Wie viel Kultur muss man ertragen?

Veranstaltungen im Städtli wie die Staablueme oder die Fasnacht begeistern Tausende – nicht zuletzt wegen der Altstadtambiance. Die Anwohner fühlen sich allerdings geplagt. Die Beschallung habe nicht mehr tragbare Ausmasse angenommen, sagen sie.

Max Tinner
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ALTSTÄTTEN. Klaus Krimphove wohnt in einer Altstadtwohnung oben an der Marktgasse, genau dort, wo Anfang August die Staablueme-Bühne stand. An und für sich mag er Kulturveranstaltungen im Städtli. «Das ist etwas Schönes», meint er. Je länger die Kulturwoche dauerte, desto mehr litt er aber unter ihr. Bei dem hochsommerlichen Wetter zu jener Zeit kam man nicht darum herum, abends die Fenster zu öffnen. An frühzeitiges Schlafengehen war nicht zu denken, selbst wenn man anderntags früh raus musste. Fernseh schauen, um zu entspannen, konnte man vergessen – selbst bei voll aufgedrehtem Gerät war nichts zu verstehen. Zwei, drei Tage halte man das aus, sagt Krimphove, «aber dann geht es mit der Toleranz zu Ende».

Der falsche Ort für laute Anlässe

Er hat sich eine App auf sein Mobiltelefon heruntergeladen, mit der sich der Schallpegel messen lässt. Manche Konzerte erreichten etwas über 80 Dezibel. Zuweilen waren es aber auch 90 oder gar 100 Dezibel. Der Unterschied scheint gering – hat es aber in sich. Denn die Dezibel-Skala steigt logarithmisch an: Eine Schallpegelerhöhung um drei Dezibel entspricht einer Verdoppelung der Schallleistung. Für Klaus Krimphove ist darum klar: «Eine Staablueme in der Marktgasse mag fürs Publikum zwar schön sein – sie ist hier aber am falschen Ort.»

Mit den Nerven fertig ist Hans Bonomessi, der mit seiner Frau vis-à-vis von Krimphove wohnt, in der Residenz Frauenhof. Veranstaltungen wie die Staablueme seien für die Anwohner eine Zumutung, lässt er die Redaktion schriftlich wissen, nachdem diese anerkannt hatte, dass die Staablueme das Städtli lebens- und liebenswerter mache. Arg sei es auch während der Fasnacht, wenn die Guggenmusiken bis nach zwei Uhr nachts spielen – nicht in der Beiz, sondern auf der Gasse. «So etwas belebt das Städtli nicht – das wird es entvölkern», ist sich Bonomessi sicher.

Ruhigere Veranstaltungen im Städtli wünscht sich auch Benedikt Dopple. Der 85-jährige Pfarrer im Ruhestand ist in Altstätten geboren und kam aufs Alter hierher zurück. Er hat den Eindruck, dass im Gegensatz zu früher, nur noch gefällt, was «tätscht». In einer Altstadt werde das besonders problematisch, weil der Schall von den Mauern nicht gedämpft werde; die Gasse wirke wie ein Trichter. Darum seien nicht nur die direkten Anwohner geplagt, sondern alle entlang der Gasse.

«Es fehlt an Respekt»

In der Marktgasse wohnt auch Jacques Sinz. Der Kürschnermeister ist Präsident der Ortsbürgergemeinde, die die Staablueme seit langem unterstützt. «Ja», bestätigt aber auch er, «auch die Staablueme ist mittlerweile zu laut.» Immerhin sei sie aber noch eine der wenigen Veranstaltungen, an der die Organisatoren die von der Stadt mit der Bewilligung vorgegebene Schlusszeit einhalten. Manchen anderen fehle es schlicht am Respekt den Anwohnern gegenüber.

Übers Jahr finden weit mehr als eine Handvoll Veranstaltungen im Städtli statt. Angefangen bei den Märkten und den einkaufsfördernden Anlässen der Interessengemeinschaft Einkaufen im Städtli über Sportveranstaltungen wie den Städtlilauf bis zu Musikveranstaltungen der Gastrobetriebe, zum Open-Air-Kino, zur Staablueme und zur Fasnacht. Einige von ihnen gibt es seit jeher, andere wie das Thaifestival vom vergangenen Wochenende sind in jüngerer Zeit dazugekommen. Den Anwohnern bringen sie nicht nur Lärm, sondern auch Einschränkungen beim Zugang zu ihrem Zuhause – und, wie ebenfalls geklagt wird, nicht selten noch unliebsamere Begleiterscheinungen wie Exkremente in den Hauszugängen.

Was muss man als Bewohner der Altstadt also tolerieren und was nicht? Die Frage ist berechtigt. Für den Stadtrat ist eine belebte Altstadt im Interesse aller. «Idealerweise sollte das Städtli tagsüber zu den Geschäftsöffnungszeiten voller Leute sein, auch an einem nebligen Novembertag», meint Stadtpräsident Ruedi Mattle. Auch an den Wochenenden wünscht er sich belebte Altstadtgassen. Veranstaltungen gehörten da dazu. «Sie bringen Altstätten regionale Ausstrahlung – wenn dabei jemand auf ein Schaufenster aufmerksam wird und unter der Woche deswegen wiederkommt, nützt uns das etwas», erklärt Mattle.

Bewohner gehören zum Städtli

Ebenso gehörten aber Anwohner zum Städtli, betont er. Die Bedeutung der Wohnnutzung in der Altstadt werde sogar eher noch zunehmen als zurückgehen.

Als Anwohner darf man erwarten, dass die Stadt für Veranstaltungen in den Altstadtgassen Regeln aufstellt. Für Anlässe braucht es darum eine Bewilligung der Stadt, die an Auflagen geknüpft ist. Bezüglich der Lautstärke wird als Mass die Umweltschutzgesetzgebung herangezogen. Werden Verstärkeranlagen eingesetzt, dürfen 93 Dezibel nicht überschritten werden, allerdings gemittelt über eine Stunde. Ist es kurzzeitig lauter, werden die Auflagen noch nicht verletzt.

Das OK der Staablueme hat sich nach bestem Wissen und Gewissen daran gehalten und dazu Lautstärkenmessungen durchgeführt, sagt OK-Präsidentin Petra Sieber. Der Donnerstag mit den Bubble Beatz – gerade sie zogen am meisten Publikum an – sei zugegeben laut gewesen. An allen andern Abenden sei man im Schnitt aber nie über den 93 Dezibel gewesen. Man habe sich auch stets noch gut miteinander unterhalten können, selbst an den vorderen Tischen. Und zeitlich habe man die Bewilligung nicht ausgereizt. Unter der Woche war um gut 23 Uhr Schluss, trotz Bewilligung bis Mitternacht.

Für Altstätten eine Bereicherung

Petra Sieber verhehlt nicht, dass die Kritik der Anwohner sie schmerzt. «Wir machen diesen Anlass für die Bevölkerung, fürs Städtli – ohne auch nur einen Franken daran zu verdienen», betont sie. Eine Verlegung aus der Altstadt heraus, kommt für sie nicht in Frage. «Dann stürbe die Staablueme.» Ähnlich sehen es Röllelibutzenpräsident Carlo Pinardi und Fasnachts-OK-Präsident Alex Zenhäusern. «Das Städtli würde verarmen ohne die Fasnacht und die anderen Veranstaltungen», meint Pinardi. Die meisten, die schon länger im Städtli wohnten, würden darum die Anlässe auch akzeptieren.