu zeigen.

Valentina Thurnherr
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Einzigartiges Zusammenspiel von Mimik, Stimme und Instrument. Vera Bauer interpretiert «Balduin Bählamm» neu. (Bild: Valentina Thurnherr)

Einzigartiges Zusammenspiel von Mimik, Stimme und Instrument. Vera Bauer interpretiert «Balduin Bählamm» neu. (Bild: Valentina Thurnherr)

Das schlicht gehaltene Bühnenbild lässt in keinem Fall auf die folgende Performance schliessen. Von der Sekunde an, da Vera Bauer die Bühne betritt, baut sie eine Verbindung mit dem Publikum auf. Es scheint ihr ganz leichtzufallen, die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen, und in den ersten fünfzehn Minuten vergisst man gänzlich, dass man sich in der Aula der Kantonsschule Heerbrugg befindet.

Bilder in der Luft

Bauer vollbringt das Kunststück, mit ihrer klangvollen Stimme und ihrer ausdruckstarken Mimik Bilder in die Luft zu malen. Wilhelm Buschs Reime über seinen «verhinderten Dichter» kombiniert sie mit den bissigen Zitaten Arthur Schopenhauers, ein deutscher Philosoph des 19. Jahrhunderts, der von Busch aufs Tiefste bewundert wurde. Selbst Odo Marquard, ebenfalls deutscher Philosoph, sagte einst: «Busch ist gereimter Schopenhauer, womit ich nicht sagen will, dass Schopenhauer ungereimt ist.» Das Zitat könnte zutreffender nicht sein, denn am Ende jedes Kapitels, wenn Balduin Bählamm um eine weitere Lebenserfahrung reicher ist, folgt ein passendes Zitat von Schopenhauer. Der verzückte Zuschauer nimmt in den ersten Sätzen nicht wahr, dass von Busch zu Schopenhauer gewechselt wurde. Es wird einem erst bewusst, wenn man das Fehlen der Reime bemerkt.

Vera Bauer nennt ihr Programm auch eine «Anleitung zum Glücklichsein», was an sich schon genug an Ironie ist, wenn man bedenkt, dass Busch wie Schopenhauer schon zu Lebzeiten für ihren Pessimismus bekannt waren.

Immer gezweifelt

Noch interessanter ist jedoch, dass die Geschichte um «Balduin Bählamm» zur gleichen Zeit wie «Maler Klecksel» entstand. Beide Erzählungen thematisieren das künstlerische Scheitern. Es ist eine Erkenntnis und gleichzeitig eine Selbstreflexion, die Busch abgibt, da er zeitlebens an seinen schreiberischen und zeichnerischen Fähigkeiten gezweifelt hat.

Kein Happy End

Ein Zweifeln, dass man als unvoreingenommener Zuschauer nicht wahrnimmt, während man der melodischen Stimme Vera Bauers folgt, die es schafft, mit ihrem Cello die rhythmischen Klänge einer alten Dampflokomotive wiederzugeben und einem Bilder vorbeiziehender Landschaften vor Augen zaubert. Man ist teilweise sogar versucht, die ausdrucksstarke Mimik der Künstlerin auf dem eigenen Gesicht zu spiegeln, man leidet und hofft mit dem Hauptcharakter mit, aber man weiss, sofern man Buschs Werke kennt, dass man auf ein Happy End vergeblich hofft.

«Um neune wandelt Bählamm so / wie ehedem auf sein Bureau / So steht zum Schluss am rechten Platz / der unumstösslich wahre Satz: / Die Schwierigkeit ist immer klein / man muss nur nicht verhindert sein.»

Schmunzeln und nicken

So kommt es, wie es kommen muss, und man kann nicht umhin, wissend zu schmunzeln, zustimmend zu nicken und den beiden Pessimisten stillschweigend Recht geben.